Anri Sala, die Uhr in der Aue und das Gemälde

Auch an diesem Wochenende war dOCUMENTIERT wieder einmal unterwegs. Trotz des eher mäßigen Wetters, hat es mich in die Aue verschlagen, um dort das Kunstwerk von Anri Sala zu suchen. Die Uhr am Ende des Hirschgrabens. Nachdem ich erst einmal den falschen Graben abgesucht habe (vorher eine Karte anzugucken hätte das verhindern können) und an einigen Kunstwerken anderer Künstler vorbei geschritten war, fand ich sie doch noch. Eine Uhr in der Aue. Aha, schön. Und was soll diese Uhr dort? Auf dem Weg dorthin musste ich an Salvador Dali denken oder an ein Zitat aus einem Gaspar Noé Film „die Zeit zerstört alles“. Nein aber mit alledem hat diese Uhr hier nichts zu tun.

Nun stand ich vor dieser Uhr und stellte fest: Egal wie man sich dreht und wendet, man hat immer den Eindruck, sie nie aus dem richtigen Blickwinkel zu betrachten. So erging es nicht nur mir, sondern anderen Besuchern der Uhr auch, wie ich bei meinem Besuch feststellen durfte. Die Perspektive ist das Geheimnis. Sie ist verkürzt, und die Uhr ist nicht rund sondern elliptisch. Aber warum baut man nun so eine Uhr und deklariert sie als Kunst? Für die Antwort auf diese Frage müssen wir den Schauplatz verlagern, den ganzen Graben entlang wieder zurück laufen, über die Wiese, in die Orangerie, vorbei am Kassen- personal, die Treppe hoch in den erste Stock und auf die „Brücke“. Dort nämlich sind Fernrohre aus vergangenen Zeiten installiert, extra für die dOCUMENTA (13) noch zwei weitere. Schaut man nun durch genau diese zwei hindurch sieht man, die Uhr von Anri Sala. Des Rätsels Lösung ist das aber immer noch nicht. Der Schlüssel ist in der Uhrenabteilung des astronomisch- physikalischen Kabinetts der Orangerie. Betritt man den Raum von der Brücke aus, steht auf der rechten Seite eine graue Wand, an dieser hängt ein Gemälde von einem Herren namens Ulbricht, welches 1825 entstand. Darauf ist ein Schloss zu sehen und etwas Landschaft. Das Besondere ist nun aber, dass in das Gemälde eine Uhr eingearbeitet ist, mit einem richtigem Uhrwerk. Sie erscheint jedoch nicht perfekt in das Bild eingearbeitet. Die Perspektive stimmt nicht. Und warum? Weil diese Uhr, wenn sie perspektivisch richtig in das Bild eingearbeitet worden wäre, nicht mehr exakt laufen würde. Von diesem Bild nun ließ sich Sala inspirieren und hat eine Uhr konstruieren lassen, die perspektivisch genau in das Bild passen würde und, jetzt kommts, auch noch exakt läuft. Ein Meisterwerk der Technik. Sala interessiert sich nämlich für das Verhältnis zwischen „Zeit“ und „Tempo“ und hat für die dOCUMENTA (13) eine Korrektur des Gemäldes von G. Ulbricht erschaffen. Das Alles und noch einige Hintergrund Informationen über Anri Sala mehr, sind in dem Begleitbuch zur dOCUMENTA (13) verewigt und auch noch einmal für die Nachwelt zum nachzulesen festgehalten.

Die Uhr ist also eigentlich ein Teil des Gemäldes von G. Ulbricht und das ist des Rätsels Lösung.

Foto: Jennifer Schreiber

Bild

Hinrichtungsstätten auf der dOCUMENTA (13) – Sam Durant’s „Scaffold“

Haben Sie schon dieses riesige Holzgerüst mit den vielen Treppen in der Aue gesehen? Ein bisschen klobig und wuchtig sieht Scaffold von Sam Durant schon aus, doch dann ist es auch wieder sehr außergewöhnlich und wirkt irgendwie einladend. Aber was soll dieses merkwürdige Kunstwerk aus Holz und Metall darstellen? Man könnte es fast für ein Klettergerüst oder einen Aussichtsturm halten, aber seine eigentliche Bedeutung ist um einiges tiefsinniger und erschreckender, als man sich auf den ersten Blick vorstellen kann…

 Zunächst sieht das Kunstwerk Scaffold, zu Deutsch Gerüst, wie der Name schon sagt, wie ein riesiges Holzgerüst aus. Dieses auffällige Werk, ist schon von weitem zu sehen, da es am Ende des zentralen Weges des barocken Schlossparks und direkt vor dem Aueteich steht. Schon wenn der/die BesucherIn vor der Orangerie steht, kann er/sie ganz weit hinten dieses skurrile Kunstwerk stehen sehen. Wenn man dann näher kommt sieht es aus als wenn das riesige Gerüst zu schweben scheint und es sind viele Treppen zu erkennen, die von allen Seiten des Werkes nach oben führen. Eine davon (die einzige aus Metall) kann der/die BesucherIn benutzen, um Scaffold zu besteigen. Auf der Plattform angekommen, ist der schöne Ausblick über die Aue schnell vergessen und man ist gefesselt, erstaunt und vielleicht etwas verwundert über das, was dort oben auf dem Kunstwerk zu sehen ist. Auf den ersten Blick ist überall einfach nur Holz zu sehen der/die BesucherIn fühlt sich fast wie auf einem Klettergerüst, denn man muss gucken wo man hintritt, um nicht zu stolpern, da der Boden  nicht eben ist, sondern es höhere und dann wieder etwas niedrigere Stellen gibt. Zwischendurch sind dann eigenartige viereckige Vertiefungen in den Boden eingefasst. Nach oben ragen mehrere verschieden lange Balken, die in den Himmel zeigen und unter der Plattform auch nach unten herausragen. Um die Plattform herum ist ein niedriger metallener Zaun gezogen, der trotz seiner Niedrigkeit bedrohlich wirkt, da er aussieht wie ein Gefängniszaun oder Ähnliches. Hier oben weiß man zunächst gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll und was das alles zu bedeuten hat. Wenn der/die BesucherIn sich über dieses abstrakte Kunstwerk vor dem Besuch nicht informiert hat, ist es schwierig zu verstehen, was das, was es dort zu sehen gibt, zu bedeuten hat.

Scaffold gehört zu einer Reihe von Werken des in Los Angeles lebenden Künstlers Sam Durant, in der er sich mit der Todesstrafe in den Vereinigten Staaten beschäftigt. Bei diesem Werk handelt es sich um eine Kombination von maßstabsgetreu rekonstruierten Galgen, die früher auch ‚scaffold’ genannt wurden. Diese wurden alle für Hinrichtungen verwendet, die von Bedeutung waren für die US-amerikanische Geschichte. Die Modelle dieser Galgen sind chronologisch um-, in- und übereinander gebaut. In Scaffold befindet sich unter Anderem das Modell des Galgens von John Brown von 1859 und das des Galgens auf dem Saddam Hussein 2006 starb. Sam Durant möchte mit seinem imposanten Kunstwerk auf die Todesstrafe in der Geschichte und Gegenwart der USA, aufmerksam machen.

Scaffold scheint wie ein Ort der Schreckens, des Todes und der Geschichte, der, von Sam Durant, mitten in die malerische Idylle der Karlsaue gesetzt wurde und hierzu einen extremen Kontrast bildet.

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(cw)

Ein Paradies für Schmetterlinge – Kristina Buchs „The Lover“

Sträucher, Bäume und Blumen: Buch schafft mit ihrer Installation auf dem Kasseler Friedrichsplatz vor dem Staatstheater eine Oase für Tagfalter.

Ich nähere mich an einem eher trüben und windigen Tag dem Kunstwerk der deutschen Künstlerin und studierten Biologin Kristina Buch (* 1983). Fasziniert beobachte ich die Vegetation, bestehend aus verschiedenen Gewächsen, die auf einem erhöhten Podest zu sehen ist. Ich höre, wie der Wind durch die Luft jagt und die Blätter zum Rascheln bringt, ich höre das Summen der Bienen und ich höre aber auch das Heulen lauter Motoren – denn die gebürtige Meerbuscherin platzierte ihr Werk direkt neben der gut befahrenen Kasseler Hauptstraße. Extra für die Tagfalter hat sie in ihrer Installation mehrere Schmetterlingssträucher gepflanzt, die als Nahrungsquelle und Herberge für diese dienen. An diesem Tag habe ich leider nur wenige Schmetterlinge sichten können, bei dem Wetter wundert es mich auch nicht.

Schmetterlingsstrauch
© Livia Blum

Buch ermöglicht Tagfaltern optimale Lebensbedingungen

Ihr Kunstwerk für die dOCUMENTA (13) „The Lover“ besteht aus einem Gerüst, das einen riesigen Pflanzkasten trägt. Es handelt sich hierbei um einen „hängende[n] Garten“ (Begleitbuch, S. 50). Buch pflanzte mit System: In der Mitte des Beetes setzte sie verschiedene farbenfrohe Blumenarten, die ihre volle Blütenpracht bereits entfaltet haben. Diese umrandete sie mit Disteln und Brennnesseln, welche eine besonders gute Nahrungsquelle für Schmetterlinge bieten. Aber ich sehe auch eine verdorrte Pflanze und frage mich, warum die heute in Düsseldorf lebende Künstlerin diese nicht entfernt oder sogar durch eine gesunde Pflanze ersetzt hat. Denn solch eine vertrocknete Pflanze strahlt doch kein Leben aus, sie passt nicht zu in der Luft tanzenden, bunten Schmetterlingen. Oder doch?

Vertrocknete Pflanze als Teil des Kunstwerkes?
© Livia Blum

Ein Projekt, mehrere Aussagen?

Wirft man einen Blick auf die Informationstafel, so liest man, dass sich die Künstlerin in ihrem Werk u.a. mit vielfältigen Themen wie der Vergänglichkeit, der Ungewissheit, der Hoffnung und der Freiheit auseinandersetzt. Die vielen Schmetterlinge, die während der größten Weltkunstausstellung aus ihren Puppen geschlüpft sind, symbolisieren Freiheit, wie dem Begleitbuch zu entnehmen ist. Sie tanzen in der Luft, flattern von Blüte zu Blüte, verlassen vielleicht das Kunstwerk – sie sind ungebunden. Indem die Künstlerin selbst während der dOCUMENTA (13) neue Puppen zieht und diese in ihrem Werk aussetzt, schafft sie dadurch neues Leben, das für mich für Hoffnung und Zukunft steht.

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Biowiese als Lebensraum für Falter

Eine Aussage aus einem Interview-Ausschnitt von Buch lässt mich grübeln. Sie sagt, dass Schmetterlinge vielleicht gar nicht so frei seien, da sie doch den Nektar der Pflanzen als Nahrung bräuchten, um überhaupt leben zu können. Mir stellen sich die Fragen: Was wird mit Schmetterlingen und anderen Lebewesen passieren, wenn wir Menschen immer mehr Wälder abholzen und beispielsweise unsere Rasenflächen weiterhin akkurat mähen? Nehmen wir den Tieren damit nicht die Grundlage zum Leben? Buchs Projekt regt mich zum Denken an und bringt mich zu dem Entschluss, den Schmetterlingen in meinem Garten ein Stück Natur zurückzugeben – und zwar in Form einer kleinen Fläche, die nicht gemäht wird und auf der Wildblumen gesät werden.

Der Lebenskreislauf?

Die vertrocknete, leblos aussehende Pflanze könnte meiner Meinung nach für Vergänglichkeit stehen. Für eine gewisse Zeit entfaltet sie ihre komplette Schönheit, aber irgendwann ist ihre Lebensdauer vorbei und sie vertrocknet. Möchte Kristina Buch in ihrem Werk vielleicht den Kreislauf des Lebens anhand der Pflanzen und Schmetterlinge darstellen? – Die Entstehung neuen Lebens, das Leben selbst, das so selbstbestimmt und frei wie möglich sein sollte, das Alter und schließlich den Tod?

Blumenpracht
© Livia Blum

dOCUMENTA (13)-Tagfalter in 2013?

Ob die Tagfalter auf ihrer Reise durch Kassel ihre Eier an einem geeigneten Platz ablegen und ob daraus im nächsten Jahr neue Schmetterlinge schlüpfen werden, ist ungewiss. Aber ich finde, es ist ein schöner Gedanke, dass wir vielleicht im nächsten Jahr, einem dOCUMENTA (13)- Schmetterlingsabkommen begegnen könnten.

(lb)

Fiktion oder Wirklichkeit?

Unsere Sinne arbeiten, wenn alle funktionstüchtig sind, brillant zusammen. Wie man einzelne Sinneseindrücke jedoch beeinflussen kann, wird eindrucksvoll in der Karlsaue vorgeführt.

„For a thousand years (2012)“ ist eine Klanginstallation von Janet Cardiff und George Bures Miller in einem kleinen Waldstück in der Nähe vom Aueteich, inmitten der Karlsaue. Mithilfe von 30 Lautsprechern wird die Umgebung des Waldes beschallt. Es wurden extra einzelne Baumstümpfe aufgestellt, als Möglichkeit sich hinzusetzen, um entspannt den Klängen lauschen zu können. Lässt man sich dann voll und ganz auf die Eindrücke ein und schließt womöglich die Augen, ist es zeitweilig schwer, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden.

Es wirkt als sei man mitten im Geschehen

Alles beginnt mit einer leichten Brise, die durch die Blätter der Baumkronen zu wehen scheint. Rasch entwickelt sich der Lufthauch jedoch dramatisch zu einem Sturm. Die Sinne spielen verrückt, denn die Geräusche, die man hört, passen nicht zur optischen Umgebung (insofern es nicht in Wirklichkeit gerade stürmisch ist).
Die Klänge umgeben mich und es entsteht eine Atmosphäre, die einen in die hörbare Situation hineinzieht, so als wäre man mitten in der Szenerie. Ich beginne jeden Klang zu lokalisieren, um mir ein Bild dazu machen zu können.
Die Gefühlslage scheint sich, mit jedem neuen Element der Klanginstallation, anzupassen. Man bekommt ein regelrecht beklemmendes Gefühl als auf einmal lautes Geschrei, Schüsse, Flugzeugmotoren und fallende, explodierende Bomben und das Rattern eines Maschinengewehrs erklingen. Ich weiß, dass es nicht da ist und doch scheint es real.
Ein fallender Baum, Geräusche einer Mutter und die ihres Kindes, ein kurzer, entfernter Schrei beschließt den Höhepunkt der Installation. Ein Sängerchor kommt näher und verschwindet schnell darauf wieder und urplötzlich ist es still, die Idylle ist wieder hergestellt und wird lediglich durch die wieder einkehrende, leichte Brise und den Tiergeräuschen des Waldes erhellt.

Meister der Klangkunst

Janet Cardiff und George Bures Miller haben meiner Meinung nach eine der interessantesten und eindrucksvollsten Ausstellungsstücke der dOCUMENTA 13 zur Verfügung gestellt und zeigt recht deutlich die Schwierigkeit fiktionale von realen Eindrücken zu unterscheiden, wenn man einzelne Sinne, wie zum Beispiel das Hören, stärker beansprucht.
Ein weiteres sehr gelungenes Kunstwerk von Janet Cardiff und George Bures Miller ist der Video-Walk im Kulturbahnhof. Dieses Projekt ist ein weiteres Indiz dafür, dass diese beiden Künstler ein außergewöhnliches Talent besitzen, Illusion und Wirklichkeit zu vermischen. Sehen Sie es sich an, oder besser: Hören Sie gut zu! Es lohnt sich.

Youtube – Video: © Janet Cardiff und George Bures Miller

Ausschnitt in der Soundcloud: © Jens Nerkamp

„Die Gedanken sind frei – wer kann sie erraten?“

Wer schon einmal in der Neuen Galerie vorbeigeschaut hat, dem ist sicherlich auch der große Raum mit den schwarzen Sofas und den verschiedenen Liedtexten an den Wänden aufgefallen.

Dieser Raum beinhaltet eine Klanginstallation von Susan Hiller und trägt den Titel eines bekannten deutschen Liedes, welches gegen politische Unterdrückung und für die Gedankenfreiheit steht: „Die Gedanken sind frei“.

Susan Hiller, die in den USA 1940 geboren wurde und 30 Jahre später ihre Karriere in der Kunst in London begann, nutzte 100 volkstümliche Lieder und möchte das „gesellschaftshistorische Bewusstsein“ bei den Besuchern ihrer Installation wecken. Hiller selbst sagt, dass „die Lieder evokativ für die oft unausgedrückten Ansichten und Erfahrungen vieler Menschen, vom Bauernkrieg bis zu den jüngsten Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen […]“ stehen.

Das Publikum kann sich die Lieder anhören und/ oder einfach nur im Raum stehen und die vielen Liedtexte an den Wänden bewundern und auf sich wirken lassen. Susan Hiller möchte vor allem die verschiedenen Reaktionen der Menschen beobachten, die ihre Installation hervorruft und „all die Positionen, die sie anbietet, erleben.“

Jede/r die/ der während der dOCUMENTA (13) in der Neuen Galerie ist, sollte die Arbeit dieser Künstlerin ansehen beziehungsweise anhören, denn die beeindruckende Sammlung der Lieder und die Atmosphäre im Raum lädt dazu ein, in sich zu gehen und sich Gedanken über die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft zu machen. Zudem ist jede/r BesucherIn Teil einer Relationskette, die dadurch entsteht, dass immer andere Lieder in beliebiger Reihenfolge gewählt werden können: „Jedes Lied, das jemand auswählt, um es selbst zu hören und andere es hören zu lassen, hat das Potenzial, unerwartete Echos wachzurufen.“

Als Quelle diente: Das Begleitbuch/ The Guidebook, S. 152

Text: Katharina Scholz
Fotos: Constanze Wölm

dOCUMENTA (13) wieder im Fernsehen!

3sat zeigt einen Report über „unsere“ Kunstausstellung im Rahmen seiner Sendung ‚Museums-Check‘.

Moderator Markus Brock, der sonst eigentlich in festen Museen unterwegs ist, stellt diesmal die Highlights der dOCUMENTA (13) in Kassel vor. Es wird eine Zwischenbilanz gezogen und Brock trifft verschiedenste Menschen, u.a. Besucher, Künstler, Macher, Weithergereiste und Einheimische.

Der „Museums-Check“ ist zu sehen am Sonntag, den 19.8. um 19:10 Uhr auf 3sat.

Weitere Infos hier.

Die Bilderflut in der Documenta-Halle

Das „Limited Art Project“ und sein Hintergründe. Warum der chinesische Künstler Yan Lei Gemälde herstellt, um sie wenig später wieder zu zerstören…

Wer ist Yan Lei?

Yan Lei, geboren 1965 in Hebei, China, lebt in Peking und hat an der Zhejiang Academy of Fine Arts studiert. Er ist bei der diesjährigen dOCUMENTA kein unbekanntes Gesicht, denn der Künstler war schon 2007 bei der Documenta 12 vertreten. Damals zeigte er zwei Serien von Acrylmalereien. Eine Serie namens „Tree“, die andere hieß „Light shadows“. Beide waren im Schloss Wilhelmshöhe zu finden.

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Was ist das „Limited Art Project“?

Dieses Jahr stellt er sein Werk „Limited Art Project“ in der Documenta-Halle aus. Das Projekt erregt viel Aufsehen, Besucher erinnern sich fast immer an „den Raum mit den vielen schönen Gemälden, die leider alle überlackiert werden“.

Yan Lei bleibt sich treu. Wie auch schon vor fünf Jahren, entstehen seine Acrylbilder in einem mehrstufigen Verfahren, das mediale und technische Hilfe nicht ausschließt. Wer früh im Sommer zur dOCUMENTA (13) fährt, hat die Chance, noch die meisten von Yan Leis Bildern zu sehen. Entdecken Sie unter anderem St. Paul’s Cathedral, die leicht bekleidete Janet Jackson, Wladimir Putin oder die umgestürzte Costa Concordia. Tun Sie es bald, denn die Bilderflut verschwindet – wer erst im Spätsommer zur d13 kommt, sieht dann nur noch monochrome Farbflächen!

Für das „Limited Art Project“ hat Yan Lei 360 Tage lang jeden Tag ein Bild aus dem Internet gespeichert. Es sind immer Bilder, die ihm bei der Flut aus Bildern in den Medien begegnet sind. Bilder, die ihm beim Surfen im Internet ins Auge gefallen sind. Jedes dieser 360 Bilder hat er auf eine eigene Leinwand übertragen, die meisten davon malen lassen. So entstand eine Art Tagebuch, welches nun nach Kassel gebracht wurde. Alle Gemälde sind in einem einzigen Raum in der Documenta-Halle angeordnet – ob an der Wand oder an der Decke hängend oder sogar in Lagerregalen verstaut.
Das Projekt besteht darin, die Bilder nach und nach auszustreichen. Dies geschieht mit Hilfe des Hauptsponsors Volkswagen. In einer engen Zusammenarbeit werden die Bilder transportiert, lackiert, getrocknet und wieder transportiert.

Was genau passiert mit den Bildern?

Alle Bilder, die im Ausstellungsraum aufgereiht sind, werden nach und nach monochrom mit Autolack übermalt. Dies gleicht einem Kalender, von dem tageweise Blätter abgerissen werden. Da es insgesamt 360 Bilder sind und die dOCUMENTA nur 100 Tage dauert, werden jeden Tag gleich 5-6 Bilder in das nahegelegene Baunataler VW-Werk gebracht. Denn weil die Fertigung in den Lackanlagen des Werkes am Wochenende still steht, wird über den gesamten Ausstellungszeitraum an nur 70 Tagen lackiert – an jedem Tag aber in einer anderen Farbe, die der Konzern auch für die Farbpalette seiner Fahrzeuge bereithält. Die Bilder, die jeweils herausgenommen werden, sucht der Künstler aus. Da er selbst nicht immer vor Ort sein kann, hat er einen Plan für die komplette Zeit erstellt, wann welche Bilder mit welcher Farbe lackiert werden sollen.

Dem Künstler ist es für sein „Limited Art Project“ wichtig, dass die Bilder direkt in die industrielle Produktion der Autoherstellung gelangen. Sie sollen gerade eben nicht in einem abgetrennten Raum untergebracht sein, gewissermaßen keine Sonderbehandlung bekommen. Insgesamt stellt VW dem Projekt von Yan Lei 30 seiner 600 Auszubildenden am Kasseler Standort zur Verfügung, um die Bilder in der Documenta-Halle abzuholen, sie überzulackieren und weitere wichtige Aufgaben zu übernehmen. Damit ist Volkswagen nicht nur Hauptsponsor, sondern wird selbst zum Kunstwerk der diesjährigen dOCUMENTA.

Warum werden die Bilder überlackiert?

Es wird die Vergänglichkeit der Bilder thematisiert, die ganz zum Thema der dOCUMENTA (13) passt. Yan Leis Projekt ist, wie der Name schon verrät, limitiert. Die Bilder, die allesamt dem Internet entnommen sind, stellen etwas Endliches dar. Etwas, das nicht andauert und an das sich nicht erinnert wird. Diese Bilderflut, mit der man im Internet konfrontiert wird, soll hier im Ausstellungsraum nachgestellt werden. Die Bilder sind so zahlreich, dass man sie nicht alle ansehen, geschweige denn, schätzen kann. Sie werden ausgedruckt, kopiert, verschickt und haben am Ende keinen Wert mehr. Die Quellbilder und deren Geschichten werden von Yan Lei unzugänglich gemacht und für immer versiegelt. Es wird nicht die leichte Unterhaltung, sondern das Nachdenken und das Erinnern gefordert.

Warum werden im Ausstellungsraum Fotoaufnahmen gemacht?

Die Fotoaufnahmen gehören indirekt zur Arbeit. Und zwar begleitet der chinesische Videokünstler Zhenchen Liu das Projekt über den gesamten Zeitraum. Von der Produktion der Bilder in China über den Transport nach Deutschland und der Installation im Ausstellungsraum. Und eben auch während der Ausstellungszeit bei der dOCUMENTA(13). Am Ende steht eine Dokumentation, in der die Fotoaufnahmen aus der Ausstellung einen Teil des Videomaterials stellen werden.

© Christina Dilk

Quellen:

–         Christov-Bakargiev, Carolyn et al. (2012): dOCUMENTA (13). Das Begleitbuch/The Guidebook. Ostfildern.
–         Gespräch mit Herr Steinbach (Abteilung Kommunikation der Volkswagen AG in Baunatal)
–         Gespräch mit Herr Finis (Lackiererei der Volkswagen AG in Baunatal)
–         Emailkontakt mit Virgilio Pelayo jr. (Assistent des Leiters der Kommunikation und Internationale Beziehungen der   dOCUMENTA (13))