„Die Gedanken sind frei – wer kann sie erraten?“

Wer schon einmal in der Neuen Galerie vorbeigeschaut hat, dem ist sicherlich auch der große Raum mit den schwarzen Sofas und den verschiedenen Liedtexten an den Wänden aufgefallen.

Dieser Raum beinhaltet eine Klanginstallation von Susan Hiller und trägt den Titel eines bekannten deutschen Liedes, welches gegen politische Unterdrückung und für die Gedankenfreiheit steht: „Die Gedanken sind frei“.

Susan Hiller, die in den USA 1940 geboren wurde und 30 Jahre später ihre Karriere in der Kunst in London begann, nutzte 100 volkstümliche Lieder und möchte das „gesellschaftshistorische Bewusstsein“ bei den Besuchern ihrer Installation wecken. Hiller selbst sagt, dass „die Lieder evokativ für die oft unausgedrückten Ansichten und Erfahrungen vieler Menschen, vom Bauernkrieg bis zu den jüngsten Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen […]“ stehen.

Das Publikum kann sich die Lieder anhören und/ oder einfach nur im Raum stehen und die vielen Liedtexte an den Wänden bewundern und auf sich wirken lassen. Susan Hiller möchte vor allem die verschiedenen Reaktionen der Menschen beobachten, die ihre Installation hervorruft und „all die Positionen, die sie anbietet, erleben.“

Jede/r die/ der während der dOCUMENTA (13) in der Neuen Galerie ist, sollte die Arbeit dieser Künstlerin ansehen beziehungsweise anhören, denn die beeindruckende Sammlung der Lieder und die Atmosphäre im Raum lädt dazu ein, in sich zu gehen und sich Gedanken über die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft zu machen. Zudem ist jede/r BesucherIn Teil einer Relationskette, die dadurch entsteht, dass immer andere Lieder in beliebiger Reihenfolge gewählt werden können: „Jedes Lied, das jemand auswählt, um es selbst zu hören und andere es hören zu lassen, hat das Potenzial, unerwartete Echos wachzurufen.“

Als Quelle diente: Das Begleitbuch/ The Guidebook, S. 152

Text: Katharina Scholz
Fotos: Constanze Wölm

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„Videofilm mit einem Mörder“

In der Neuen Galerie lassen sich auch einige KünstlerInnen der dOCUMENTA (13) finden. Auch Aníbal López‘ Beitrag kann dort begutachtet werden.

Der Künstler hat, wie im Begleitbuch (S. 160) zu lesen ist, einen guatemaltekischen Auftragsmörder eingeladen und in Kassel mit ihm über die politische und gesellschaftliche Situation in Zentralamerika diskutiert.
Damit möchte Lopez die Psyche eines Mörders ergründen und dessen Denkweise aufzeigen. Die Diskussion fand bereits zu Beginn der dOCUMENTA, während der Eröffnungswoche, statt.
Aníbal López, der selbst im Jahr 1964 in Guatemala geboren wurde und auch immer noch dort lebt, sagt über sein Projekt für die d(13):
„Die gegenwärtige Situation in Guatemala wirft zwei Hauptprobleme auf, die in dem größeren geschichtlichen Zusammenhang, in dem sie verankert sind, verstanden werden müssen. Das erste hat mit der bewaffneten Bewegung im Inland zu tun […], das zweite mit der Repression, die die neue obere Mittelklasse und die Kreolen ausüben, um ihre Macht zu erhalten […]“
López‘ Kunst setzt sich mit diesen Problemen auseinander.
In der Neuen Galerie kann die Aufzeichnung des Gesprächs zwischen dem Künstler und dem Mörder als Videofilm angeschaut werden. Zusätzlich dazu, gibt es auch einige Schwarz-Weiß-Fotografien der Begegnung.
Aber nicht nur das, auch andere Werke des Künstlers sind dort ausgestellt. Er hat eine Reihe von Aquarellen angefertigt, die im Nebenraum des Videofilms ausgestellt sind. Ob diese wohl auch etwas Politisches aussagen sollen?
Die Aquarelle zeigen Bäume, die auf ungleiche Weise gemalt wurden und so auch unterschiedlich interpretiert werden können.
Vor allem gibt jedoch das Video Aufschlüsse über die Situation in Guatemala.

Wer gern selbst herausfinden möchte, was die Aquarelle wohl zu bedeuten haben und ob im Videofilm wirklich die Denkweisen eines Mörders aufgezeigt werden können, sollte schnell in der Neuen Galerie vorbeischauen, in der auch noch andere tolle Künstler zu finden sind. Ein Besuch lohnt sich.

Text: Katharina Scholz
Fotos: Katharina Scholz/ Denise Hoffmann

‚Schonungslose Satire‘ im Kulturbahnhof?

Wie die meisten LeserInnen sicher schon wissen, hat dOCUMENTIERT. vor einiger Zeit an einer dTOUR am Hauptbahnhof teilgenommen. Es gab schon einige Bilder zu sehen und jetzt folgt endlich mal wieder ein Artikel.
Um genauer zu sein, ein Artikel zu Kudzanai Chiurai, dessen Kunst im Südflügel des Bahnhofs zu bewundern ist.

Betritt man den Raum, in dem die Kunst von Chiurai zu sehen ist, sieht man zuerst eine Installation am Boden. Es ist ein Werk aus Olivenholz und Bronze, wie man dem Hinweisschild an der Wand entnehmen kann. Es sieht aus wie ein Mensch, der in einem Baum liegt und von fünf Messern an verschiedenen Stellen zerstochen wird. Die Installation ist beeindruckend, denn jede(r) BesucherIn fragt sich unwillkürlich, welche Intention dahinter steckt. Dem Begleitbuch auf Seite 336 kann man entnehmen, dass Chiurai in Simbabwe nach der Unabhängigkeit des Landes geboren wurde. Dadurch, dass er dem Präsidenten des Landes mit seiner Kunst mit „schonungsloser Satire“ begegnete, als diesem und der restlichen Regierung „ethnische Gewalt, Vetternwirtschaft und Korruption“ vorgeworfen werden, lebt Kudzanai Chiurai derzeit im Exil in Johannesburg.
Es ist also durchaus denkbar, dass sich auch seine Kunst auf der dOCUMENTA (13) mit den Auseinandersetzungen in seinem Heimatland beschäftigt und Chiurai so auf die Probleme in Simbabwe aufmerksam machen möchte, oder vielleicht alles Erlebte verarbeitet.

An der Wand hinter der Installation hängt ein Gemälde, auf dem Löwinnen zu sehen sind und eine nackte Frau, die jedoch nur einen Totenschädel als Kopf hat. Die Leinwand wurde mit verschiedenen Materialien bearbeitet und fällt durch die starken Farben auf, die darauf zu sehen sind.


Geht man weiter in den Raum hinein stehen in der Mitte einige Sitzgelegenheiten, von denen man einerseits auf zwei an der Wand befestigte Bildschirme blickt und andererseits auf ein Bild auf Fotopapier. Einer der beiden Bildschirme zeigt die Kunst an den Wänden, sodass man alle Werke Chiurais noch einmal in Ruhe Revue passieren lassen kann: Also eine Kunst in bewegten Bildern. Der andere Bildschirm zeigt eine Videoinstallation.
Das Bild auf Fotopapier auf der anderen Seite beeindruckt durch seine Lebendigkeit. Es sind mehrere Menschen zu sehen, die an einem Tisch oder davor am Boden sitzen und auf den ersten Blick scheint es eine amüsante Situation darzustellen. Schaut man jedoch die einzelnen Personen genauer an, erkennt man, dass es viel tiefgründiger ist, als es zunächst scheint. Auch die eher dunklen Farben vermitteln schnell eine andere Stimmung.
Des Weiteren befinden sich vier große Leinwände, die mit Kohle gemalte, düstere Motive zeigen, an der letzten Wand. Diese Blickfänger faszinieren sofort. Durch das Hintergrundwissen über die politische Situation Simbabwes, betrachtet man die Werke von Chiurai durch einen zweiten, viel kritischeren Blickwinkel.

Wie die Kunst Chiurais auf Sie wirkt, können Sie im Südflügel des Kulturbahnhofes selbst herausfinden.

Text: Katharina Scholz
Fotos: Katharina Scholz/ Denise Hoffmann

„Bubumm bubumm” und „Tick tick tick”

Bei der diesjährigen dOCUMENTA (13) wurden nun schon häufiger die ungewöhnlichen Orte erwähnt, die auch als Ausstellungsorte genutzt werden. Zu ihnen gehört auch das Bekleidungsgeschäft C&A. Einige dOCUMENTIERENDE begaben sich auf den Weg und besuchten den ausgefallenen Ort.

Wenn wir auf das Geschäft zu laufen, werden wir gleich von dem typischen Plakatständer in dOCUMENTA-gelb begrüßt. Dann begeben wir uns in den Laden und finden am Informationsschild den nächsten kleinen Hinweis, wohin der Weg gehen soll. Wir erfahren, dass sich der Ort des Begehrens im dritten Stock bei der Kinderabteilung befindet und machen uns dann freudig erregt auf den Weg zur Rolltreppe. Wenn wir die Fahrt hinter uns haben, laufen wir auf ein weiteres Hinweisschild auf dem „dOCUMENTA“ prangt zu und richten uns, wie auf dem darauf abgebildeten Pfeil gezeigt, nach rechts. Danach folgen wir einfach dem normalen Weg geradeaus. Zuerst sehen wir überall nur rosafarbene Kinder-T-Shirts, aber schon bald bemerken wir, dass auf der rechten Seite ein Nebengang ist. Diesen gehen wir entlang und kommen bald in einen großen, hallenartigen Raum, der sehr karg wirkt. Gleichzeitig tönt von allen Seiten ein „Bubumm, bubumm“ und ein „tick tick tick“. Der Raum ist tatsächlich sehr leer, bis auf einen, durch einen weißen Vorhang abgetrennten Bereich, der jedoch auf einer Seite offen geblieben ist. Dort drin steht eine Bank und durch die offene Seite schauen wir auf eine große Box, aus der das „bubumm“ zu hören ist.
Wir begreifen so langsam, was diese Geräusche zu bedeuten haben. Wenn wir darauf achten, dann stimmt das laute „bubumm, bubumm“ nämlich mit dem eigenen Herzschlag überein. Das ebenfalls sehr laute Ticken, was aus einer anderen Ecke der Halle tönt, erinnert an eine Uhr.

Diese Klanginstallation ist das Produkt des Künstlers Cevdet Erek. Der 1974 in Istanbul geborene Künstler, der auch heute noch in seiner Geburtsstadt lebt, hatte bereits diverse Einzelausstellungen und nahm auch schon an einigen Gruppenausstellungen teil.
Cevdet Erek nennt seine Installation „Room of Rhythms“ und der Name macht dem Kunstwerk wirklich alle Ehre. Aber nicht nur die Klänge, sondern auch die Architektur gehören zu seinem Werk.

Das Schöne an einem Kaufhaus als Ausstellungsort ist, dass man auch ohne ein dOCUMENTA-Ticket Zugang zu der Installation hat. Jede(r) potentielle Käufer(in) kann also auch gleichzeitig, wenn er oder sie einen kleinen Abstecher macht, die Kunst begutachten. Zudem gibt es auch noch weitere Möglichkeiten zu dem Werk von Cevdet Erek zu gelangen, denn beispielsweise auch durch den Nebeneingang in der Straße Neue Fahrt gelangt man zu der einfach scheinenden, aber beeindruckenden Installation. Ganz einfach, indem man in den Fahrtstuhl steigt.

Wer Interesse an einer Performance des Künstlers hat, sollte am 22. Juli um 11.00 Uhr im Ständehaus oder am selben Tag um 15.00 Uhr bei C&A vorbeischauen.

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„Do nothing garden“

Ist es eine Nachbildung von Brüsten oder etwa die Hügel der Teletubbie-Welt?

Ein Kunstwerk in der Karlsaue gibt seit Wochen Fragen auf. Jetzt wurde öffentlich gemacht, dass es sich um einen „Do nothing garden“ handelt. Was das genau heißt, weiß aber niemand. Eher finden sich unter den Betrachtenden Kommentare wie: „Ist das Kunst, nee oder?“, „Das kann ich auch. Schaut einfach mal in meinen Garten.“ und „Dabei kann sich der Künstler doch wirklich nicht viel gedacht haben, oder?“.

Was sich der Künstler gedacht haben mag, wird auch bei Betrachten seines Gartens nicht deutlich, aber, wie sagte schon Dalí? „Nur weil ich die Bedeutung meiner Werke nicht verstehe, heißt das nicht, dass die Werke keine Bedeutung haben“, oder so ähnlich.

Der erwähnte Künstler ist der aus Peking stammende Song Dong, der vor allem für seine Installationen und Performances bekannt ist. Auf der Seite der dOCUMENTA (13) wird der Künstler und auch ein Buch von ihm vorgestellt, in dem es um „Doing Nothing“ geht. Dabei lässt Song Dong „einen unübersetzbaren Satz über das Nichtstun von verschiedenen Menschen, Unternehmen, einem Übersetzungsbüro und von Google Translate ins Englische übersetzen“, die chinesischen Schriftzeichen sind jedoch identisch. Und trotzdem kommt immer eine andere Übersetzung heraus. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann auf der d13-Seite etwas stöbern.

Was genau dieses Kunstwerk des chinesischen Konzeptkünstlers mit dem Thema der diesjährigen dOCUMENTA (13) „Collapse and Recovery“ zu tun hat und ob es sich bei diesem Werk überhaupt um Kunst handelt, muss demnach erst einmal jeder selbst herausfinden. Auch die Künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev ist sich unsicher: „Was manche dieser Teilnehmer tun, und was sie in der dOCUMENTA (13) ‚ausstellen‘, mag Kunst sein oder auch nicht.“

Der „Do nothing garden“ ist jedenfalls einen Besuch wert. Er besteht aus Sand und Holz sowie Kies, welche schon seit Monaten in der Karlsaue angehäuft wurden. Auf diesem abfallhaltigen Boden wurden zahlreiche Pflanzen und Büsche gepflanzt, die nun wachsen und gedeihen. Nach Berichten der HNA habe Song Dong „mit einem großen Sinn für Optimismus aus Abfall einen Garten gestaltet.“