Lee Miller – Die Worte eines Bildes

Im Brain des Fridericianum befinden sich Fotografien von und mit Lee Miller. Die Journalistin und Fotografin der amerikanischen Vogue nimmt am 30. April 1945, die Möglichkeit wahr, zusammen mit U.S. Truppen nach Deutschland zu kommen und sich in Hitlers Münchener Wohnung Zutritt zu verschaffen. Für viele ein abschreckender Gedanke, für Miller eine Chance das Unfassbare zu begreifen.

Eine der 20 Schwarz-Weiß-Fotografien zeigt Lee Miller in Hitlers Badewanne sitzend. Eigentlich der reinlichste Ort einer Wohnung, wenn man vergisst, wer sich in dieser Räumlichkeit von seinen dreckigen Taten rein wusch. Miller inszeniert sich also in Hitlers Privatsphäre und zeigt ihr Gesicht an einem Ort, an dem nur er sich aufhielt. Dieser Akt kann auf mehreren Ebenen gedeutet werden. Auf der einen Seite ist es eine Bloßstellung seiner Person. Ausgerechnet an dem Tag, an dem Hitler sich selbst erschossen hat, lässt sich Miller in seinem Badezimmer fotografieren. Ein Raum, in dem er entkleidet, waffenlos und somit angreifbar war. Andererseits stellt ihre Pose einen weitaus bedeutenderen Zusammenhang dar: Sie wäscht sich, in der Rolle des Täters, von ihren Taten rein. Die Annahme wird durch die umstehenden Gegenstände unterstützt. Vor der Badewanne befinden sich Millers Stiefel und die Kleidung, die sie zuvor am Vormittag bei ihrem Aufenthalt im Konzentrationslager Dachau trug. Die Eindrücke, die sie dort aufnahm, suggerieren die Sünden und Schandtaten eines Verbrechens an der Menschheit. Millers physische Identifikation mit Hitler (wenn sie in seiner Wanne sitzt) treibt sie dazu, diese Sünden abzuwaschen. Sie nimmt ihn sogar in Form eines Porträts mit, das sie an den Badewannenrand platziert.

Das Leitmotiv der dOCUMENTA (13) Collapse and Recovery beschreibt die Idee einer solchen Darstellung: So wie der Schmutz beim Reinigen zerfällt, zerfällt auch das Deutsche Reich. Der Wiederaufbau moralischer Werte und eines neuen Bewusstseins beginnt. Bei Miller durch eine Art visuelle Katharsis. Sie inszeniert eine Identifikation mit einer historischen und tragischen Figur und spricht sich wortlos ihre Gedanken von der Seele. Mit den Mitteln der Fotografie und ihrer Bildsprache.

Millers symbolische Inszenierung zeigt einerseits eines intimes und unzugängliches Lebensumfeld eines Diktators und andererseits eine Rezeption über den Ersatz eines ehemals einflussreichen politischen Machthabers durch eine Frau – ein zu jener Zeit völlig irrealer Gedanke.

Die Besucher der Kasseler Kunstausstellung sind ebenfalls einem historischen, wenn auch schreckendem Phänomen ausgesetzt wie die Künstlerin. Während auf dem Bild noch weitere Gegenstände wie Handtücher und eine Porzellanskulptur zu vernehmen sind, befinden sich ebendiese auf der gegenüberliegenden Seite in einer Vitrine. Der Betrachter dreht sich um und schaut unmittelbar auf Hitlers reale Gebrauchsstücke. Neben der Skulptur findet sich auch Hitlers Porträt wieder. Der Betrachter ist mit einem Mal in einen faszinierend “dämonisierten” Raum im Fridericianum versetzt und folglich mit dem Umgang eines kollektiven Traumas konfrontiert.

 

(Quelle: Das Begleitbuch dOCUMENTA (13))

 

Christina Hooge

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