Bild, Sprache und rundherum – satz4 ist erschienen!

Bild, Sprache und rundherum – satz4 ist erschienen!

Längst ist es kein reines studentisches Magazin mehr, obwohl es von Studierenden in einer Redaktion am Institut für Germanistik (Anna Lina Dux) produziert wird. Nicht erst die neue Ausgabe satz4 des literarisch-kulturellen Magazins satz! präsentiert sich in professionellem, journalistisch hochwertigem … Weiterlesen

„We are all one“ – Die „Klau Mich Show“

Klau Mich
Radikalismus in der Gesellschaft trifft auf TV Experiment
von Dora García

    „Autorität, die Institution, ist in vielen Kämpfen in zahlreichen Feldern herausgefordert worden, vor allem aber dort, wo sie   den Menschen am stärksten die Luft zum Atmen raubt: im Gerichtssaal, im Museum, im Gefängnis, im Irrenhaus; in der Schule, der Regierung, der Armee, der Familie.“  Dora García

 „Klau Mich, Piratenpartei und Kommunikationsguerilla“ vom 22. Juni 2012

Dora García

Jörg Ruckel, Jan Mech, Darsteller, Publikum
© Daniela Rieß

Was erwarten wir von einer Bühne? Das sie bespielt wird. Natürlich! Und auch hier bricht dOCUMENTA (13) Gewohnheiten und Erwartungshaltungen. Die „Klau Mich Show“, konzipiert von Dora García, realisiert mit einer Vielzahl von Teilnehmern, unter anderem dem Offenen Kanal Kassel und dem Theater Chaosium aus Kassel, ist alles andere als eine reine Bühnenshow zum Konsumieren. Sie lebt von der Partizipation und der Ad-Hoc-Gestaltung durch das Publikum, mit dem Publikum. Mittendrin also. Mal wieder. Kommunizieren statt bloßes Antizipieren. Den Nebenmann, die Nebenfrau kennen, ein paar Worte wechseln. Und dann geht es schon los! Klappe, die erste!

„Es gibt hier kein krank oder gesund mehr – es gibt nur Spieler!“
Nein, los geht es noch nicht. Erst kommt der Moderator Jan Mech. Mit einer Begrüßung. Englisch und Deutsch. Und mit einer Anleitung, auch für das Publikum. Das wird nämlich nicht allein sein. Ein „professionelles Publikum“ wird Anregungen geben, Vormachen, Vorklatschen, zeigen, wie es geht, bei einer Show wie dieser dabei zu sein. „Wenn Sie da Unsicherheiten haben, wann es ein guter Moment ist zu klatschen“, so der Moderator, „dann orientieren Sie sich ruhig an unserem professionellen Publikum.“ Gestellt wird es vom Theater Chaosium aus Kassel, das durch seine zahlreichen Aufführungen bereits regionale Bekanntheit erlangt hat. Soziokulturelles Theater von Menschen mit und ohne Psychoseerfahrungen. Krank oder gesund. Wo verwischen diese Kategorien nicht? So auch auf der Bühne.

Die Kunst des „Bravo“
Gut, nun sind wir eingeführt in die Techniken des Publikum-Seins. Geht es jetzt los? Ja, wir steigen ein. Ach, nein. Nun üben wir erstmal Begeisterung. In verschiedenen Graden. Ja, erst ein wenig Klatschen. Dann ein wenig lauter, mit „Prima“-Rufen. Wir steigern uns!
„Ich verwirre Sie.“ Der Moderator. „Es ist sehr viel Eigenverantwortung, wie Sie sehen gerade, aber das gefällt mir sehr gut. Wenn Sie unschlüssige Reaktionen haben, ist uns das natürlich auch sehr willkommen. Ich werde Sie nicht zurechtweisen.“
Ja, wir wollen sie übernehmen, diese Eigenverantwortung. Wir wollen dabei sein, mitten drin sein. Und nicken doch noch recht Schüchtern mit dem Kopf in der Hoffnung doch nicht der oder diejenige zu sein, die auf die Bühne geholt wird. Bitte nicht. Bitte lass es endlich los gehen. Und bitte, lass uns doch ein klein, klein wenig dabei sein! Los geht’s!

Das Paar auf der Bühne. Wie es uns in viele dieser wohl gekannten Wohnzimmer zieht. Ein Streit. Eine Unsicherheit. Der eine geht. Sie bleibt. Und: Es kommt das professionelle Publikum herein. Sind wir endlich erleichtert, dass wir nun vielleicht ein wenig Spicken können, Abgucken, wie es geht? Wir erfahren:
„Heute geht es um nicht weniger als Klau mich, HAIR, Gegenkultur, Antiinstitution, die Lizenz zum Töten, Antiautorität, die ödipale Nachkriegssituation, historisches experimentelles Theater, historische Avantgarde, Piraten, Sprache, Demokratie, Transparenz, Bürgerrecht, Informationsgesellschaft, Symbole, Performance, Rituale, und Mitbestimmung.“
Musik setzt ein.

When the moon is in the Seventh House
And Jupiter aligns with Mars
Then peace will guide the planets
And love, will steer the stars

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Von „Hair“ lernen
Heute soll die Kommune, die 68‘er Thema sein. Und dann „Hair“? Nein, plakativ ist das nicht. Wir werden mehr erfahren. Und richten unsere Blicke auf: Rainer Langhans, Mitglied der Kommune I, Autor, Filmemacher, Aktivist, betritt die Bühne. Langhans, der Kontakt zu Baader und Ensslin hatte, zunächst eine Vision teilte. Jedoch nicht die Mittel und sich daher von der Gruppe (RAF) distanzierte. Langhans, Autor des Buches „Klau mich“ (1978). Ihm folgt Joachim Scharloth, Linguist und Autor des 2010 Buches „1968. Eine Kommunikationsgschichte“ sowie Jessica Miriam Zinn, Repräsentation der Piratenpartei Deutschlands.

Erstmal setzen. Denn hier. Hier dreht es sich um „Hair“, das erfahren wir alsbald. Bei „Hair“ ging es immer darum, dabei zu sein. Teil eines Ensembles zu sein. Die „vierte Mauer“ zu durchbrechen. Die vierte Wand, zwischen dir und mir, Ihnen und uns, zwischen Publikum und Schauspielern, sie soll durchbrochen werden. Die vierte Wand, die uns alle trennt, sie ist am Rand der Bühne, im Kopf, in den Formaten.
Bei „Hair“ war es anders. Da konnte das Publikum die Bühne genießen, dabei sein. Die vierte Wand wurde zerbrochen. 1968. Ist heute! Heute!

Ja, wir! We are all. We are all!

„Diesen fundamentalen Moment können wir alle erneuern.“ Diese Erfahrung der Aufhebung von Getrenntheit. Nicht nur zwischen Publikum und Bühne. Diese konventionelle Polarisierung durchbrechen. Das Publikum muss dabei mithelfen. Rufen, wie bei Hair! „We are all one. We are all one.“
„Seid bewusst, dass ihr hier seid. Wir teilen uns einen Raum und eine Zeit.“
Alle zusammen erheben. Alle aufstehen. Die Nebenfrau. Den Nebenmann anschauen. „Wir teilen eine wunderbare Präsenz, in einem wunderbaren Raum.“
Alle auf die Bühne. Wir sind alle eins. Wir teilen einen wunderbaren Raum. Das liebe professionelle Publikum, hilft den Amateuren, die noch nicht so sehr vertraut mit der Bühne sind. Ja, wir sind alle eins. „Wir bestehen alle aus den gleichen Partikeln und den gleichen Teilen. (…) Wir atmen die gleiche Luft.“
Shake Hands. Diese Energie gemeinsam aufnehmen. In einen gemeinsamen Rhythmus bringen. Wir kommen ganz nah dran. An Hair. Wir sind Hair. Wir sind hier!

„We are all one. We are all one. We are all one. We are all one.“

Nach 45 und das Erbe von 68
Nach diesem Beginn müssen wir erstmal atmen. Durchatmen. Uns reorientieren auf unseren Stühlen. Fühlen uns doch ein wenig. Deplatziert. Irgendwie. Wollen wir doch alle wieder. Eins sein. Auf der Bühne sein?
Wir tauchen ein in eine Diskussion um die Frage nach dem Mördergen, welche die 68‘er um Langhans sehr bewegte. Ob es möglich ist, die Gewalt in uns zu überwinden. Dafür müssen wir uns mit uns selbst beschäftigen. Daher haben wir diese Auszeiten gesucht. Nur mit uns selbst. So Langhans. Um diese Seite in uns zu finden. „Um einen neuen Menschen in uns zu entdecken“, so Langhans. Finden wir sie? Und wie ist die Gewalt in die 68‘er-Bewegung gekommen? Fragt er.

Jessica Miriam Zinn findet das befremdlich. Mördergen. Gewalt und solche Verbrechen, die auf gar keinen Fall zu verharmlosen sind, finden überall auf der Welt statt. Und vielleicht ist es jedem von uns möglich, eine andere Haltung zu finden. Gewaltfreiheit. In uns? „Wir müssen die Augen offen halten“, so Zinn.

Dora García

Zuschauerin und die Schamgrenze
© Daniela Rieß

Eine Diskussion über die Strömungen der 1968‘er, ihrem Verhältnis zum Nationalsozialismus, über Radikalität und Gewalt und wie wir uns davor bewahren können. Und mitten in Scharloths Erläuterungen unterbricht der Moderator. Es sei nun Zeit. Wir merken, ja, da war gerade eine Art Gong. Nun geht es um Nacktheit. Unser Verhältnis dazu. Dass sie nackt auftraten, damals 68. Dass vor allem Vertrauen in das Publikum dazu gehört. Für diesen Akt. Und schon wird die Blonde in der Reihe vor mir heraus gefischt. Eine englischsprachige junge Frau. Ob sie alles verstanden hätte. Ob sie wüsste, dass es hier um Nacktheit geht. Yes. Und ihr Name ist Gloria. Gloria auf der Bühne. Gloria, die gebeten wird, so viele Kleidungsstücke auszuziehen, wie es ihr Schamgefühl und ihre Sozialisation zulassen. Alles in englischer Sprache, natürlich! Atem angehalten. Sie legt die Schuhe ab. Den Gürtel. Zögert kurz. Die Hose. Und endet dabei. Applaus.

Dora García

Jessica Miriam Zinn, Rainer Langhans, Joachim Scharloth
© Daniela Rieß

Teilen statt besitzen
Jessica Miriam Zinn, die den Moderator fragt, warum er sich denn nicht ausziehe. Und er dieser impliziten Aufforderung folgt. Es Gloria gleicht tut. Bis es ihm unwohl wird. Ja, mit Kleidung habe er sich sicherer gefühlt.
Und um Sicherheit geht es auch, in der Diskussion um Datensammlung und Freiheit im Internet. Die Freiheit zu teilen, statt zu besitzen. Vielleicht die Vision der Zukunft, die die Generation heute mit den 68‘ern verbindet. Aber um „Klau mich“, also etwas zu stehlen, gehe es gerade nicht. Das Internet ist ein breiter, freier Raum und es sei, so Zinn, vor Kriminalisierung bei der Nutzung von Informationen und Daten im Netz zu warnen. Wir kennen diese Diskussion, irgendwie.

Und enden wieder mit Hair. Mit einem Tanz auf der Bühne. Ohne die vierte Wand. Miteinander. Hand in Hand. Taumeln wortgefüllt und visuell angereichert auf die Straße. Und wundern uns. Ein wenig. Sehnen uns. Zurück auf diese Bühne, tanzend zu Hair.

Dora Garcà

Tanz zu „Hair“
© Daniela Rieß

Den gesamten Dialog zur Show gibt es zum Nachlesen unter http://www.dieklaumichshow.org/transcriptions/46.pdf oder als Video auf www.dieklaumichshow.org

www.dieklaumichshow.org
http://theater-chaosium.de/

Text & Fotos: Daniela Rieß

Kleiner Hund ganz groß – „Dog Run“ von Brian Jungen

Nicht nur den Vierbeinern hat der kanadische Künstler mit seiner Installation „Dog Run“ eine riesen Freude bereitet. Vielleicht avanciert es zu einem der eindrucksvollsten Außenkunstwerke der dOCUMENTA (13). Beliebt ist es auf jeden Fall jetzt schon. Nur aufgepasst: Hunde haben Vorrang! Da hilft auch kein Presseticket, kein Eintritt oder Überreden. Rein geht’s nur in Begleitung eines Hundes. Deshalb blicken nicht wenige Zuschauer sehnsüchtig über den Abgrenzungszaun und schauen dem bunten Treiben auf dem Hunde-Parcour gern zu.

„Dog Run“ stellt damit einen der Erfahrungsräume für Besucher der dOCUMENTA (13) dar, in dem das Anliegen, die Beziehung zwischen Menschen und Tieren, aber auch Pflanzen, sichtbar und vor allem erfahrbar zu machen, ein Erlebnis wird. Ein Ort, der die Liebe und die Hingabe, so auch die Beschreibung im dOCUMENTA-Begleitbuch, zwischen Mensch und Tier, die Zuneigung, die Begegnung und das Verhältnis zu einander anregen und fördern möchte. Erfahrungen, die alltäglich sein könnten. Werden sie gelebt? Nehmen wir das, was wir täglich erleben weniger wahr, wenn es nebenher läuft? Kann Kunst es schaffen, etablierte Beziehungen zu stärken oder auch neu zu entfachen?

Eins ist auf jeden Fall klar: Den Hunden und auch deren Begleitern macht das Toben auf dem Hunde-Spielplatz ganz und gar in Kunst einen riesen Spaß! Platz da – hier komme ich!
Dachte sich auch die Pekinesendame „Goethe“ und hat innerhalb von zwei Tagen bereits mehrere Stationen absolvieren gelernt. Nicht alltäglich.

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Foto & Text: Daniela Rieß

ARD „ttt-extra“ über die dOCUMENTA (13) ihr Konzept und Politik

„Diese documenta ist so international, so allumfassend, so umfangreich wie nie eine andere zuvor!“
Nicht nur Kunst, auch Naturwissenschaft, Geisteswissenschaftler und Philosophie sind mit ihren Disziplinen vertreten und kontemplieren mit der Kunst. Eine „politische, ökologische und feministische documenta! Noch nie waren so viele weibliche, noch nie so viele unbekannte Künstler auf einer documenta. (…) Insgesamt eine internationale, spektakuläre Ausstellung.“
Ein Ereignis, eine Reise! Wert.

http://www.ardmediathek.de/das-erste/ttt-titel-thesen-temperamente/ttt-extra-documenta?documentId=10802716

Dieter Moor in einer Drehpause vor dem Friedericianum ©dOCUMENTIERT

„Art must turn against itself.“

 „Kein Konzept“, Krisen, Kollaps und Wiederaufbau und vielleicht ist da auch Kunst. dOCUMENTA (13) öffnet ihre Tore mit der internationalen Pressekonferenz im Kongress Palais Kassel und der anschließenden Presse Preview in allen Ausstellungsräumen.

Der Weg in die mit Pressevertretern und Professionals aus aller Welt gefüllte Stadthalle in Kassel wird mit Volkswagen, dem neuen „Up!“ gesäumt. Erstmal geht‘s also vorbei an der wirtschaftlichen Wirklichkeit der dOCUMENTA (13). Keine Ausstellung ohne Sponsoren. Schon klar. Alleine stehen sie nicht, die vier Volkswagen mit den documenta-Aufklebern. Gleich an der Bahnhaltestelle hat sich eine Mini-Demonstration, eher ein Perfomance-Akt postiert, der die vermeintliche Zensur des Balkenhol-Kunstwerkes (wir erinnern uns an den Mann mit den ausgebreiteten Armen auf der Sankt Elisabeth Kirche in Kassel) durch die Kuratorische Leiterin der dOUCMENTA (13) Carolyn Christov-Bakargiev, anprangert. Hier in diesem Trubel geht das Thema, bis auf ein paar Pressefotos, mittlerweile als Nebenschauplatz doch unter.

Vorhang auf – und ran an die Nägel!
Für „Nail Biting Performance“ von Ceal Floyer. Ja, richtig gelesen: Nägel kauen. Und das verstärkt am Mikrophon. Knack, knack. Das lässt ein wenig Gänsehaut sprießen und über Irritation einer Pressekonferenz nachdenken. Das Unerwartete zeigen. Eine Vorausschau? „Jetzt hat die Kunst das Wort“, erfahren wir vom Geschäftsführer der dOCUMENTA (13), Bernd Leifeld. Und weil ein Geschäftsführer nie über Kunst rede, schwenkt er rasch über zu seinem Ansschlussredner, doch nicht ohne einen spannenden Sommer zu wünschen, allen Mitarbeitern zu danken und an die Wurzeln der documenta zu erinnern, die in die 50-Jahre reichen und deren Geist immer noch in der Ausstellung atme. An diese historische Linie lässt auch Oberbürgermeister Bertram Hilgen denken und ruft den Begründer der documenta Arnold Bode ins Gedächtnis, ohne welchen diese Ausstellung, deren „Faszination wir erleben werden“, nicht möglich wäre. Ein Dank an die Kuratorin Caroyln Christov-Bakargiev – die Konzeption der Ausstellung und deren Gestaltung sei eine wertschätzende Geste an diese Stadt und ihre Menschen. Oh, ja. Und an „Hessen geht kein Weg vorbei“, so die Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst Eva Kühne-Hörmann. Und nein, an Kunst, soll auch künftig – und gerade an der documenta – nicht gespart werden. Alexander Farenholtz, Verwaltungsdirektor und Vorstand der Kulturstiftung des Bundes lobt die kuratorische Freiheit und macht deutlich, dass das Fortbestehen einer solch wichtigen Ausstellung wie der documenta bereits für den nächsten Durchlauf, der documenta 14, gesichert sei. Das habe der Bundeshaushalt gerade beschlossen.

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„I am a dreaming subject of emancipation“
Ja, endlich. Sie spricht. Nicht ohne zunächst die Fotografen, die sich vor dem Podium in mindestens vier Reihen aufgestellt haben, an die Seite zu verweisen. Sie habe jetzt eine „Lecture“ vorzutragen. Really! Wer kann da noch stehen bleiben? Der Ton ist harsch, aber genau am richtigen Platz. Und um den richtigen Platz, hier und jetzt, wird es auch im Weiteren gehen, wird ein Kern der dOCUMENTA (13) sein. Natürlich werden first of all alle Sponsoren genannt und bedankt. Dank auch an die Mitarbeiter, den Agenten, den Künstler, allen Partizipierenden dieser Ausstellung. „Being in one place and not in another“ – die essentielle Erfahrung, welche dOCUMENTA (13) anbieten möchte. Dabei geht es darum, Wissen zwischen unterschiedlichen Erfahrungswelten und Wissensbereichen zu teilen. Nicht, dass da nicht auch ein paar Hindernisse, schockierende Dinge, Erschreckendes, das Kollabieren und der Wiederaufbau selbst präsent wären. Die Ausstellung stellt Fragen. An die Zerstörung und den darauf folgenden Wiederaufbau. An die Lebenswirklichkeit von Frauen. An Emanzipation. Und:  Diese Ausstellung findet nicht nur in Kassel, sondern an verschiedenen Orten der Welt statt: Kabul, Alexandria-Kairo und Banff. Kleine Mikro-Geschichten sollen ausgelotet werden. Auch: das Selbst. Aber nicht in einer harmonischen Waagschale. Nicht umsonst betont Carolyn Christov-Bakargiev: „I am a dreaming subject of emancipation.“ „Reimaging the world – Die Welt neu abbilden“. Die Sache mit den Träumen. Und der Disharmonie. dOCUMENTA (13) werde, das ist der Kuratorin gemäß zu betonen, keine Ausstellung der Utopie sein, keine harmonischen Bezüge zwischen Menschen oder gelingender Demokratie abbilden. Diese Ausstellung lebt von den Brüchen, den Krisen, den Zusammenbrüchen, ja, gar den Katastrophen. Und: Sie ist unfertig. Immer in Prozess. „Ich habe es immer wieder betont: Ich habe kein Konzept“, so Carolyn Christov-Bakargiev. Eine Ausstellung, die aus verschiedenen Aktionsfeldern, Wissensbereichen gespeist wird, nicht nur von Kunst. Auch Fiktion und Literatur werden die Ausstellung anreichern, genauso wie Naturwissenschaften oder Philospophie. Durch das Teilen dieses Wissens und der Aktionen dieser Bereiche untereinander kann es eine Möglichkeit sein, die Welt neu zu imaginieren. Vielleicht also. Maybe. Nicht umsonst nennt sich das Vermittlungsprogramm der dOCUMENTA (13) „Maybe Education“ („Vielleicht Vermittlung“). In die Interaktion, wir müssen den Denkhorizont der Anthroposophie verlassen, daran erinnert Christov-Bakargiev nicht erst heute, auf dieser Pressekonferenz, sind auch nicht-menschliche, nämlich die Interaktionen zwischen Tieren und Pflanzen einbezogen. Den Reflexionsrahmen also erweitern. Ebenso unseren Referenzhorizont. Und dabei über eine langsamere Form der Zeit lernen. Gerade heute, wo alles voller Smartphones, Facebook und schneller digitaler Welt steckt!

„So, this is dOCUMENTA!“
Aber, halt! „This ist too much! Skip, skip, skip. Christov-Bakargiev blättert nicht wenige der Seiten ihres Konzeptes für diese „Lecture“ um. Gelächter. Amüsement. Ja, genau das ist dOCUMENTA, erfahren wir. Das Prozessuale, Unfertige. Ruhig ein paar Seiten auslassen. Was fehlt dann schon? Das, was da ist, ist genau das Richtige. Geblättert wird dann noch viermal im Laufe der „Lecture“ und Erleichterung ist aus dem Konferenzsaal neben dem Gelächter dabei immer zu hören. Das müssen 50 Seiten gewesen sein. Geplant für eine dreiviertel Stunde. Also, verlangsamen. Gerade jetzt. Skip, Skip. 5 Seiten?
„In the digital age the past hunts us. As never before!“
Die Verbindungslinien und Zerstörungsmuster von Zeit. Das ständige Erneuern-Müssen. Nichts halten können. Auch nicht in der Kunst: „Art must turn against itself!“ Deshalb wird diese dOCUMENTA auch ungemütlich sein, unfertig, mit Erinnerungen arbeiten, Dinge anschauen, Abscheulichkeiten bereit halten. Das Konzept von Kunst referiere auf das, was es nicht enthält. Das führt zu Skepsis. Skepsis als Voraussetzung, als Suchbewegung, als Haltung: „Scepsis means to search.“ Und erinnert wieder an das Unfertige. Das wir vielleicht erwarten. Von so einer Weltkunstausstellung. Kunst hat auch die Aufgabe zu zerstören. Und Neuerungen hervor zu bringen. Skip, skip, skip, skip, skip, skip. Mir fällt ein Popsong ein.
Aha, es sei nicht die Facebook- Generation, die dOCUMENTA erreichen will (andere werden auch genannt). Es geht eher um den Raum zwischen den Beziehungen von Dingen, Lebewesen, Pflanzen, Menschen, Orten. Ein wunderbarer prekärer Raum sei es. „In one place and not an other. In one time and not in an other. Just here.“ Jetzt wird es „ernst“. „Das hier ist dOCUMENTA (13).“

Text und Fotos: Daniela Rieß