Nur Müll und Schrott? – Könnte das Kunst sein?

Kunst ist individuell. Kunst wird völlig verschieden wahrgenommen. Kunst muss nicht nur schön sein.

Einige Minuten verweilte ich an dem Schrotthaufen am Kasseler Bahnhof. Fasziniert beobachtete ich die Mitarbeiter, wie sie mit einem Bagger immer mehr Altmetall auf den inzwischen gigantischen Berg häuften, einige besonders schöne Stücke sogar gezielt drapierten. Man konnte kaum noch erkennen, zu welchem Zweck das Metall mal diente. Ich musste bei den meisten Massen an Metallstücken schon sehr genau hinschauen, um deren frühere Funktion erraten zu können. Aber vielleicht macht dies das Werk aus? Dass man es eben nicht eilig und sprunghaft auf seiner „dOCUMENTA-Liste“ abhaken kann, sondern es genau, gezielt und detailliert betrachten soll. Vielleicht soll man in das Werk eintauchen, um einen Sinn und eine Intention des Künstlers darin zu erkennen. Seitdem ich diesen monumentalen Berg jedoch bestaunt habe, ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich mir Gedanken über dessen Sinn mache: Ist es Gesellschaftskritik, Umweltkritik oder was möchte uns der Künstler damit sagen? Weiterhin überlege ich mir, ob er sein Kunstwerk überhaupt kommentieren wird? Oder überlässt er dies jedem einzelnen Besucher selbst? Ich bin auf die Eröffnung der dOCUMENTA (13) am 09. Juni 2012 jedenfalls schon jetzt sehr gespannt.

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Mir fiel sofort ein gewaltiges, pinkfarbenes Metallstück ins Auge, das wohl früher mal Teil eines Autos gewesen ist. Die Sonne prallte an diesem heißen Sommertag besonders aggressiv auf das Metall und der starke Wind verbreitete einen muffigen, fast undefinierbaren, aber sehr unangenehmen Geruch. In diesem Augenblick wirkte der Schrottplatz auf mich sehr erdrückend und düster, sodass ich froh darüber war, dass der Künstler einige bunte Akzente gesetzt hatte. So gut es ging, versuchte ich das Kunstwerk mit der Kamera einzufangen. Dann trat ich meinen Heimweg an, der mich zunächst durch die Stadt, dann die vielen Treppen hinunter zur Aue führte.

© Livia Blum

Alles nur Müll?

Als ich die Treppen zum Auepark hinunter ging, fiel mein Blick auf einen Mülleimer, dessen gesamter Inhalt entleert war. Klebrige Getränkebecher, Papiertüten mit Essensresten und sonstiger Abfall lagen auf dem Steinboden. Ameisen trugen ihre Beute davon und Bienen vergnügten sich in dem Müll. Eigentlich handelt es sich hierbei lediglich um einen übel riechenden Müllberg, werden wohl nun einige denken, oder? – Mich zunächst eingeschlossen. Aber irgendwie entfachte dieser schlichte Mülleimer mit stinkendem Inhalt bei mir die Idee, ob es sich nicht auch hierbei um Kunst handeln könnte.

© Livia Blum

Ist jeder Mensch ein Künstler und ist alles Kunst?

Ich musste in dieser Situation an den berühmten Aktionskünstler Joseph Beuys (1921- 1986) denken, der 1982 an der dOCUMENTA 7 in Kassel mitwirkte. Kennt man sich in seiner Werkbiografie ein wenig aus, so weiß man, dass er mit umstrittenen Materialien wie z.B. Fett arbeitete. Es ist also nicht verwunderlich, dass er mit seiner Kunst polarisierte und bei den Menschen Diskussionen entfachte, was anscheinend auch sein Ziel war. Auch der Künstler des Kasseler Schrotthaufens, der derzeit noch unbekannt ist, beabsichtigt wohl mit seinem Werk aufzufallen, vielleicht sogar zu provozieren. Er hat zumindest schon erreicht, dass viele Menschen dieses eigenwillige Werk aufsuchten, darüber diskutierten oder einfach nur den Sinn für diese Arbeit suchten. Für manche Kunstliebhaber ist es faszinierende, bedeutungsvolle Kunst, für andere Menschen wiederum stellt das Werk nur einen unnützen, hässlichen Schrottberg dar. Kann denn Schrott Kunst sein?

Ich zumindest sah eine Parallele in dem riesigen dOCUMENTA-Schrotthaufen am Bahnhof und in dem kleinen Müllberg, der aus dem kaputten Mülleimer hinausgefallen ist. Wenn man dies als Kunst ansehen mag, ist dann also jeder Mensch ein Künstler? Kann jeder Mensch künstlerisch aktiv sein? Nach Joseph Beuys, der das bekannte Zitat „Jeder Mensch ist ein Künstler“ prägte, ist das der Fall. Demnach kann also jeder Mensch etwas Kreatives schaffen. Bei dem Gedanken, dass selbst derjenige, der vielleicht gegen den Eimer getreten und damit Kunst fabriziert hat, muss ich schmunzeln. Er weiß vielleicht nicht, was er da für eine Debatte in mir selbst ausgelöst hat.

Kunst ist also individuell!

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als zwei ältere Damen empört und angeekelt vor dem Eimer stehen blieben. Sie schimpften. „Wer macht denn so was? Es gibt nur Rüpel hier in der Stadt!“, fauchte die eine Frau. Ihre Bekannte erwiderte, dass es eine Frechheit sei, dass die Stadt diesen Müll nicht gleich beseitigt habe. „Ekelhaft ist das, so ein Geruch an so einem schönen Sommertag!“, ärgerte sie sich. Ich lauschte gespannt ihren erzürnten Worten. Dann packte ich meine Kamera in die Tasche und ging schnell weg. Insgeheim musste ich lachen. Und mir wird bewusst: Jeder nimmt die Umgebung anders wahr und jeder Mensch hat ein individuelles Bild von dem, was er als schön, interessant oder abstoßend bezeichnet – und das trifft wohl vor allem auf das Verständnis von Kunst zu!

(lb)

Nachtrag:

Es handelt sich hierbei um das Projekt „Momentary Monument IV“ von der italienischen Künstlerin Lara Favaretto (* 1973).

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Ein Kommentar zu “Nur Müll und Schrott? – Könnte das Kunst sein?

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