Top oder Flop: Was gefällt dir besser – und vor allem, warum?

Wer die Wahl hat, hat die Qual! Die zwei Befragten, Vanessa R. (Studentin aus Göttingen) und Sebastian K. (Student aus Kassel), wussten während der Befragung jedoch ganz genau, was ihnen rund um die dOCUMENTA (13) gefällt und was ihnen weniger zusagt. Vielleicht gibt Ihnen dieser Fragebogen einen Anreiz, selbst zu überlegen, was ihre Kunstvorlieben sind?!

Livia: Hallo Vanessa, schön, dass du dir für ein paar kurze „entweder-oder“-Fragen zur dOCUMENTA (13) Zeit nimmst. Ich würde sagen: Los geht`s!

Livia: Teilnahme an einer d-tour oder Selbsterkundung? Vanessa: Selbsterkundung. Da kann ich mir das ansehen, was ich will und wann ich es will.

Vanessa R.
© Livia Blum

Livia: Kunst im Museum oder im Freien? Vanessa: Das ist mir nicht so wichtig. Ich finde, Kunst sollte da ausgestellt werden, wo sie am besten wirkt oder es am wenigsten schädlich für sie ist.

Livia: Fotos als Erinnerung machen oder im Gedächtnis speichern? Vanessa: Eine Mischung aus beidem. Fotos aber auf jeden Fall machen, da man ja nun wirklich nicht alles im Kopf behalten kann, was man gerne möchte. Außerdem können sie ja auch als Erinnerungsstütze dienen.

Livia: Tageskarte oder Abendkarte? Vanessa: Als Studentin habe ich gegen Abend einfach mehr Zeit und deswegen würde ich mich da für eine Abendkarte entscheiden.

Livia: Malerei oder Fotografie? Vanessa: Ich finde beides interessant. Es kommt auf das Motiv und den Aufbau an und natürlich auch, wie das Bild letztendlich gestaltet worden ist.

Livia: Performance oder Film/Video? Vanessa: Eine Live Performance schlägt so schnell nichts. Selbst dabei sein ist einfach toll. Allerdings gibt es bei Film und Video die Möglichkeit, dass mit Special Effects aller Art gearbeitet wird. Und je nachdem, was der Künstler erreichen will, kann das genau so interessant und spannend sein. Ich lasse mich also gern auf beides ein.

Livia: Alle Standorte auf der dOCUMENTA (13)-„To-do“-Liste abhaken oder einzelne Objekte genauer betrachten? Vanessa: Ich möchte so viel wie möglich sehen. Das, was einem am besten gefallen hat, sollte man aber länger und vielleicht auch mehrmals betrachten.

Livia: Hetze oder Muße beim documenta-Besuch? Vanessa: Muße. Durchhetzen ist einfach nur stressig und da kann man ja gar nicht genießen.

Livia: Schauplätze alleine erkunden oder mit Freunden/in einer Gruppe? Vanessa: Mit Freunden. Leute, mit denen man über die Werke reden kann, machen alles gleich doppelt so interessant.

Livia: Werke betrachten oder vom Künstler eingebunden werden? Vanessa: Ich betrachte Werke am liebsten einfach nur oder spreche darüber. Ich würde mich nicht wohl fühlen, wenn ich eingebunden wäre.

Livia: Werk selbst deuten oder Intention des Künstlers lesen? Vanessa: Zuerst das Werk selbst deuten und hinterher die Intention des Künstlers lesen. Das finde ich am spannendsten.

Livia: Begleitende Bücher zur documenta kaufen oder Zeitungsartikel lesen/sammeln? Vanessa: Leider bin ich immer recht knapp bei Kasse und deswegen sind Zeitungsartikel einfach die praktischere Variante.

Livia: documenta-Fanartikel kaufen oder Geld sparen? Vanessa: Leider Geld sparen.

 

Livia: Super, dass du gerade einen Moment Zeit hast. Dann lass uns mit dem Fragebogen starten, okay?

Livia: Kunst im Museum oder im Freien? Sebastian: Lieber Museum. Die Kunst im Freien der dOCUMENTA (13) sagt mir irgendwie nicht so zu, die Werke in der documenta-Halle und am Hauptbahnhof fand ich hingehen ziemlich interessant.

Sebastian K.
© Livia Blum

Livia: Teilnahme an einer d-tour oder Selbsterkundung? Sebastian: Selbsterkundung, weil ich mir lieber meine eigenen Gedanken mache.

Livia: Tageskarte oder Abendkarte? Sebastian: Abendkarte, weil ich von der Arbeit aus leider überhaupt nicht die Zeit hätte, den ganzen Tag auf der DOCUMENTA (13) zu verbringen.

Livia: Malerei oder Fotografie? Sebastian: Eher Malerei. Ich kann gar nicht genau sagen, warum mir das besser gefällt. Als ich aber zum Beispiel das Werk „Limited Art Projekt“ von Yan Lei in der documenta-Halle gesehen habe, war ich richtig beeindruckt. Er scheint sein Handwerk zu beherrschen. Dass er seine Bilder in Abständen überlackiert, finde ich wiederum schade.

Livia: Performance oder Film/Video? Sebastian: Auf jeden Fall Film/Video. Also ich bin ein großer Fan von Film und Video, gerade die Umsetzung vieler Künstler ist sehr gelungen. Das Gesamtwerk von William Kentridge „The Refusal of time“ am Hauptbahnhof fand ich bombastisch. Die laute Musik, die einen von allen Seiten beschallte, hat den laufenden Film eindrucksvoll verstärkt.

Livia: Hetze oder Muße beim documenta-Besuch? Sebastian: Hetze, weil ich möglichst viel in kurzer Zeit sehen möchte, um viele Eindrücke mit nach Hause nehmen zu können.

Livia: Schauplätze alleine erkunden oder mit Freunden/in einer Gruppe? Sebastian: Mit Freunden. Alleine macht es doch keinen Spaß und man kann sich ja auch nicht austauschen.

Livia: Werke nur betrachten oder vom Künstler selbst eingebunden werden? Sebastian: Werke nur betrachten, denn man weiß ja nie, auf welche schrägen Ideen der Künstler kommt, wenn er anwesend ist. Das wäre mir zu heikel, wobei es wiederum nicht alltäglich ist, einen Künstler live in Aktion zu sehen.

(lb)

Die Kunst in Hütten

51 Kunsthütten stehen im Auepark. Jede davon hat ihre eigene Geschichte. Diese Hütte ist die Geschichte.

Wer in die Karlsaue geht, der muss sich unbedingt das Häuschen von Shinro Ohtake ansehen! Sein Werk  „Mon Cheri: A self-portrait as a scrapped shed“ ist schon von Weitem zu erkennen, denn es ist eine bunte Hütte, die an einen japanischen Imbissstand erinnert. An diesem Ort in der Karlsaue hat Shinro Ohtake Alltagsmaterialien wie Neonschilder, Plakate, Fotos, andere Gegenstände und Weggeworfenes zusammengeführt und neu verwendet. Der gebürtige Japaner kombiniert und verwandelt, sodass sich ein neues Bild ergibt und bestimmte Themen angedeutet werden. In dem Fall sind es die intensiven und zeitlichen Prozesse, die beeinflussen, wie wir Dinge wahrnehmen. Die vorgefertigte Hütte wurde um Materialien ergänzt, die der Künstler in verschiedenen Ländern gefunden hat. Der Mittelpunkt des Werkes ist ein Sammelalbum, das sein Lebenswerk darstellen soll. Geräusche, die er aufgenommen hat, werden nur durch Außenstehende aktiviert. Über ein Jahr lang hat der Künstler Bilder und Klänge gesammelt, die er genauso gesehen und gehört hat.

Diese Diashow benötigt JavaScript.


© Christina Dilk

Insgesamt ist die Atmosphäre hier eher gemütlich und ruhig. Die Hütte steht unter einem riesigen Baum, der an heißen Tagen Schatten spendet und bei Regen vor dem Nasswerden schützt. Der Baum sorgt jedoch auch für etwas Unsicherheit. Zufällig hinaufgesehen, entdeckt der „Gast vorm Asiaimbiss“, dass im Baum mehrere Boote hängen. Boote, die in Kassel gefunden worden! Was machen die da? Sind sie von einem Tsunami hinaufgespült worden?

Hier entdeckt jeder immer wieder etwas Neues und vielleicht auch etwas Altes neu. Alle Produkte dieses Projektes sind Erinnerungsstücke für den Künstler, vielleicht auch für den Betrachter…

Vom Unsichtbaren zum Sichtbaren

Nicht nur visuell, sondern auch kulinarisch hat die Documenta Einiges zu bieten. Und das nicht nur an den Bars und Ständen rund um den Friedrichsplatz. Ein Projekt von  Robin Kahn und Peter Lamborn Wilson für die Documenta verbindet Kunst mit Cuisine.

Mein erster Spaziergang durch die Karlsaue führte mich unter Anderem an einem orientalischen Zelt und einem Campingwagen vorbei, von dem mir ein appetitlicher Duft entgegen wehte.

©50bananas

Es handelte sich hierbei um The Art of Sahrawi Cooking von Robin Kahn & La Cooperativa Unidad Nacional Mujeres Saharauis (The National Union of Women from Western Sahara). Hintergrund dieses Aufbaus ist das Aufmerksammachen auf das Schicksal der Bewohner der Westsahara, insbesondere der Frauen, die durch die Annektierung ihres eigenen Landes durch Marokko staatenlos geworden sind. Seitdem verschwindet das gesamte Volk der Westsahara nach und nach aus dem Bewusstsein der Menschen.

Besucher kosten den lecker duftenden Couscous

©50bananas

©50bananas

Die Idee für das Projekt  in der Karslaue entstand durch einen Traum des Dichters und Historikers Peter Lamborn Wilson, der neben dem Künstler Robin Kahn für das Wüstenzelt verantwortlich ist. Wilson sah in diesem Traum Frauen aus der Westsahara, die für die Besucher der Documenta Couscous zubereiten. Aus dem Traum wurde Wirklichkeit. Aus den Unsichtbaren wurden Sichtbare.

©50bananas

Von 12 bis 19 Uhr wird in regelmäßigen Abständen Couscous angeboten. Außerdem ist man auch gern gesehener Gast in dem mit Teppichen ausgelegten Zelt, wo man mit den überaus freundlichern Bewohnern Tee trinken kann.

Weitere Prominenz auf der dOCUMENTA (13) gesichtet! – Langhans, die Zweite

Nicht nur Weltstar Brad Pitt (* 1963), sondern auch Rainer Langhans (* 1940), deutscher Autor, Filmemacher und WG-Mitglied der ehemaligen Kommune I in den 70er Jahren, war ein gerngesehener Gast auf der größten Weltkunstausstellung.

Er ließ es sich nicht nehmen, das Kasseler dOCUMENTA (13)-Flair zu genießen. In der Nähe des Fridericianums wurde er gesichtet, wo er einige Stunden verweilt haben soll. In seinem typischen weißen Dress soll er in einem bequemen Strandstuhl das sonnige Wetter am Freitagnachmittag genossen haben. Diesen entspannten Anblick des überzeugten Veganers werden wohl noch einige Zuschauer aus der fünften Staffel der RTL-Show „Ich  bin ein Star – Holt mich hier raus!“ kennen, an der Langhans 2011 teilnahm.

Dora García

Jessica Miriam Zinn, Rainer Langhans, Joachim Scharloth
© Daniela Rieß

Laut Medienberichten ist Langhans von der in Barcelona lebenden Künstlerin Dora Garcías (* 1965) auf die größte Weltkunstausstellung eingeladen worden. Er hat an ihrer Show „Klau mich: Radicalism in Society Meets Experiment on TV“ im Ständehaus teilgenommen. dOCUMENTIERT war bei der „Klau Mich Show“  live dabei, ein ausführlicher Bericht dazu ist schon auf unserem Blog zu lesen.

(lb)

„We are all one“ – Die „Klau Mich Show“

Klau Mich
Radikalismus in der Gesellschaft trifft auf TV Experiment
von Dora García

    „Autorität, die Institution, ist in vielen Kämpfen in zahlreichen Feldern herausgefordert worden, vor allem aber dort, wo sie   den Menschen am stärksten die Luft zum Atmen raubt: im Gerichtssaal, im Museum, im Gefängnis, im Irrenhaus; in der Schule, der Regierung, der Armee, der Familie.“  Dora García

 „Klau Mich, Piratenpartei und Kommunikationsguerilla“ vom 22. Juni 2012

Dora García

Jörg Ruckel, Jan Mech, Darsteller, Publikum
© Daniela Rieß

Was erwarten wir von einer Bühne? Das sie bespielt wird. Natürlich! Und auch hier bricht dOCUMENTA (13) Gewohnheiten und Erwartungshaltungen. Die „Klau Mich Show“, konzipiert von Dora García, realisiert mit einer Vielzahl von Teilnehmern, unter anderem dem Offenen Kanal Kassel und dem Theater Chaosium aus Kassel, ist alles andere als eine reine Bühnenshow zum Konsumieren. Sie lebt von der Partizipation und der Ad-Hoc-Gestaltung durch das Publikum, mit dem Publikum. Mittendrin also. Mal wieder. Kommunizieren statt bloßes Antizipieren. Den Nebenmann, die Nebenfrau kennen, ein paar Worte wechseln. Und dann geht es schon los! Klappe, die erste!

„Es gibt hier kein krank oder gesund mehr – es gibt nur Spieler!“
Nein, los geht es noch nicht. Erst kommt der Moderator Jan Mech. Mit einer Begrüßung. Englisch und Deutsch. Und mit einer Anleitung, auch für das Publikum. Das wird nämlich nicht allein sein. Ein „professionelles Publikum“ wird Anregungen geben, Vormachen, Vorklatschen, zeigen, wie es geht, bei einer Show wie dieser dabei zu sein. „Wenn Sie da Unsicherheiten haben, wann es ein guter Moment ist zu klatschen“, so der Moderator, „dann orientieren Sie sich ruhig an unserem professionellen Publikum.“ Gestellt wird es vom Theater Chaosium aus Kassel, das durch seine zahlreichen Aufführungen bereits regionale Bekanntheit erlangt hat. Soziokulturelles Theater von Menschen mit und ohne Psychoseerfahrungen. Krank oder gesund. Wo verwischen diese Kategorien nicht? So auch auf der Bühne.

Die Kunst des „Bravo“
Gut, nun sind wir eingeführt in die Techniken des Publikum-Seins. Geht es jetzt los? Ja, wir steigen ein. Ach, nein. Nun üben wir erstmal Begeisterung. In verschiedenen Graden. Ja, erst ein wenig Klatschen. Dann ein wenig lauter, mit „Prima“-Rufen. Wir steigern uns!
„Ich verwirre Sie.“ Der Moderator. „Es ist sehr viel Eigenverantwortung, wie Sie sehen gerade, aber das gefällt mir sehr gut. Wenn Sie unschlüssige Reaktionen haben, ist uns das natürlich auch sehr willkommen. Ich werde Sie nicht zurechtweisen.“
Ja, wir wollen sie übernehmen, diese Eigenverantwortung. Wir wollen dabei sein, mitten drin sein. Und nicken doch noch recht Schüchtern mit dem Kopf in der Hoffnung doch nicht der oder diejenige zu sein, die auf die Bühne geholt wird. Bitte nicht. Bitte lass es endlich los gehen. Und bitte, lass uns doch ein klein, klein wenig dabei sein! Los geht’s!

Das Paar auf der Bühne. Wie es uns in viele dieser wohl gekannten Wohnzimmer zieht. Ein Streit. Eine Unsicherheit. Der eine geht. Sie bleibt. Und: Es kommt das professionelle Publikum herein. Sind wir endlich erleichtert, dass wir nun vielleicht ein wenig Spicken können, Abgucken, wie es geht? Wir erfahren:
„Heute geht es um nicht weniger als Klau mich, HAIR, Gegenkultur, Antiinstitution, die Lizenz zum Töten, Antiautorität, die ödipale Nachkriegssituation, historisches experimentelles Theater, historische Avantgarde, Piraten, Sprache, Demokratie, Transparenz, Bürgerrecht, Informationsgesellschaft, Symbole, Performance, Rituale, und Mitbestimmung.“
Musik setzt ein.

When the moon is in the Seventh House
And Jupiter aligns with Mars
Then peace will guide the planets
And love, will steer the stars

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Von „Hair“ lernen
Heute soll die Kommune, die 68‘er Thema sein. Und dann „Hair“? Nein, plakativ ist das nicht. Wir werden mehr erfahren. Und richten unsere Blicke auf: Rainer Langhans, Mitglied der Kommune I, Autor, Filmemacher, Aktivist, betritt die Bühne. Langhans, der Kontakt zu Baader und Ensslin hatte, zunächst eine Vision teilte. Jedoch nicht die Mittel und sich daher von der Gruppe (RAF) distanzierte. Langhans, Autor des Buches „Klau mich“ (1978). Ihm folgt Joachim Scharloth, Linguist und Autor des 2010 Buches „1968. Eine Kommunikationsgschichte“ sowie Jessica Miriam Zinn, Repräsentation der Piratenpartei Deutschlands.

Erstmal setzen. Denn hier. Hier dreht es sich um „Hair“, das erfahren wir alsbald. Bei „Hair“ ging es immer darum, dabei zu sein. Teil eines Ensembles zu sein. Die „vierte Mauer“ zu durchbrechen. Die vierte Wand, zwischen dir und mir, Ihnen und uns, zwischen Publikum und Schauspielern, sie soll durchbrochen werden. Die vierte Wand, die uns alle trennt, sie ist am Rand der Bühne, im Kopf, in den Formaten.
Bei „Hair“ war es anders. Da konnte das Publikum die Bühne genießen, dabei sein. Die vierte Wand wurde zerbrochen. 1968. Ist heute! Heute!

Ja, wir! We are all. We are all!

„Diesen fundamentalen Moment können wir alle erneuern.“ Diese Erfahrung der Aufhebung von Getrenntheit. Nicht nur zwischen Publikum und Bühne. Diese konventionelle Polarisierung durchbrechen. Das Publikum muss dabei mithelfen. Rufen, wie bei Hair! „We are all one. We are all one.“
„Seid bewusst, dass ihr hier seid. Wir teilen uns einen Raum und eine Zeit.“
Alle zusammen erheben. Alle aufstehen. Die Nebenfrau. Den Nebenmann anschauen. „Wir teilen eine wunderbare Präsenz, in einem wunderbaren Raum.“
Alle auf die Bühne. Wir sind alle eins. Wir teilen einen wunderbaren Raum. Das liebe professionelle Publikum, hilft den Amateuren, die noch nicht so sehr vertraut mit der Bühne sind. Ja, wir sind alle eins. „Wir bestehen alle aus den gleichen Partikeln und den gleichen Teilen. (…) Wir atmen die gleiche Luft.“
Shake Hands. Diese Energie gemeinsam aufnehmen. In einen gemeinsamen Rhythmus bringen. Wir kommen ganz nah dran. An Hair. Wir sind Hair. Wir sind hier!

„We are all one. We are all one. We are all one. We are all one.“

Nach 45 und das Erbe von 68
Nach diesem Beginn müssen wir erstmal atmen. Durchatmen. Uns reorientieren auf unseren Stühlen. Fühlen uns doch ein wenig. Deplatziert. Irgendwie. Wollen wir doch alle wieder. Eins sein. Auf der Bühne sein?
Wir tauchen ein in eine Diskussion um die Frage nach dem Mördergen, welche die 68‘er um Langhans sehr bewegte. Ob es möglich ist, die Gewalt in uns zu überwinden. Dafür müssen wir uns mit uns selbst beschäftigen. Daher haben wir diese Auszeiten gesucht. Nur mit uns selbst. So Langhans. Um diese Seite in uns zu finden. „Um einen neuen Menschen in uns zu entdecken“, so Langhans. Finden wir sie? Und wie ist die Gewalt in die 68‘er-Bewegung gekommen? Fragt er.

Jessica Miriam Zinn findet das befremdlich. Mördergen. Gewalt und solche Verbrechen, die auf gar keinen Fall zu verharmlosen sind, finden überall auf der Welt statt. Und vielleicht ist es jedem von uns möglich, eine andere Haltung zu finden. Gewaltfreiheit. In uns? „Wir müssen die Augen offen halten“, so Zinn.

Dora García

Zuschauerin und die Schamgrenze
© Daniela Rieß

Eine Diskussion über die Strömungen der 1968‘er, ihrem Verhältnis zum Nationalsozialismus, über Radikalität und Gewalt und wie wir uns davor bewahren können. Und mitten in Scharloths Erläuterungen unterbricht der Moderator. Es sei nun Zeit. Wir merken, ja, da war gerade eine Art Gong. Nun geht es um Nacktheit. Unser Verhältnis dazu. Dass sie nackt auftraten, damals 68. Dass vor allem Vertrauen in das Publikum dazu gehört. Für diesen Akt. Und schon wird die Blonde in der Reihe vor mir heraus gefischt. Eine englischsprachige junge Frau. Ob sie alles verstanden hätte. Ob sie wüsste, dass es hier um Nacktheit geht. Yes. Und ihr Name ist Gloria. Gloria auf der Bühne. Gloria, die gebeten wird, so viele Kleidungsstücke auszuziehen, wie es ihr Schamgefühl und ihre Sozialisation zulassen. Alles in englischer Sprache, natürlich! Atem angehalten. Sie legt die Schuhe ab. Den Gürtel. Zögert kurz. Die Hose. Und endet dabei. Applaus.

Dora García

Jessica Miriam Zinn, Rainer Langhans, Joachim Scharloth
© Daniela Rieß

Teilen statt besitzen
Jessica Miriam Zinn, die den Moderator fragt, warum er sich denn nicht ausziehe. Und er dieser impliziten Aufforderung folgt. Es Gloria gleicht tut. Bis es ihm unwohl wird. Ja, mit Kleidung habe er sich sicherer gefühlt.
Und um Sicherheit geht es auch, in der Diskussion um Datensammlung und Freiheit im Internet. Die Freiheit zu teilen, statt zu besitzen. Vielleicht die Vision der Zukunft, die die Generation heute mit den 68‘ern verbindet. Aber um „Klau mich“, also etwas zu stehlen, gehe es gerade nicht. Das Internet ist ein breiter, freier Raum und es sei, so Zinn, vor Kriminalisierung bei der Nutzung von Informationen und Daten im Netz zu warnen. Wir kennen diese Diskussion, irgendwie.

Und enden wieder mit Hair. Mit einem Tanz auf der Bühne. Ohne die vierte Wand. Miteinander. Hand in Hand. Taumeln wortgefüllt und visuell angereichert auf die Straße. Und wundern uns. Ein wenig. Sehnen uns. Zurück auf diese Bühne, tanzend zu Hair.

Dora Garcà

Tanz zu „Hair“
© Daniela Rieß

Den gesamten Dialog zur Show gibt es zum Nachlesen unter http://www.dieklaumichshow.org/transcriptions/46.pdf oder als Video auf www.dieklaumichshow.org

www.dieklaumichshow.org
http://theater-chaosium.de/

Text & Fotos: Daniela Rieß

Linksammlung vom 26. Juni

Ob Kassel oder Kabul – die Welt blickte auch heute wieder auf die d(OCUMENTA).
Wir machen für heute Pause und verabschieden uns mit frischem Lese-, Seh- und Hörstoff!

Die 360°-Tour von hr-online.de

Ingo Arend, taz.de: Radikale Befreiung am Hindukusch

DRS 2, Reflexe: Documenta 13: die Kunst als Ideendrehscheibe (Audio)

Ingeborg Wiensowski, Spiegel Online: Eben noch Altenpfleger, jetzt Künstler

Architektourist.de: Öko Skin Fassade für „Nachhaltige Ausstellung“ auf der dOCUMENTA (13)

Heinrich Schmidt, vernissage.tv: d13-Tour am Preview-Tag (Video)

Mariam Ghani: A Brief History of Collapses, by Amy Mackie (English)

(mb)

Von Industrie zur Kultur – Haegue Yang

In den alten, stillgelegten Abteilungen des Hauptbahnhofes, bei den verlassenen Gleisen neben einer alten Lagerhalle, hört man immer wieder ein leises Surren, ein kurzes Klicken und dann herrscht wieder einige Zeit Stille.
Zu sehen ist eine Installation aus von der Decke hängenden Aluminium-Jalousien. Sie erinnern stark an das Gerüst eines Zuges, wie er vor vielen Jahren, als der Hauptbahnhof in Kassel noch Hauptanlaufstelle jeglichen Schienen-fern-Verkehrs war, täglich ein und aus liefen. Mit dem Bau des größeren Bahnhofes, Kassel Wilhelmshöhe, wird der Hauptbahnhof seit nun 11 Jahren nur noch für den regionalen Schienenverkehr benutzt. Im Jahr 1995 wurde der alte Bahnhof saniert und als sogenannter Kulturbahnhof entworfen. Hier fanden Kunstgalerien ihren Platz und zahlreiche Künstler der dOCUMENTA (13) ließen sich von der Atmosphäre und den Räumlichkeiten des alten Bahnhofes inspirieren.
So auch die koreanische Installationskünstlerin Haegue Yang, die zwischen verlassenen Bahnsteigen ihr Kunstwerk konzipiert hat. Für ihre Kunst verwendet Yang Alltagsgegenstände, um daraus Installationen, Skulpturen oder grafische Werke zu entwickeln. Ein häufig auftretendes Element stellen die Jalousien dar, so wie sie auch in dieser Installation verwendet wurden.

Diese Diashow benötigt JavaScript.


Von der Decke hängend und unterschiedlich positioniert, führen die Jalousien den Betrachtern eine motorisierte, mechanische Choreografie vor. Zwischen den einzelnen Bewegungen erfüllt Stille die Halle mit den verlassenen Schienen. Diese Stille lässt den Betrachtern Zeit, die Blicke wandern zu lassen, bis ein erneutes Surren das Augenmerk wieder auf das Kunstwerk lenkt.
Dass der Bahnhof die Künstlerin für dieses Werk inspiriert hat, wird bei der Betrachtung der Umgebung sehr deutlich. Die Jalousien spiegeln optisch einige Elemente der Halle wieder. Und auch die Geschichte des Hauptbahnhofes spielt dabei eine Rolle. Der heutige Kulturbahnhof, der einst für Kassels industrielle Vergangenheit eine große Rolle spielte, dient in gewisser Weise als Beweis dafür, dass der industrielle Aspekt verdrängt und im Gegenzug dazu, dem kulturellen Aspekt eine größere Beachtung zugesprochen wird. Die Industrie wurde durch die Kultur ersetzt.

(dh)

Abseits der Hauptschauplätze: der Weinberg und die dOCUMENTA

Nicht nur Brad Pitt war am Weinberg in Kassel, um sich dort Teile der dOCUMENTA 13 anzuschauen, auch dOCUMENTIERT war vor Ort.

Zu sehen sind auf den Weinberg-Terrassen Skulpturen von Adrián Villar Rojas.

In der Bunkeranlage darunter präsentieren das Künstlerpaar Allora&Calzadilla sowie der Künstler Aman Mojadidi ihren Beitrag zur dOCUMENTA 13.

Fotos: Jennifer Schreiber

BildBildBildBild

Bild

d(EATHSTAR) 13?

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Demnächst mehr Bilder und Text zu Adrián Villar Rojas und seinen „exzentrisch geformten Monumentalskulpturen“ auf den Weinbergterrassen. Für jene, die N°179 auf eigene Faust erkunden wollen und verzweifelt nach dem passenden Eintrag im Begleitbuch suchen: Seite 440 – (Danke, wohlinformierte Security-Frau!)

(mb)

Schon am Hauptbahnhof gewesen?

Heute machten die Mitglieder von dOCUMENTIERT. ihre erste dTOUR – und zwar am Hauptbahnhof. Das Motto dort lautet: Bahnhöfe, Bewegungen, Bilder. Nachdem uns unser Guide am vereinbarten Treffpunkt abgeholt hatte, begann eine zweistündige Führung. Diese verlief jedoch anders als manche sie sich von uns vielleicht vorgestellt hätten, was wohl mit dem Konzept der diesjährigen dOCUMENTA (13) zusammenhängt. Der Guide ist in diesem Sinne nicht mehr derjenige, der uns die Bedeutungen der Werke lediglich erklärt und nahe bringt, sondern er möchte mit uns über die Werke sprechen und diskutieren. Die Kommunikation zwischen den Menschen rückt bei der größten Weltkunstausstellung also in den Vordergrund, der Monolog dagegen in den Hintergrund. Bei unserem Rundgang haben wir einige Eindrücke mitgenommen, aber sehen Sie einfach selbst!

(lb)

Fotos: © Livia Blum