Geoffrey Farmers Zeitstrahl: 50 Jahre als Fotomontage

Im zweiten Stock der Neuen Galerie gibt es ein Kunstwerk zu bestaunen, das den Betrachter im ersten Augenblick sprachlos werden lässt. Die Rede ist von der aufwendigen Arbeit vom kanadischen Künstler Geoffrey Farmer.

Zu sehen sind hunderte, in filigranster Arbeit ausgeschnittene, auf Schilfgras aufgeklebte und drapierte Schattenspielfiguren. Die ausgewählten Figuren stammen aus 50 Jahrgängen des amerikanischen „Life“ Magazins und stellen in ihrer Anordnung einen Zeitstrahl dar. So wird anhand von unzähligen Bildern von Figuren, Menschen und Gegenständen die Geschichte der Jahre 1935 – 1985 auf ihre ganz eigene Art und Weise erzählt.
Diese Arbeit von Farmer, die den Titel „Leaves Of Grass“ trägt, ist der letzte Teil einer Triologie. Die vorherigen Werke („The Last Two Million Years“ -2007 und „The Surgeon And The Photographer“ -2009) beinhalten ebenfalls Fotomontagen und Collagen aus Zeitschriften älterer Jahrgänge.
Das besondere an den Arbeiten des kanadischen Künstlers, der sich auch mit Licht- und Klanginstallationen sowie Fotografien, Zeichnungen, Videomontagen und Skulpturen beschäftigt, ist, dass seine Werke an den einzelnen Ausstellungsorten einzigartig sind. Die Werke sind zeitweilig und immer genau an den Ausstellungsort angepasst, sodass jede Darstellungsform einzigartig ist und bleibt.

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Besuchen Sie doch auch mal das außergewöhnliche Kunstwerk Farmers und erleben Sie 50 Jahre des letzten Jahrhunderts auf eine ganz besondere Weise.

(dh)

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Was ist mit Ai Weiwei?

NEVER SORRY – der neue Film mit dOCUMENTA (12)-Persönlichkeit Ai Weiwei. Von dem chinesischen Polizeistaat, künstlerischer Dissidentenschaft und dem Unterschied zwischen Menschen und Katzen.

Titelbild Never Sorry

© DCM

Der bewegende Film von Ai Weiwei ist zwar kein Kunstwerk der diesjähigen dOCUMENTA, wurde jedoch auf der Eröffnung der d13 gezeigt. Dies zeigt, dass er nicht vergessen wurde und ein wichtiger und vor allem präsenter Teil der internationalen Kunstszene ist. Seit 2007 ist Ai Weiwei auch in Deutschland sehr bekannt und wäre 2012 wohl auch ein gern gesehener Gast in Kassel. Damals wurde er bei uns durch sein Kunstprojekt „Fairytale“ bekannt, in dessen Rahmen er 1001 Chinesen nach Kassel kommen ließ, um ihnen die Chance zu geben, Neues zu erfahren. „Jeder sollte das Recht zum Reisen haben“, so Ai Weiwei. Dass gerade er seit einem Jahr unter politischem Hausarrest steht und von der chinesischen Regierung zum Schweigen verurteilt wurde, traf ihn mit Sicherheit hart. In Alison Klaymans Film NEVER SORRY, einem rasanten Langzeitportrait von Ai Weiwei, geht es um seine Arbeit als Künstler, seine Regimekritik und seinen Kampf gegen die chinesischen Behörden. Er nutzt wie kein anderer Künstler das Internet, um aufzuzeigen, nachzufragen und zu provozieren. Er twittert rund um die Uhr. Müsste er eine Heimat wählen, wäre diese das Internet, „denn sein Raum und seine Grenzen befriedigen [sein] Vorstellungsvermögen“, so der Künstler.

Ai Weiwei

© DCM

Ai Weiwei ist ein Künstler, der glaubt, dass Kunst und menschliche Freiheit untrennbar miteinander verbunden sind. Daher spielt die Freiheit und die freie Kommunikation unter den Menschen in seiner Kunst auch eine große Rolle. Wenn die Menschen nicht in Kontakt treten und nicht an Informationen kommen und diese weitergeben, dann entgeht den Menschen unendlich viel. Dieser Gedanke lässt sich auch auf der diesjährigen dOCUMENTA wiederfinden. Denn genau wie Ai Weiwei ist auch Documenta (13)-Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev darauf aus, die Menschen miteinander kommunizieren zu lassen. So wurden zum Beispiel alle Kunstvermittler (diejenigen, die die dTOURS leiten) angewiesen, die Kunstinteressierten zu Gesprächen anzuregen und sie zu motivieren, Fragen nicht nur an den Leiter, sondern in die ganze Gruppe zu stellen. So entstehen Diskussionen und verschiedenste Eindrücke werden ausgetauscht. Alle sind sich einig: Wer die Menschen erreichen will, muss mit ihnen Kontakt aufnehmen und alle Meinungen müssen gehört werden!

(Christina Dilk)

Zur Geschichte der documenta

„documenta. Kunst des XX. Jahrhunderts.
Internationale Ausstellung“
15. Juli – 18. September 1955
Museum Fridericianum

Die documenta – ein kulturelles Ereignis, das die Stadt Kassel alle fünf Jahre kurzzeitig in eine Kunstmetropole verwandelt. Künstler aus der ganzen Welt präsentieren ihre Werke tausenden interessierten Besuchern. Auch dieses Jahr ist Kassel gespannt auf die bevorstehende Ausstellungszeit. Wenn Künstler und Rezipienten aus verschiedenen Teilen der Welt aufeinander treffen, um durch die Kunst über gesellschaftliche Positionen zu diskutieren, entsteht ein neuer Raum für Möglichkeiten. Ein Raum für Geistreichtum. Ein Raum für Kultur. Dieses Phänomen ist das Ziel einer Weltkunstausstellung. Doch um zu wissen, wohin es geht, sollte man fragen, woher es kommt. Welche Idee brachte die erste documenta hervor? Welche gesellschaftlichen Bedingungen veranlassen eine internationale Ausstellung der Gegenwartskunst? Welche Bedeutung verleiht die documenta der Kunst, und wer überhaupt initiiert eine Plattform für moderne Kunst, die sich als Tradition fortsetzt?
Es ist der Maler und Professor Arnold Bode. Er gilt als Vater der documenta, welche das erste Mal im Jahre 1955 im Museum Fridericianum in Kassel stattfindet. Die Folgen des Zweiten Weltkrieges sind Anfang der 50er Jahre nicht nur an der Architektur in Trümmern, sondern auch an der Vertreibung von moderner Kunst aus Deutschland durch die Nationalsozialisten zu erkennen. Bode bemängelt die unzureichenden Leistungen im Wiederaufbau der Stadt und dem materiell orientierten Bewusstsein der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Die Vision, eine Ausstellung für Kunst aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu organisieren, entsteht. Durch die „Bundesgartenschau 1955“, eine Maßnahme zur Erhöhung der Stadtattraktivität, kann Bode an den Ästhetisierungsprozess anknüpfen. Er plant eine umfassende Übersichtsausstellung der modernen Kunst, die die europäischen Strömungen der letzten 50 Jahre mit ihren wichtigsten Vertretern aufgreift. Mit dem Ziel, die deutsche geistige Situation durch die künstlerische Wertevermittlung zu sensibilisieren, möchte er die Kunstentwicklungen der kriegsbedingten ausgelöschten Jahre nachholen. Die documenta ist demnach eine kulturelle Vergangenheitsbewältigung, die den von den Nazis geprägten Begriff der „entarteten“ Kunst wieder gut machen soll und Künstler aus der faschistischen Zwangsästhetik befreien.
Arnold Bodes Leitfragen „Wo steht die Kunst heute? – Wo stehen wir?“ dienen als Grundgedanken bei der Betrachtung der Kunstwerke. Künstlernamen wie Pablo Picasso und Victor Vasarely sind neben anderen Malern aus dem Expressionismus, dem Futurismus und dem Kubismus vertreten. Der Grundgedanke besteht darin, nach einer gesellschaftlich akzeptablen Ausgangsposition für zukünftige kulturelle Tätigkeiten in Europa zu suchen.
Ein Punkt an dem die Zeitgenossen nun stehen, ist die teilweise zerstörte und notdürftig wiederhergestellte Architektur. Genau an dieser Stelle greift Bode in seiner Inszenierung der Kunst ein. Der fragmentarische Zustand  des Museums Fridericianum eignet sich bestens dafür, die Umfeldbedingungen der Kunstwerke zu bestimmen und nicht umgekehrt. Die unfertige Materialästhetik, die durch das bloßgelegte Mauerwerk und unverputzte Betonflächen ersichtlich ist, vertuscht nicht, was dem Bau im Weltkrieg angetan wurde. Daraus ergibt sich der Wirkungskomplex aus Architektur und Kunst. Dieser reiht sich in den Diskurs über Ästhetik ein und vervollständigt den Begriff der documenta. Sie ist eine Kunst – und Theorieausstellung, die nicht nur Werke namenhafter Künstler präsentiert, sondern auch die gesellschaftlichen Bedingungen der Kunst diskutiert. Die Bedeutung der documenta in der Kunst ist die Bündelung zeitgenössischer Künste. Ebenjene bringt sie auf den Punkt und lässt sie in das Bewusstsein der Gesellschaft durch die Aktualität einfließen.
Was bei der documenta 1 nur der Name ist, ist heute ein Markenzeichen geworden. Aus dem ursprünglichen Wort „Dokument“ ist ein modernisierter und internationaler Begriff geworden, der seinen Anspruch auf objektive Information und sachliche Dokumentation zyklisch vertritt.

Literatur:
Harald Kimpel: documenta. Die Überschau. Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag, 2002.