Die Bilderflut in der Documenta-Halle

Das „Limited Art Project“ und sein Hintergründe. Warum der chinesische Künstler Yan Lei Gemälde herstellt, um sie wenig später wieder zu zerstören…

Wer ist Yan Lei?

Yan Lei, geboren 1965 in Hebei, China, lebt in Peking und hat an der Zhejiang Academy of Fine Arts studiert. Er ist bei der diesjährigen dOCUMENTA kein unbekanntes Gesicht, denn der Künstler war schon 2007 bei der Documenta 12 vertreten. Damals zeigte er zwei Serien von Acrylmalereien. Eine Serie namens „Tree“, die andere hieß „Light shadows“. Beide waren im Schloss Wilhelmshöhe zu finden.

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Was ist das „Limited Art Project“?

Dieses Jahr stellt er sein Werk „Limited Art Project“ in der Documenta-Halle aus. Das Projekt erregt viel Aufsehen, Besucher erinnern sich fast immer an „den Raum mit den vielen schönen Gemälden, die leider alle überlackiert werden“.

Yan Lei bleibt sich treu. Wie auch schon vor fünf Jahren, entstehen seine Acrylbilder in einem mehrstufigen Verfahren, das mediale und technische Hilfe nicht ausschließt. Wer früh im Sommer zur dOCUMENTA (13) fährt, hat die Chance, noch die meisten von Yan Leis Bildern zu sehen. Entdecken Sie unter anderem St. Paul’s Cathedral, die leicht bekleidete Janet Jackson, Wladimir Putin oder die umgestürzte Costa Concordia. Tun Sie es bald, denn die Bilderflut verschwindet – wer erst im Spätsommer zur d13 kommt, sieht dann nur noch monochrome Farbflächen!

Für das „Limited Art Project“ hat Yan Lei 360 Tage lang jeden Tag ein Bild aus dem Internet gespeichert. Es sind immer Bilder, die ihm bei der Flut aus Bildern in den Medien begegnet sind. Bilder, die ihm beim Surfen im Internet ins Auge gefallen sind. Jedes dieser 360 Bilder hat er auf eine eigene Leinwand übertragen, die meisten davon malen lassen. So entstand eine Art Tagebuch, welches nun nach Kassel gebracht wurde. Alle Gemälde sind in einem einzigen Raum in der Documenta-Halle angeordnet – ob an der Wand oder an der Decke hängend oder sogar in Lagerregalen verstaut.
Das Projekt besteht darin, die Bilder nach und nach auszustreichen. Dies geschieht mit Hilfe des Hauptsponsors Volkswagen. In einer engen Zusammenarbeit werden die Bilder transportiert, lackiert, getrocknet und wieder transportiert.

Was genau passiert mit den Bildern?

Alle Bilder, die im Ausstellungsraum aufgereiht sind, werden nach und nach monochrom mit Autolack übermalt. Dies gleicht einem Kalender, von dem tageweise Blätter abgerissen werden. Da es insgesamt 360 Bilder sind und die dOCUMENTA nur 100 Tage dauert, werden jeden Tag gleich 5-6 Bilder in das nahegelegene Baunataler VW-Werk gebracht. Denn weil die Fertigung in den Lackanlagen des Werkes am Wochenende still steht, wird über den gesamten Ausstellungszeitraum an nur 70 Tagen lackiert – an jedem Tag aber in einer anderen Farbe, die der Konzern auch für die Farbpalette seiner Fahrzeuge bereithält. Die Bilder, die jeweils herausgenommen werden, sucht der Künstler aus. Da er selbst nicht immer vor Ort sein kann, hat er einen Plan für die komplette Zeit erstellt, wann welche Bilder mit welcher Farbe lackiert werden sollen.

Dem Künstler ist es für sein „Limited Art Project“ wichtig, dass die Bilder direkt in die industrielle Produktion der Autoherstellung gelangen. Sie sollen gerade eben nicht in einem abgetrennten Raum untergebracht sein, gewissermaßen keine Sonderbehandlung bekommen. Insgesamt stellt VW dem Projekt von Yan Lei 30 seiner 600 Auszubildenden am Kasseler Standort zur Verfügung, um die Bilder in der Documenta-Halle abzuholen, sie überzulackieren und weitere wichtige Aufgaben zu übernehmen. Damit ist Volkswagen nicht nur Hauptsponsor, sondern wird selbst zum Kunstwerk der diesjährigen dOCUMENTA.

Warum werden die Bilder überlackiert?

Es wird die Vergänglichkeit der Bilder thematisiert, die ganz zum Thema der dOCUMENTA (13) passt. Yan Leis Projekt ist, wie der Name schon verrät, limitiert. Die Bilder, die allesamt dem Internet entnommen sind, stellen etwas Endliches dar. Etwas, das nicht andauert und an das sich nicht erinnert wird. Diese Bilderflut, mit der man im Internet konfrontiert wird, soll hier im Ausstellungsraum nachgestellt werden. Die Bilder sind so zahlreich, dass man sie nicht alle ansehen, geschweige denn, schätzen kann. Sie werden ausgedruckt, kopiert, verschickt und haben am Ende keinen Wert mehr. Die Quellbilder und deren Geschichten werden von Yan Lei unzugänglich gemacht und für immer versiegelt. Es wird nicht die leichte Unterhaltung, sondern das Nachdenken und das Erinnern gefordert.

Warum werden im Ausstellungsraum Fotoaufnahmen gemacht?

Die Fotoaufnahmen gehören indirekt zur Arbeit. Und zwar begleitet der chinesische Videokünstler Zhenchen Liu das Projekt über den gesamten Zeitraum. Von der Produktion der Bilder in China über den Transport nach Deutschland und der Installation im Ausstellungsraum. Und eben auch während der Ausstellungszeit bei der dOCUMENTA(13). Am Ende steht eine Dokumentation, in der die Fotoaufnahmen aus der Ausstellung einen Teil des Videomaterials stellen werden.

© Christina Dilk

Quellen:

–         Christov-Bakargiev, Carolyn et al. (2012): dOCUMENTA (13). Das Begleitbuch/The Guidebook. Ostfildern.
–         Gespräch mit Herr Steinbach (Abteilung Kommunikation der Volkswagen AG in Baunatal)
–         Gespräch mit Herr Finis (Lackiererei der Volkswagen AG in Baunatal)
–         Emailkontakt mit Virgilio Pelayo jr. (Assistent des Leiters der Kommunikation und Internationale Beziehungen der   dOCUMENTA (13))

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