Stur wie ein Esel !?!

Sturheit gleich Dummheit?   Nein!, sagt Sanja Ivekovic. Die kroatische Künstlerin nimmt sich die sprichwörtliche Sturheit des Esels zum Vorbild und lobt die Haltung derer, die sich mit aller Kraft widersetzen. Und zwar gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung.

Und plötzlich geben die Esel, die mit Namensschildern versehen und in der Vitrine aufgereiht sind, einen Sinn. So gesehen war Bürgerrechtler Martin Luther King ein Esel! Und Hans und Sophie Scholl! Auch Esel! Sie alle haben sich nicht überzeugen lassen! Überzeugen lassen wovon?  Von menschenverachtenden Staatsmächten und einer wirren Überzeugung vieler, die sich lieber den Stärkeren anschließen, weil es bequemer und sicherer ist.

© Christina Dilk

Neben die riesige Vitrine hat Sanja Ivekovic ein Foto gehangen, das einen Esel in einem kleinen Pferch aus Stacheldraht zeigt. Er wird von Nazis umringt und verspottet. Es war im Jahr 1933, als die Nazis in Kassel mit verachtenden Aktionen wie diesen ihre Macht zur Schau stellten und damit auch sicherlich austesteten. Sie missbrauchten das hilflose Tier, um es zum Gespött auszustellen, zu isolieren und einer anonymen Masse gegenüberzustellen. So müssen sich auch Widerstandskämpfer fühlen. Isoliert, fassungslos, wütend.

Ruth First
Ruth First (4. Mai 1925, Johannesburg – 17. August 1982) war eine weiße, südafrikanische, anti-Apartheid Aktivistin. Sie wurde von einer ausdrücklich an sie adressierten Paketbombe in Mozambique getötet, wo sie arbeitete, nachdem sie von Südafrika dorthin ins Exil gegangen war.“

Jan Palach
Jan Palach (1948 – 1969) war ein tschechischer Student, der Selbstmord beging, indem er sich aus Protest gegen die Intervention der sowjetischen Armee am Prager Wenzelsplatz selbst anzündete.“

Oleg Vasilyevich Koshevoy
Oleg Vasilyevich Koshevoy ( 8. Juni 1926 – 9. Februar 1943) war ein ukrainischer Partisane und Mitbegründer der Untergrundbewegung Mododa hvardiya (Junge Garde), die gegen die deutsche Besatzungsmacht kämpfte. Er wurde gefoltert und 1943 hingerichtet.“

Fred Hampton
Fred Hampton (30. August 1948 – 4. Dezember 1969) war ein afroamerikanischer Aktivist und stellvertretender Vorsitzender der Illinois Chapter der Black Panther Party. Er wurde, in seiner Wohnung im Bett liegend, von einem Kommando des Cook County Illinois State’s Attorney’s Office in Zusammenarbeit mit dem Chicago Police Department und dem FBI erschossen.“

(aus einer Broschüre, die im Ausstellungsraum ausliegt)

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© Christina Dilk

Die Installation mit den Stoffeseln, die auf den ersten Blick süß und kuschelig zu sein scheint, entpuppt sich als Auflistung verfolgter, gefolterter und ermordeter Menschen.
Insgesamt sind es 53 Esel und hinter allen Stofftieren steckt ein Schicksal. Die Personen und deren Schicksale sind gegenüber der Vitrine auf der Wand aufgelistet und somit für alle Besucher direkt zugänglich. Viele Namen sind in Deutschland eher unbekannt. Menschen wie zum Beispiel Anna Politkowskaja, Fred Hampton oder Victor Jara gewinnen durch die kroatische Künstlerin auch in Deutschland an Bedeutung. Die Grausamkeit und Skrupellosigkeit mit der sie bekämpft und getötet wurden, ist erschreckend und GENAU: Einschüchternd! Menschen, die sich einer grauen, anonymen Masse oder einem mächtigen Regierungsapparat entgegenstellen, sind bis heute unerwünscht. Dass sie als stur und uneinsichtig dargestellt werden, kann nur von der einen Seite herrühren.

Alle „Esel“ sind Opfer politischer Gewalt und starben für bzw. aufgrund ihrer Überzeugung. Mit ihrer Installation, die den Namen „The Disobedient“ – die Unfolgsamen – trägt, würdigt Sanja Ivekovic alle Widerstandskämpfer und Revolutionäre, die mit einer unbeschreiblichen Kraft gegen Unterdrückung und Verfolgung gekämpft haben. Uneinsichtig und ihrer Überzeugung treu!

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