dOCUMENTA als Plattform

Die dOCUMENTA ist vielseitig, dass sollte spätestens seit Eröffnung der 13. Auflage der weltweit bedeutendsten Kunstschau deutlich sein. Das Künstler, die die Chance bekommen hier auszustellen, eine Möglichkeit haben, die Kunstausstellung als Sprungbrett zu nutzen um zu internationalem Prestige zu gelangen, ist weitgehend bekannt. Aber nicht nur die ausstellenden Künstler nutzen die Bühne der dOCUMENTA, auch andere Künstler und Museen, aus Kassel oder anderen Städten, machen hier auf sich aufmerksam. Allen voran das Frauenmuseum Bonn, das vorwiegend weibliche Künstler und dessen Kunst ausstellt.

„Das Frauenmuseum ist kein statischer Ort mit festem Bestand, sondern ein lebendiges Haus, das sich aus der Fülle der weiblichen Kreativität und Vielfalt immer wieder erneuert.“  (Frauenmuseum Bonn)

Dieses Museum plädiert dafür, dass es auch in Kassel ein Frauenmuseum geben sollte, um den weiblichen Künstlern eine weitere und eigene Möglichkeit zu schaffen, ihre Kunst und Kreativität auszustellen.
Die Chancen sollten jedenfalls nicht schlecht stehen, weil Kassel scheinbar sehr daran gelegen ist, seine Museumslandschaft auszubauen und es würde diese sicher positiv bereichern.

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TV-Tipp für Kinder, Eltern und Interessierte!!

© Christina Dilk

Ki.Ka zeigt am 30.07., 31.07. und 01.08. jeweils einen 10 minütigen Beitrag zur dOCUMENTA (13). Hierbei werden Fragen zur modernen Kunst geklärt und einige Kunstwerke gezeigt. Es geht rasant über die Kunstausstellung und vielleicht wird der ein oder andere Kunstmuffel doch noch vom Fieber gepackt!

Immer um 20:00 Uhr geht’s los!

Weitere Infos unter:
Ki.ka – Was ist Kunst?

Geoffrey Farmers Zeitstrahl: 50 Jahre als Fotomontage

Im zweiten Stock der Neuen Galerie gibt es ein Kunstwerk zu bestaunen, das den Betrachter im ersten Augenblick sprachlos werden lässt. Die Rede ist von der aufwendigen Arbeit vom kanadischen Künstler Geoffrey Farmer.

Zu sehen sind hunderte, in filigranster Arbeit ausgeschnittene, auf Schilfgras aufgeklebte und drapierte Schattenspielfiguren. Die ausgewählten Figuren stammen aus 50 Jahrgängen des amerikanischen „Life“ Magazins und stellen in ihrer Anordnung einen Zeitstrahl dar. So wird anhand von unzähligen Bildern von Figuren, Menschen und Gegenständen die Geschichte der Jahre 1935 – 1985 auf ihre ganz eigene Art und Weise erzählt.
Diese Arbeit von Farmer, die den Titel „Leaves Of Grass“ trägt, ist der letzte Teil einer Triologie. Die vorherigen Werke („The Last Two Million Years“ -2007 und „The Surgeon And The Photographer“ -2009) beinhalten ebenfalls Fotomontagen und Collagen aus Zeitschriften älterer Jahrgänge.
Das besondere an den Arbeiten des kanadischen Künstlers, der sich auch mit Licht- und Klanginstallationen sowie Fotografien, Zeichnungen, Videomontagen und Skulpturen beschäftigt, ist, dass seine Werke an den einzelnen Ausstellungsorten einzigartig sind. Die Werke sind zeitweilig und immer genau an den Ausstellungsort angepasst, sodass jede Darstellungsform einzigartig ist und bleibt.

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Besuchen Sie doch auch mal das außergewöhnliche Kunstwerk Farmers und erleben Sie 50 Jahre des letzten Jahrhunderts auf eine ganz besondere Weise.

(dh)

dOCUMENTA bricht Besucherrekord!

Die größte Kunstausstellung der Welt ist erfolgreicher denn je.  Angefangen hat die dOCUMENTA einst mit der Idee, die moderne Kunst für die Heranwachsenden zu dokumentieren. Jetzt setzt sich die erfolgreiche Geschichte mit einem Millionenbudget fort. Sie zieht immer mehr Besucher an. Schon jetzt, an Tag 46 der 100 tägigen Ausstellung war die 10.000. Dauerkarte verkauft. Genaue Besucherzahlen werden in vier Tagen bekannt gegeben.

„Faces and Phases“

Transmenschen in Afrika haben es schwer. Zanele Mohuli mit einer Momentaufnahme schwarzer Homosexueller.

In der Neuen Galerie werde ich, als ich in der oberen Etage fröhlich um die Ecke biege, von diesen Menschen überrascht! Sie starren mich regelrecht an! Gleichzeitig faszinieren sie mich! Denn all die Menschen auf diesen wunderschönen Portraits haben eine wahnsinnige Ausdruckskraft. Die südafrikanische Fotografin Zanele Mohuli zeigt hier, dass es auch „schwarze queere Identitäten“ gibt und macht sie auf den Portraits sichtbar. „Faces und Phases handelt von unseren Geschichten und unseren Kämpfen“, so heißt es auf der Beschreibung. Auf den Fotos sind schwarze Lesben und Transmenschen von vielen verschiedenen Orten zu sehen. Sie alle sollen beweisen, dass diese sogenannten Queermenschen nicht hässlich, sondern vor allem ästhetisch sind. Alle haben eine eigene Geschichte und führen einen eigenen Kampf. Einen Kampf für Akzeptanz und Toleranz. Zanele Mohuli hat als bildende Aktivistin eine Reise gemacht und das Ergebnis steht nun in der Neuen Galerie.

Kunst als Widerstand gegen den Nationalsozialismus und Überlebensstrategie – Korbinian Aigner

Wenn Menschen Schlimmes erfahren, wenn ihnen die Macht und die Selbstbestimmung genommen wird, sie zu Opfern werden, dann ist es schwer, an das Überleben zu glauben. Korbinian Aigner hat es geschafft, mit Kunst und der Züchtung von Apfelsorten im Konzentrationslager zu überleben. 

Geldstrafen, Zwangsversetzungen, Verhaftungen, Gefängnisaufenthalte und Inhaftierungen im Konzentrationslager Sachsenhausen sowie Dachau – Korbinian Aigner (1885-1966) war zeitlebens politisch engagiert und ein Gegner des Nationalsozialismus. Für den Widerstand, den er gegen die NSDAP leistete, wurde er von den Nationalsozialisten in Dachau inhaftiert und erlitt schwere Traumata. In beiden KZ`s musste der so genannte „Apfelpfarrer“  Zwangsarbeit unter schweren Torturen in der Landwirtschaft ableisten.

Als Häftling mit der „Nummer 27788“ begann er im Jahre 1941 in Dachau aus Apfelkernen die Apfelsorten KZ-1, KZ-2, KZ-3 und KZ-4 zu züchten, was man als weiteren „Akt des Widerstandes“ (Begleitbuch, S. 34) gegen das NS-System, aber auch als Überlebensstrategie in einer schlimmen Leidenssituation mit traumatisierender Wirkung ansehen kann. Die Apfelsorte KZ-3, die später in Korbiniansapfel umbenannt wurde, wird noch heutzutage angebaut.

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Aigner war nicht nur Apfelkundler, sondern auch Künstler – und zwar Konzeptkünstler. In den Jahren 1912-1960 fertigte er ungefähr 900 verschiedene Zeichnungen von diversen Apfel- und Birnensorten im Postkartenformat an. 369 Aquarelle dieser monumentalen Bildersammlung, die einzelne Obststücke oder auch Obstpaare zeigt, sind im Kasseler Fridericianum zu betrachten.

Zum Gedenken an diesen herausragenden Mann hat die künstlerische Leiterin der dOCUMENTA (13), Carolyn Christov-Bakargiev, 2011 in der Kasseler Karlsaue einen Korbiniansapfelbaum gepflanzt. Ganz nach dem Motto: Unscheinbarer Baum, bedeutende Geschichte.

(lb)

Das Gloria Kino – Filmprogramm zur dOCUMENTA (13)

Kennen Sie das? Sie haben sich im Kino einen Film angesehen, der Sie hinterher zum Nachdenken veranlasst hat? Genau das ist auch das Ziel der Filme, die im Gloria Kino gezeigt werden.

© Denise Hoffmann

In dem für die dOCUMENTA entwickelten Filmprogramm werden Kontroversen und Widersprüche der einzelnen Filmemacher im Bezug zur Gesellschaft aufgezeigt. Durch das Mitwirken der zahlreichen Künstler aus unterschiedlichen Ländern geschieht dies aus vielen abwechslungsreichen Blickwinkeln, zu verschiedenen Augenblicken und an unterschiedlichen Orten.
Das Programm ist in drei Themenbereiche unterteilt: „Verbotenes und Populäres Kino“, „Künstler und Filmemacher“ und „Afghanistan“.
In dem ersten Teil werden Filme gezeigt, die – wie der Titel bereits vermuten lässt – in den Ursprungsländern verboten oder zensiert wurden. Diese Filme werden kombiniert mit solchen, die ihrerseits sehr bekannt und beliebt waren und große Besucherzahlen zu verzeichnen hatten. Diese Konfrontation der Gegensätze soll den Betrachter dazu veranlassen, selbst herauszufinden, welche Art von Kunst er vorzieht und welche Werte er ihr zuspricht. Anders als es ihm die Gesellschaft durch Verbote und Zensuren vorenthält und verbietet.
In dem Programmpunkt „Künstler und Filmemacher“ haben verschiedene Künstler ihre ganz eigenen Impressionen in den Filmen verarbeitet und damit auch zur Ausformung der dOCUMENTA (13) beigetragen. Hier werden beispielsweise Arbeiten der Kunstausstellung gezeigt, teilweise handelt es sich dabei sogar um Erstvorstellungen.
Im dritten Programmpunkt werden afghanische Filme vorgestellt. Hier werden fiktionale und dokumentarische Filme, neue Arbeiten –  sowie ältere und weniger bekannte Filme gezeigt. Das Ziel ist es, dadurch zu veranschaulichen, welche Art von Werten über Filme zum Ausdruck kommen und wie diese weiterhin umgesetzt werden können. Die Filme sollen außerdem andere Seiten von Afghanistan aufzeigen, die in den Alltagsmedien wie z. B. durch Nachrichten im Fernsehen, nicht vermittelt werden.

Das Filmprogramm wird mit einer einwöchigen fortlaufenden Filmvorführung beendet werden, die „Three Little Pigs“ (dt.: „Drei Kleine Schweinchen“) heißen und vom Filmemacher Albert Serras inszeniert wird. Bei den Protagonisten dieses Stückes handelt es sich um drei wichtige Personen der Geschichte: Johann Wolfgang von Goethe, Rainer Werner Fassbinder und Adolf Hitler. Als Schauplatz dienen verschiedene Orte in Kassel.

Auch werden Filme aus dem Programm im Open-Air-Kino gezeigt. Bei gutem Wetter lassen sich dort schöne Filmabende verbringen.

Gloria-Kino am Ständeplatz, Friedrich-Ebert-Str. 3
Open-Air-Kino im Kulturzentrum Dock 4, Untere Karlsstr. 4

Karten können für 7.50,- € erworben werden. Weitere Informationen finden Sie unter: www.filmladen.de

(dh)

Rebellisch, Gesellschaftskritisch, Unangepasst- Llyn Foulkes

Im Fridericianum werden unter Anderem auch drei Kunstwerke eines ganz besonders interessanten und brillanten Künstlers ausgestellt: The Machine, The Lost Frontier und The Awakening von Llyn Foulkes, sind, wie ich finde, drei der außergewöhnlichsten und fesselndsten Werke die die dOCUMENTA (13) zu bieten hat.

© Constanze Wölm

Die Musikmaschiene

Das von Foulkes selbst entwickelte und gebaute Fantasieinstrument The Machine, besteht aus vielen verschiedenen Elementen, wie einem Schlagzeug, Kuhglocken, Basssaiten, einem Xylofon und sogar aus alten Autohupen. Der Künstler spielte in den ersten Wochen der dOCUMENTA (13) bei mehreren Auftritten auf seiner knallroten Musikmaschine und gab einige seiner Songs zum Besten. dOCUMENTIERT war bei einem seiner Darbietungen live dabei und hat einen kurzen Ausschnitt festgehalten:


Foulkes spielt The Machine auf seine eigene, ganz besondere Weise. In einem weißen, schlabbrigen T-Shirt und nur mit weißen Socken an den Füßen, steht der sympathische 76-jährige ‚in’ seinem Instrument und lugt über den vielen Hupen hervor. Manchmal kommt er etwas aus dem Takt und die als Musikinstrumente umfunktionierten Glocken, Hupen und Tröten geben schiefe und schräge Töne von sich. Aber das ist wohl genau der Sinn der Sache, denn Llyn Foulkes’ Kunst soll nicht perfekt und idyllisch sein, sondern sie soll die Leute schockieren, sie aufhorchen und aufmerksam werden lassen, und sie dazu bringen die Augen zu öffnen, denn der Künstler möchte eine Botschaft vermitteln. Zu den schiefen Tönen, die The Machine von sich gibt, singt der Künstler Songs, die einen nachdenklich stimmen und die Foulkes’ Melancholie und seine Sorgen über die moderne Gesellschaft und die zusehends verkommene Welt und Zivilisation deutlich werden lassen. Auf seinem Fantasieinstrument übt der Vietnamveteran Kritik am Kapitalismus, am Kommerz und an der Politik der U.S.A.
The Machine ist auf der dOCUMENTA (13) leider nicht mehr im Original zu finden, denn als Foulkes abreiste, nahm er seine Maschine mit. Nun tröstet eine Videoinstallation seiner Performance, die an dieser Stelle nun gezeigt wird, den/die BesucherIn etwas darüber hinweg.

© Constanze Wölm

 

Der Tod des amerikanischen Traums 

© Constanze Wölm

Der in Los Angeles lebende Foulkes arbeitete in das Reliefbild The Lost Frontier (1997-2005) verschiedene Materialien ein, wodurch das Bild dreidimensional wird. Die Landschaft, des Werkes besteht aus Holz, außerdem baute er einen alten Fernseher, eine tote Katze und leere Bierflaschen in das Bild ein. Mit diesem unangepassten, rebellischen Werk möchte er den Tod des amerikanischen Traums darstellen.
Im Vordergrund ist Foulkes selbst zu sehen, wie er, mit hängenden Schultern, auf eine leblos und apokalyptisch wirkende Landschaft blickt, die die Stadt Los Angeles darstellen soll. Daneben sitzt ein Mann, der wie ein Urmensch aussieht, den Blick auf den Betrachter des Bildes gerichtet. Im Hintergrund sieht man eine Autobahnbrücke. Auf einem Felsen steht Micky Mouse mit dem Körper einer Frau in einem altmodischen Kleid, in den Händen ein Maschinengewehr. Mickys Blick ist auf die karge Landschaft von LA gerichtet. Das immer wiederkehrende Motiv von Micky Mouse in seinen Werken ist ein Symbol für die Gehirnwäsche der die Gesellschaft unterzogen wird. Foulkes las einmal das Handbuch des Micky Mouse Clubs von 1934 (seinem Geburtsjahr) und darin stand, dass durch die Disney-Figuren, Dinge in die Gehirne der Kinder eingepflanzt werden und sie somit unbewusst aufgenommen werden. Die Micky Mouse Figur in The Lost Frontier scheint für die Kontrolle (ausgeübt durch die kapitalistische Pokitik Amerikas?!) zu stehen, der die Menschen in der modernen Gesellschaft unterzogen werden.
Dieses Werk ist wohl eine weitere Kritik an der Zivilisation. Der oben gezeigte Ausschnitt, einer Performance von Foulkes an The Machine, scheint, die Intention des Künstlers bei erschaffen von The Lost Frontier noch zu verdeutlichen. Aber möchte uns der Künstler damit nun zu verstehen geben, dass unsere Zivilisation in einer Apokalypse enden wird? Oder stellt dieses Bild schon die heutige Realität dar und Foulkes will uns damit zeigen, dass wir bereits in der Apokalypse leben und es nur noch nicht gemerkt haben?

Llyn Foulkes ganz privat

© Constanze Wölm

Ein weiteres Werk aus Foulkes Reihe von Reliefbildern heißt The Awakening (1994-2012) und zeigt ein älteres Paar im Bett. Die Frau liegt nackt auf der Seite, den Rücken zu ihrem Gatten gewendet. Ihr Blick wirkt traurig und verzweifelt. Der Mann blättert konzentriert, aber müde wirkend in einer Art Buch. Dieses Relief zeigt Foulkes und seine Ex-Frau. Mit diesem Projekt begann er, als er merkte, dass die Ehe mit seiner Frau langsam zu Bruch ging. Dies ist ein sehr persönliches und emotionales Werk des Künstlers.
Llyn Foulkes war und ist, nicht nur auf der dOCUMENTA (13), ein Geheimtipp, der leider oft übersehen und übergangen wird. Ob dies an seiner rebellischen und gesellschaftskritischen Kunst liegt und daran, dass er offen sagt was er denkt und was ihn stört, sei dahingestellt. Vielleicht ist die Kunstwelt für Foulkes’ unbequeme Wahrheit einfach immer noch nicht bereit und wird es vielleicht auch nie sein…

Text und Fotos: Constanze Wölm

Video: Katharina Scholz

Ist dies der Anfang vom Ende?

Moon Kyungwon & JEON Joonho

EL FIN DEL MUNDO – ein Film aus dem Projekt NEWS FROM NOWHERE (2012)

 

Zwei Stellwände mit zwei unterschiedlichen Filmprojektionen zeigen bei MOON Kyungwon & JEON Joonho im Keller der documenta-Halle eine „Retrospektive aus der Zukunft“. Auf der rechten Filmleinwand ist eine Frau in einer Science-Fiction-Szenerie zu sehen. Links ein Mann in einem fensterlosen Raum mit einem Hund.

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Die asiatische Frau scheint durch ihre besondere Umgebung zu einer speziellen Spezies von Menschen zu gehören. Die Welt in der sie lebt heißt TEMPUS – ein Ort, an dem Daten über die Menschheit gespeichert sind. Das daraus resultierende Wissen über die Menschen schreibt der „neuen“ Welt Regelungen vor, die die Frau einzuhalten hat. Der Betrachter erfährt durch englische und deutsche Untertitel, die aus der japanischen Gedankensprache der Frau übersetzt sind, dass sie den Platz, der wie das Innere eines Raumschiffs wirkt, nicht ohne ihren Schutzanzug zu verlassen hat. Weiterhin solle sie möglichst wenig Energie aufwenden, um überleben zu können. Eine Pille mit den nötigen Nährstoffen und ein Schutzcollier gewähren ihre sichere Existenz. Den Anweisungen folgend, geht sie unterschiedlichen Tätigkeiten nach. Sie verlässt ihren geschützten Raum und betritt ein Zimmer, das zuvor von Menschen aus der heutigen Zeit genutzt wurde. Sie scheint sehr erstaunt darüber zu sein und gleichzeitig vorsichtig.

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In der nächsten Szene untersucht sie bereits ausgetrocknete Pflanzen, bis ihr eine Lichterkette, die für einen Weihnachtsbaum bestimmt ist, auffällt. Schockiert und völlig unwissend über ihre Funktion, setzt sie sich diese auf ihr Haupt und fixiert den Betrachter.

Obwohl beide Filme verschiedene Situationen aufweisen und auf den ersten Blick keine visuelle Verbindung haben, kommunizieren sie miteinander. Während die Frau das Nutzen einer Lichterkette erforscht, integriert sie der Mann auf der linken Seite in ein Bauprojekt aus unterschiedlichen Materalien, zum Beispiel einer Perücke. Er bewegt sich in einem dunklen Raum, beleuchtet durch ein flackerndes Kaminfeuer. Die Wände sind mit Bildern und Zeitungsartikeln tapeziert. Er hat Bücher zur Verfügung, doch sein Gemüt verrät, dass ihm langweilig ist. Er beschäftigt sich mit Basteln. Die melancholische Atmosphäre wird durch ein lautstarkes Aufrütteln gestört, mit einem Erdbeben vergleichbar.

In beiden Filmen hörbar, symbolisiert die Erschütterung das Ende der Welt. Die zwei Protagonisten leben also in einer postapokalyptischen Zeit: Der Mann, der anscheinend zu den letzten Überlebenden zählt, vegetiert in einem Zimmer, zusammen mit seinem treuen Hund, in einer Welt, in der alles zerstört ist.Die Frau hingegen existiert in gesonderten Raumverhältnissen, die in der Zukunft liegen, und betreibt wissenschaftliche Forschung zur Erklärung der Menschheit, die vor ihrem Handlungszeitpunkt liegt.

 Das japanische Künstlerduo beabsichtigt laut documenta-Begleitbuch weder das Ausmalen einer zukünftigen Gesellschaft, noch die Darstellung einer utopischen oder dystopischen Gesellschaftsvision. Ziel sei es, die Wirklichkeiten und Werte unseres heutigen Lebens zu rezipieren.

Dabei stellt sich für uns als Betrachter die Frage: Was ist die Apokalypse für uns? Oder noch präziser: Welche Werte und Errungenschaften sind uns so wichtig, dass der Mensch daran zerbricht, wenn sie nicht mehr existieren? Und: Wie kommt das Ende der Welt zustande?

Auch wenn die Filme keine illusionistischen Vorgaben beabsichtigen, zeigen sie trotzdem durch die Handlungen der Frau und des Mannes zwei verschiedene Umgangsarten mit der Thematik. Die Frau nutzt ihre technologischen Möglichkeiten zur Erforschung und Erklärung der Vergangenheit, um das Wissen durch Rationalität effizient in ihrer „neuen“ Welt umsetzen zu können. Ihre rationale Denkweise hängt mit der Bedingung ihrer Existenz zusammen, nämlich keine unnötige Energie zu verschwenden, und zwar auch insofern, dass sie keine Emotionen zulassen darf, denn Tränen kosten emotionale Energie. Ganz im Gegenteil zum Mann: Er besitzt einen Hund, für den er gefühlvolle Fürsorge aufbringen muss. Er hat im Gegensatz zu ihr keine Möglichkeit nach draußen zu gehen und sich weiterzuentwickeln. Alles was ihm bleibt, ist der Bestand an Wissen durch seine Bücher. Er kann die Vergangenheit dadurch erlernen, aber irgendwann kommt er an einen Punkt, an dem er ausgelernt hat.

Da dieser Zustand der Endgültigkeit in der Welt und im menschlichen Denken keinen Platz findet, müssen herrschende Theorien in der Forschung immer wieder aufs Neue kritisiert und untersucht werden, um intelligente und effiziente Lösungen für Probleme zu finden (beispielsweise in der Umwelt).

Ist die Apokalypse für uns also eine neue Denkweise, die uns aus unseren Ideologien entreißt und uns dazu zwingt, eine neue und bewusste Lebensweise zu erschaffen? Ist unsere bisherige Lebensart falsch und muss sie von Grund auf in ihren Werten noch einmal überdacht werden? Um diesen Gedanken aufzunehmen, müssen wir uns auch fragen, was wir als „normal“ wahrnehmen. Dabei geraten autodestruktive Aktionen von Menschen in den Blickpunkt, beispielsweise der Bau von Atombomben. Was auf der einen Seite gut für die nationale Macht ist, ist auf der anderen Seite eine erschreckende Vernichtung seiner selbst. Dieser Stichpunkt ist nicht weit hergeholt, wenn man bedenkt, dass die Projektkünstler aus Japan stammen und einen eigenen Realitätsbezug dazu aufbringen.

Schließlich verlässt der Betrachter das filmische Kunstwerk mit einem Unbewusstsein: Die fiktive Geschichte lässt ihn über seine Taten von heute nachdenken unter Belichtung der Folgen derer von Morgen. Der Mensch weiß was er tut, aber er weiß nicht, wohin es ihn führt. Er wird sozusagen in ein Trauma geschleust, das in der Zukunft auf ihn wartet. Seine Aufgabe ist es, dieses zu verhindern – mit allen ihm zustehenden Mitteln. Denn er könnte die Möglichkeit haben.

Christina Hooge

Auf der Laderampe hinterm Bahnhof – Eine Nacht in den Documenta-Locations Base 13 und Batterie

Weit abgeschlagen von der üblichen und übersichtlichen Clubszene Kassels öffnet seit Beginn der Documenta 13 allabendlich ein neuer bunter Partyzirkus seine Pforten, Base 13 und Batterie genannt. Schon der Weg dorthin vermittelt einen ersten Eindruck von der vorherrschenden Stimmung: Wenig beleuchtet, über Pflastersteine, hinter dem Hauptbahnhof entlang, die Güter- und Rampenstraße, die erst in diesem Jahr nach Joseph Beuys benannt wurde. Schon aus der Ferne hört man das “Wummern” von Bässen.

Im ehemaligen Zollamt befindet sich der Club mit dem nüchternen Namen „Batterie“. Er ist innen weiß gefliest, mit ebenfalls gefliesten Podesten links und rechts. Auf dem linken Podest tanzen einige glatzköpfige Männer, mit engen Muskelshirts -sehr expressiv- zu lauter Technomusik. Es ist heiß, die Luftfeuchtigkeit ist hoch und es riecht nach Schweiß und Alkohol. Auf dem rechten Podest tanzt eine Asiatin mit Brille, die wild ihre Arme in der Luft wirft und umher schwingt, neben ihr ein hagerer Mann mit schulterlangen, gewellten Haaren und Paillettenhemd. Das DJ-Pult befindet sich “vor Kopf”, ebenfalls auf einem Podest, auf das man nur über eine Treppe kommt. Der DJ im dunkelgrünen Hawaiihemd und lockigen, ins Gesicht hängenden Haaren, konzentriert sich abwechselnd auf seine Plattenteller und seine exzentrischen Tanzbewegungen. An der Decke hängen bunte Luftballons und Girlanden. Schon in den ersten Minuten regnen auf neue Besucher viele Sinneseindrücke ein.

Wer es nicht mehr aushält, schweißgebadet zwischen ebenfalls schwitzenden Menschen zu stehen, begibt sich zurück in den karg eingerichteten Vorraum des kleinen Clubs und versucht durch eine Durchreiche Kontakt zum Thekenpersonal aufzunehmen. Dies scheint jedoch leicht überfordert oder unterhält sich ausgiebig mit den Gästen, während andere in der Schlage warten. Die Auswahl der Getränke ist klein, für Documenta-Verhältnisse jedoch günstig. Schnaps gibt es in kleinen Plastikbechern, Wodka oder Tequila für 2 Euro.

Vor dem Club sitzen größtenteils junge Leute, wahrscheinlich Studenten und Künstler oder Kunstinteressierte, durchaus internationales Publikum, man könnte sie alle als Hipster bezeichnen.

Ein paar Schritte weiter Richtung Ende der Straße, erblickt man vor sich einen riesigen Schrotthaufen, ein Kunstwerk der Documenta von Lara Favaretto. Direkt daneben befindet sich die Base (13), eine überdachte Freiluftbar, die während der Zeit der Documenta am Ende einer alten Lagerhalle auf einer langen Rampe eröffnet wurde. Dort kann man sich entweder auf altem Schulmobiliar und Liegestühlen niederlassen oder auf sich auf der Tanzfläche, die einem unendlich lang erscheint, zu elektronischer Musik bewegen. Die Stimmung ist betont locker, das Publikum genauso, wie das bei der Batterie. Vermutlich bewegen sich die Gäste einfach den ganzen Abend und die ganze Nacht zwischen diesen zwei Orten hin und her, bis zum Sonnenaufgang und darüber hinaus.

Schon nach einer Nacht zwischen Batterie und Base fühlt man sich wie in einer anderen Stadt, “Berlin Calling” statt Kassel. Dazu ist das Publikum an diesem Ort viel zu bunt und gelassen. Man merkt, dass Kassel Potential hat, mit der Partyszene von Großstädten mitzuhalten, selbst wenn es nur für 100 Tage ist, der Laufdauer der Documenta 13.