„Art must turn against itself.“

 „Kein Konzept“, Krisen, Kollaps und Wiederaufbau und vielleicht ist da auch Kunst. dOCUMENTA (13) öffnet ihre Tore mit der internationalen Pressekonferenz im Kongress Palais Kassel und der anschließenden Presse Preview in allen Ausstellungsräumen.

Der Weg in die mit Pressevertretern und Professionals aus aller Welt gefüllte Stadthalle in Kassel wird mit Volkswagen, dem neuen „Up!“ gesäumt. Erstmal geht‘s also vorbei an der wirtschaftlichen Wirklichkeit der dOCUMENTA (13). Keine Ausstellung ohne Sponsoren. Schon klar. Alleine stehen sie nicht, die vier Volkswagen mit den documenta-Aufklebern. Gleich an der Bahnhaltestelle hat sich eine Mini-Demonstration, eher ein Perfomance-Akt postiert, der die vermeintliche Zensur des Balkenhol-Kunstwerkes (wir erinnern uns an den Mann mit den ausgebreiteten Armen auf der Sankt Elisabeth Kirche in Kassel) durch die Kuratorische Leiterin der dOUCMENTA (13) Carolyn Christov-Bakargiev, anprangert. Hier in diesem Trubel geht das Thema, bis auf ein paar Pressefotos, mittlerweile als Nebenschauplatz doch unter.

Vorhang auf – und ran an die Nägel!
Für „Nail Biting Performance“ von Ceal Floyer. Ja, richtig gelesen: Nägel kauen. Und das verstärkt am Mikrophon. Knack, knack. Das lässt ein wenig Gänsehaut sprießen und über Irritation einer Pressekonferenz nachdenken. Das Unerwartete zeigen. Eine Vorausschau? „Jetzt hat die Kunst das Wort“, erfahren wir vom Geschäftsführer der dOCUMENTA (13), Bernd Leifeld. Und weil ein Geschäftsführer nie über Kunst rede, schwenkt er rasch über zu seinem Ansschlussredner, doch nicht ohne einen spannenden Sommer zu wünschen, allen Mitarbeitern zu danken und an die Wurzeln der documenta zu erinnern, die in die 50-Jahre reichen und deren Geist immer noch in der Ausstellung atme. An diese historische Linie lässt auch Oberbürgermeister Bertram Hilgen denken und ruft den Begründer der documenta Arnold Bode ins Gedächtnis, ohne welchen diese Ausstellung, deren „Faszination wir erleben werden“, nicht möglich wäre. Ein Dank an die Kuratorin Caroyln Christov-Bakargiev – die Konzeption der Ausstellung und deren Gestaltung sei eine wertschätzende Geste an diese Stadt und ihre Menschen. Oh, ja. Und an „Hessen geht kein Weg vorbei“, so die Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst Eva Kühne-Hörmann. Und nein, an Kunst, soll auch künftig – und gerade an der documenta – nicht gespart werden. Alexander Farenholtz, Verwaltungsdirektor und Vorstand der Kulturstiftung des Bundes lobt die kuratorische Freiheit und macht deutlich, dass das Fortbestehen einer solch wichtigen Ausstellung wie der documenta bereits für den nächsten Durchlauf, der documenta 14, gesichert sei. Das habe der Bundeshaushalt gerade beschlossen.

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„I am a dreaming subject of emancipation“
Ja, endlich. Sie spricht. Nicht ohne zunächst die Fotografen, die sich vor dem Podium in mindestens vier Reihen aufgestellt haben, an die Seite zu verweisen. Sie habe jetzt eine „Lecture“ vorzutragen. Really! Wer kann da noch stehen bleiben? Der Ton ist harsch, aber genau am richtigen Platz. Und um den richtigen Platz, hier und jetzt, wird es auch im Weiteren gehen, wird ein Kern der dOCUMENTA (13) sein. Natürlich werden first of all alle Sponsoren genannt und bedankt. Dank auch an die Mitarbeiter, den Agenten, den Künstler, allen Partizipierenden dieser Ausstellung. „Being in one place and not in another“ – die essentielle Erfahrung, welche dOCUMENTA (13) anbieten möchte. Dabei geht es darum, Wissen zwischen unterschiedlichen Erfahrungswelten und Wissensbereichen zu teilen. Nicht, dass da nicht auch ein paar Hindernisse, schockierende Dinge, Erschreckendes, das Kollabieren und der Wiederaufbau selbst präsent wären. Die Ausstellung stellt Fragen. An die Zerstörung und den darauf folgenden Wiederaufbau. An die Lebenswirklichkeit von Frauen. An Emanzipation. Und:  Diese Ausstellung findet nicht nur in Kassel, sondern an verschiedenen Orten der Welt statt: Kabul, Alexandria-Kairo und Banff. Kleine Mikro-Geschichten sollen ausgelotet werden. Auch: das Selbst. Aber nicht in einer harmonischen Waagschale. Nicht umsonst betont Carolyn Christov-Bakargiev: „I am a dreaming subject of emancipation.“ „Reimaging the world – Die Welt neu abbilden“. Die Sache mit den Träumen. Und der Disharmonie. dOCUMENTA (13) werde, das ist der Kuratorin gemäß zu betonen, keine Ausstellung der Utopie sein, keine harmonischen Bezüge zwischen Menschen oder gelingender Demokratie abbilden. Diese Ausstellung lebt von den Brüchen, den Krisen, den Zusammenbrüchen, ja, gar den Katastrophen. Und: Sie ist unfertig. Immer in Prozess. „Ich habe es immer wieder betont: Ich habe kein Konzept“, so Carolyn Christov-Bakargiev. Eine Ausstellung, die aus verschiedenen Aktionsfeldern, Wissensbereichen gespeist wird, nicht nur von Kunst. Auch Fiktion und Literatur werden die Ausstellung anreichern, genauso wie Naturwissenschaften oder Philospophie. Durch das Teilen dieses Wissens und der Aktionen dieser Bereiche untereinander kann es eine Möglichkeit sein, die Welt neu zu imaginieren. Vielleicht also. Maybe. Nicht umsonst nennt sich das Vermittlungsprogramm der dOCUMENTA (13) „Maybe Education“ („Vielleicht Vermittlung“). In die Interaktion, wir müssen den Denkhorizont der Anthroposophie verlassen, daran erinnert Christov-Bakargiev nicht erst heute, auf dieser Pressekonferenz, sind auch nicht-menschliche, nämlich die Interaktionen zwischen Tieren und Pflanzen einbezogen. Den Reflexionsrahmen also erweitern. Ebenso unseren Referenzhorizont. Und dabei über eine langsamere Form der Zeit lernen. Gerade heute, wo alles voller Smartphones, Facebook und schneller digitaler Welt steckt!

„So, this is dOCUMENTA!“
Aber, halt! „This ist too much! Skip, skip, skip. Christov-Bakargiev blättert nicht wenige der Seiten ihres Konzeptes für diese „Lecture“ um. Gelächter. Amüsement. Ja, genau das ist dOCUMENTA, erfahren wir. Das Prozessuale, Unfertige. Ruhig ein paar Seiten auslassen. Was fehlt dann schon? Das, was da ist, ist genau das Richtige. Geblättert wird dann noch viermal im Laufe der „Lecture“ und Erleichterung ist aus dem Konferenzsaal neben dem Gelächter dabei immer zu hören. Das müssen 50 Seiten gewesen sein. Geplant für eine dreiviertel Stunde. Also, verlangsamen. Gerade jetzt. Skip, Skip. 5 Seiten?
„In the digital age the past hunts us. As never before!“
Die Verbindungslinien und Zerstörungsmuster von Zeit. Das ständige Erneuern-Müssen. Nichts halten können. Auch nicht in der Kunst: „Art must turn against itself!“ Deshalb wird diese dOCUMENTA auch ungemütlich sein, unfertig, mit Erinnerungen arbeiten, Dinge anschauen, Abscheulichkeiten bereit halten. Das Konzept von Kunst referiere auf das, was es nicht enthält. Das führt zu Skepsis. Skepsis als Voraussetzung, als Suchbewegung, als Haltung: „Scepsis means to search.“ Und erinnert wieder an das Unfertige. Das wir vielleicht erwarten. Von so einer Weltkunstausstellung. Kunst hat auch die Aufgabe zu zerstören. Und Neuerungen hervor zu bringen. Skip, skip, skip, skip, skip, skip. Mir fällt ein Popsong ein.
Aha, es sei nicht die Facebook- Generation, die dOCUMENTA erreichen will (andere werden auch genannt). Es geht eher um den Raum zwischen den Beziehungen von Dingen, Lebewesen, Pflanzen, Menschen, Orten. Ein wunderbarer prekärer Raum sei es. „In one place and not an other. In one time and not in an other. Just here.“ Jetzt wird es „ernst“. „Das hier ist dOCUMENTA (13).“

Text und Fotos: Daniela Rieß

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