Reizüberflutung und Faszination – „In Search of Vanished Blood“ von Nalini Malani

Beeindruckende Lichtreflexe, plötzliche Dunkelheit, beängstigende Geräusche und verzerrte Kinderstimmen: Malanis Werk ist zum Gruseln und Staunen.

Um in den Raum zu gelangen, in dem Nalini Malani (* 1946) ihr Werk „In Search of Vanished Blood“ anlässlich der dOCUMENTA (13) ausgestellt hat, muss der Besucher zunächst einen tunnelartigen Gang durchlaufen. Dieser wird nur von ein paar spärlich beleuchteten Lampen erhellt. Es ist eng und dunkel, aber ich höre Musik, einen lallenden, unheimlichen Gesang. Ich betrete den Raum und entschließe mich, mich an eine Wand zu lehnen. Es ist ein befremdendes Gefühl, im Halbdunkeln durch einen Raum zu schleichen, von indischer Musik und bedrückenden Schatten an den Wänden begleitet.

© Livia Blum

 Schatten ziehen vorüber

Plötzlich wird der Raum minimal heller, aber nun sind bunte Farben zu sehen. Ich sehe, dass in der Mitte des Ausstellungsraumes fünf rotierende Zylinder an der Decke hängen. Sie sind mit verschiedenen Motiven bemalt. Es könnte sich um mythische Frauengestalten, bewaffnete Männer, Krebse, Skorpione und Schlangenwesen handeln. Sie drehen sich und werfen bunte Lichtreflexe an die Decke. Wo soll man zuerst hinsehen? Es ist unmöglich, alle Motive und Momente einzufangen. Die Musik ist leise, teilweise fast verstummt, aber man hört deutlich das Rasseln der Zylinder, immer dann, wenn sie sich drehen. Ich bemerke, dass eine Art Gong jedes Mal die Dunkelheit einleitet und es ertönt eine laute, schreiende Frauenstimme

© Livia Blum

Dunkelheit – eine unheimliche Gestalt erscheint

Wieder ist der Raum komplett schwarz, an die Wand wird eine weiße Gestalt, vielleicht eine Mumie mit verhüllten Augen, geworfen. Englische Schrift und tierartige Gebilde durchziehen ihr Bild. Die Zylinder drehen sich weiter, nach und nach werden sie schwach beleuchtet. Nun kann man einzelne Figuren erkennen, die Schatten an die Wände schlagen: Krebsähnliche Getiere, Krieger mit Waffen, betende Frauen. Es sieht so aus, als würden sie langsam an der Wand entlanglaufen. An den Wänden selbst erscheinen lediglich streifenhafte Figuren, die nicht zu identifizieren sind. Es ist still im Raum, nur die Zylinder rattern.

© Livia Blum

Blitzartiges Licht und schrille Stimmen

Nach gefühlten zehn Minuten erhellt sich der Raum und erscheint in einem künstlichen, kalten Licht. Es setzt wie ein Blitzschlag ein, ist sehr grell. Auf einmal ertönt eine erneut laute, aufdringliche Stimme. Sie hört sich blechern und verzerrt an. Zeitweise setzt diese düstere Stimme komplett aus, es ist ein beklemmendes Gefühl, weil nicht vorhersehbar ist, was nun kommt. In diesen Momenten höre ich nur klirrende und prasselnde Geräusche. Es erinnert mich an zerbrochenes Glas, Regen, manchmal auch an leises Pfeifen. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Die Raumfarbe wechselt erneut und der Raum erstrahlt in einem angenehmen Goldton, der im Laufe der Zeit in Rot oder auch Orange umschwankt. Nun ertönt aus den Lautsprechern entspannende Musik, es entsteht eine harmonische Atmosphäre. Im nächsten Augenblick beginnt das Licht zu flimmern und dazu erklingt passende Musik.

© Livia Blum

© Livia Blum

Wie kam Malani diese außergewöhnliche Darstellungsidee?

Das Video/Schattenspiel von der in Bombay lebenden, indischen Künstlerin Nalini Malani besteht aus fünf rotierenden Zylindern mit einer Länge von ca. 183 cm, sechs Kanal-Video-Schattenspielen, vier Scheinwerfern und einer facettenreichen Klanglandschaft. Sie verwendet beispielsweise ausgewählte Passagen der Kurzgeschichte „Draupadi“ von der indischen Künstlerin Mahasweta Devi. Aber wie kam sie überhaupt auf diese Collagen, mit denen sie verschiedene Themen projiziert? Im Jahre 1992 löste die Zerstörung der bereits im 16. Jahrhundert erbauten Babri-Moschee durch fundamentalistische Hindus religiöse Unruhen in Indien aus. Malani wollte darauf mit Kunst reagieren, aber so, dass ihre Botschaft eine möglichst breite Öffentlichkeit zur Kenntnis nahm. Sie entschloss sich die Grenzen des Theaters und der Malerei zu sprengen und kreierte ihre ersten Video/Schattenspiele, die noch heute eine provozierende, aber auch beängstigende Wirkung auf den Betrachter ausüben.

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Welche Themen stellt sie dar?

Malani möchte mit ihren provozierenden Projektionen auf die Missstände in der Welt, wie zum Beispiel auf die kriminalisierte Zivilgesellschaft, Flüchtlingslager in Thailand sowie an anderen Orten und auf die Unterdrückung der Frauen aufmerksam machen. Sie beschäftigt sich mit vielfältigen Themen, auch dem Scheitern zwischenmenschlicher Verständigung, wie es dem „Das Begleitbuch/The Guidebook“ und dem „Buch der Bücher“ zu entnehmen ist. Verfolgt der Zuschauer längere Zeit den projizierten Schatten an den Wänden, so erkennt er männliche Gestalten, mit einem Gewehr in der Hand und wilde Tiere, die Menschen angreifen.

Gandhi als Vorbild für Gewaltlosigkeit?

Aber in ihrem Werk „In Search of Vanished Blood“ erscheinen auch fromme, betende Menschen auf der Bildfläche, meist in Frauengestalt. Diese könnten für den Frieden auf der Welt, für Gewaltfreiheit, stehen. Sie könnten ein Verweis für den indischen Moralisten Mohandas Karamchand Gandhi (1889-1948) sein, der der politische Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung im 20. Jahrhundert war. Er sah gewaltlosen Widerstand und Verweigerung als Form politischen Handelns an und erreichte somit im Jahre 1947 das Ende der britischen Kolonialherrschaft über Indien. Weitere weiterführende Aspekte über Gandhi können Sie in dem „Buch der Bücher“ in dem Kapitel „Die Moral der Verweigerung“, verfasst von Nalini Malani und Arjun Appadurai (S. 197-203), nachlesen.

(lb)

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