Lange Besucherschlangen zum Ende der dOCUMENTA (13)

Kassel platzt zurzeit aus allen Nähten. Der Grund: Kunstbegeisterte aus aller Welt wollen die wenigen verbleibenden Tage noch nutzen, um dOCUMENTA (13)-Luft zu schnuppern und letzte Blicke auf die Kunstwerke zu erhaschen.

Es ist bald soweit, die größte Weltausstellung für zeitgenössische Kunst schließt in drei Tagen endgültig ihre Pforten. Das Ende der dOCUMENTA (13) wird an diesen letzten Tagen deutlich sichtbar: Überall, wohin das Auge auch blickt, sieht man zahlreiche Menschen anstehen und warten. Sie hoffen, dass die Schlangen rasch kürzer werden, denn viele beliebte Standorte sind auf Besucherzahlen beschränkt. Ob vor dem Fridericianum, der documenta-Halle – wie auf diesem Foto sichtbar – oder an verschiedenen Stationen am Hauptbahnhof, es bilden sich lange Schlangen von interessierten Besuchern. Dies verlangt den Kunstbegeisterten viel Geduld und Durchhaltevermögen ab.

Die Schlange zur documenta-Halle reicht schon bis zum Staatstheater
© Livia Blum

Wer beispielsweise letzten Samstag die Arbeit „The Refusal of Time“ des Künstlers William Kentridge (* 1955) genießen wollte, der musste teilweise gut zwei Stunden ausharren, da die Einlasszahl zu diesem Werk auf ca. 50-60 Personen begrenzt war. Gelohnt hat sich das Warten allemal, wenn es auch viel Kraft und Ausdauer gekostet hat.

Festhalten lässt sich auf jeden Fall: Dass die dOCUMENTA (13) die Menschen nach wie vor begeistert, dass das Interesse an den vielseitigen Kunstwerken anscheinend nicht abnimmt und dass bestimmt dem einen oder anderen Kunstliebhaber in den nächsten Wochen in Kassel etwas fehlen wird: Nämlich die Magie und Faszination, die die Weltkunstausstellung verbreitet hat und vielleicht auch der Austausch und ein netter Plausch mit Gleichgesinnten.

(lb)

Das Ende ist in Sicht…

In wenigen Tagen geht die größte Ausstellung für zeitgenössische Kunst zu Ende. Bereits jetzt befassen sich viele Medien mit der Zeit danach oder bieten einen kleinen Rückblick auf die Highlights der 13. Documenta in Kassel. dOCUMENTIERT hat hier eine Auswahl der aktuellsten Artikel zusammengestellt.

Die Welt online: Auf Streit folgt Lob und wieder Streit – Ein Rückblick auf die positiven und negativen Stimmen zur Documenta 13 und dem Geschehen drumherum

Der Westen online: Warum sich ein Besuch der Documenta 13 auch auf den letzten Drücker noch lohnt – Thomas Richter zeigt, wie man in möglichst wenig Zeit noch möglichst viel von der Documenta erleben kann

Süddeutsche online: Ende der Documenta 13 – Und dazu Urmusik aus der Geierhöhle – Die Highlights der Documenta 13

Focus online: documenta-Hund soll wieder normales Leben führen – Was passiert mit den zwei Hunden des Kunstwerks von Pierre Huyghe?

„Lieber die moderne Kunst“ oder: Documenta für Anfänger

Wart ihr bei der Kunst oder einfach nur so weg? Mit diesem Gedanken durch die Stadt geschlendert, habe ich eine kleine Gruppe auf dem Friedrichsplatz angesprochen. Heraus kam ein kurzes Gruppeninterview, dass teils tief in die Kunstseele der drei blicken lässt und teils zum schmunzeln anregt.
„Lieber modern und die Sinne betörend“, so fassen drei Mitte-Zwanziger aus Freiburg ihren Kunst- und Kulturtripp zur dOCUMENTA zusammen. „Ohne jegliche Erwartung“ seien sie gestartet, aber schon mit „Vorabrecherche und Freundeskreisverhör“. Heraus kam ein d(13)-Schlachtplan, der sie durch den Auepark führte, im Hugenottenhaus das Gruseln und Staunen lehrte, im Friedricianum leicht irritierte und in der Documenta-Halle gut unterhielt.
Die zwei Herren der Freiburg-Troika – Simon (26) und Jonathan (25) – studieren in Kassel, der eine seit einem, der andere seit zwei Jahren. Beide fühlen sich zwar langsam angekommen in Nordhessen, trotzdem überwiegt noch ein „süddeutsch geprägtes Exil-Gefühl“. Mit Kunst haben die beiden genauso viel am Hut wie ihr Besuch,  Maria (25), Physiotherapeutin. „Aber wenn jetzt schon einmal Besuch hier ist, dann nutzen wir die Gunst der Stunde und schauen es uns auch an“, so der männlich-logische Sachverstand. Auf „documentiert“ haben sie sich informiert, außerdem bei der HNA und Freunden. „Die Highlights waren schnell gebündelt, die Begeisterung im Nachhinein nicht immer ganz nachvollziehbar“, geben sie 20:30 beim Feierabendbier auf dem Friedrichsplatz erschöpft zum Besten.
Was die kleine Gruppe schnell resümieren kann, ist die geschlossene Vorliebe für medial unterstützte Kunst. Und so verwundert auch die Top 3 der Troika nicht. Auf Platz 1 setzen sie einstimmig das Hugenottenhaus mit dem Dunkelraum, in dem Gesungen und Getanzt wird. „Faszinierend zu beobachten, wie man anfangs nichts sieht und wenige Minuten später den Durchblick hat“, loben sie die Künstler aus Chicago. Platz 2 vergeben sie an den Klanggarten im Auepark, wo vor allem die Mimik der älteren Besucher „wirklich fasziniert und mit der Geräuschkulisse mitgeht“. Platz 3 in der Gunst der Gruppe geht an Nalini Malani, eine Künstlerin aus Indien, die in der Documenta-Halle ausstellt.
Was die drei im Nachhinein ärgert, ist der verpasste Besuch des Video-Walk im Hauptbahnhof: „Den hätten wir lieber noch mitgenommen als das Friedricianum“. Trotzdem sind sie rückblickend zufrieden, teils von der Kunst „angefixt“, teils noch nicht „gesetzt genug für Vitrinen-Kunst“.
Aber auch die Erkenntnis, „nicht gesetzt“ genug zu sein, kann ja durchaus als Gewinn verbucht werden. Und einen letzten, unbedingten Tipp wollen sie zum Abschied noch an die documentiert-Leser weitergeben: „Zum Chillout nach dem Kunstmarathon oder für das Radler zwischendurch, unbedingt die kleine Bar links hinterm Hauptbahnhof besuchen“!

Kritische Stimmen

Bisher gab es eher weniger negative Kritik in den Medien über die diesjährige dOCUMENTA. Ganz zum Verblüffen von Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev. Sie habe sich vorab auf hitzige Diskussionen eingestellt, die bislang noch nicht eingetroffen sind. Jetzt haben sich zwei Frankfurterinnen über ein Ausstellungswerk des guatemaltekischen Künstlers Aníbal López beschwert, wie die Frankfurter Rundschau berichtet. Das Video, das in der Neuen Galerie zu finden ist, zeigt ein Interview des Künstlers mit einem Auftragsmörder. López lud den sogenannten sicario nach Kassel ein, um mit ihm über Politik und Bewaffnung in Zentralamerika zu sprechen. Seine Absicht liegt darin, die Menschen über die politische Problematik in Guatemala aufzuklären, indem man in die Psyche des Mörders schaut und somit seine Denkweise verinnerlicht.

Der Künstler nutzt die weltweit öffentliche Plattform der dOCUMENTA, um auf den Guerillakrieg hinzuweisen. Die bewaffnete Bewegung besteht aus einem kriminellen Kartell, das Kontakte zu Politikern, Drogenhändlern und anderen Verbrechern pflegt. Diese Miliz findet immer größeren Zuwachs aus Repressionsgründen.

López bietet den dOCUMENTA Besuchern die Möglichkeit, hinter die Fassade zu schauen und das Problem aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Losgelöst von unserem politischem Verständnis von Recht und Unrecht. Sicherlich appellieren die zwei Frankfurterinnen an die Moral, die bei solch einem Konflikt zwischen Bürger und Diktatur verloren scheint. Andererseits spielen andere Faktoren in dieser Kultur eine große Rolle. Angst vor dem Gesetz und der Überlebenskampf auf den Straßen sind nicht unbekannte Phänomene, die durch Ausweglosigkeit hervorgerufen werden.

Durch López‘ provokative Kunst trifft in Kassel eine Welt auf unsere, die unser Verständnis von Moral und Recht in einen neuen Bezug bringt und somit die Relationen versetzt. Die Beschwerde der beiden Frauen ist der erste Schritt in Richtung Aufklärung der gesellschaftlichen Probleme im 21. Jahrhundert.

Weitere interessante Informationen zu diesem Thema sind in dem Artikel „Videofilm mit einem Mörder“ von Katharina Scholz zu finden!

(Quelle: Begleitbuch dOCUMENTA (13))

Christina Hooge

Unmögliches aus Bronze

Ist das ein Mann oder eine Frau? Ein Mensch oder ein Tier? Das ist bei den Werken von Maria Martins, die in der Neuen Galerie zu bestaunen sind, schwer auszumachen. An diesen Kunstwerken kommt der/die BesucherIn nicht so leicht vorbei, denn die Ungewöhnlichkeit der Formen lässt ihn/sie vor Verblüffung näher hinsehen.

Don't Forget I Come From The Tropics

© Constanze Wölm

In der Neuen Galerie stehen acht beeindruckende Werke aus Bronze von der brasilianischen Künstlerin Maria Martins. Es handelt sich um dunkle, extravagante Plastiken mit unruhigen wirren Formen. Bei allen diesen Werken ist schwer zu erkennen, um was für Formen es sich genau handelt. Sie wirken sehr finster und irgendwie bedrohlich, andererseits aber auch anziehend und lebendig. In den Plastiken sind menschliche, tierische und pflanzliche Formen zu sehen.

Die Intention der bereits 1973 verstorbenen Künstlerin war es, die althergebrachte Mythologie des Amazonasgebiets neu zu bearbeiten und darzustellen.

Eine der Plastiken, die, wie ich finde eindrucksvollste, heißt O impossivel (1945), zu Deutsch: unmöglich. Diese stellt zwei Figuren dar, die sich gegenüber stehen, eine ist weiblich, die andere männlich. Die Gesichter dieser Geschöpfe scheinen aus eigenartigen Tentakeln oder Stacheln zu bestehen, die auf den jeweils anderen zu schlängeln. Es sieht fast so aus, als wenn sich die beiden gegenseitig auffressen wollten. Andererseits scheint es, als begehrten sie einander und versuchen den anderen  mit ihren Tentakeln irgendwie liebevoll zu erreichen. Es wirkt, als würden sie sich gleichzeitig abstoßen und anziehen.

© Constanze Wölm

Brouillard Noir (1949) ähnelt einem aufrecht stehenden Tier, vielleicht einem Vogel? Jedoch hat es den Anschein als wäre der Körper dieses Tieres ein Skelett. Füße, Kopf und Flügel sind die eines Vogels. Es scheint, als würde er gleich losfliegen wollen.

Brouillard Noir

© Constanze Wölm

Ein weiteres Werk trägt den Namen Prometheus (1948). Es ist die Figur eines Mannes mit riesigen Händen, die er scheinbar nicht unter Kontrolle hat, da sie wirken, als würden sie wild hin und her wirbeln. Es sieht aus, als versuche er sie verzweifelt zu kontrollieren, was jedoch eine unmögliche Aufgabe ist, da sie zu groß und stark für diesen kleinen Menschen sind.

Prometheus

© Constanze Wölm

Eine andere Skulptur sieht aus wie ein Hahn mit überlangen, in sich verschlungenen Armen und Beinen. An seinem Bauch klafft eine riesige Wunde, sein Kopf ist in die Höhe gereckt, der Schnabel weit geöffnet, so als würde er vor Schmerz schreien.

© Constanze Wölm

Bei diesen Werken stehen, wie ich finde, besonders die Hände, Köpfe und Körper im Vordergrund, denn diese Formen tauchen immer wieder auf skurrilste Weise auf.

Viele dieser Plastiken scheinen nicht nur gefährliche oder schmerzhafte Momente, sondern auch erotische Situationen oder auch liebevolle Augenblicke zu zeigen, wie zum Beispiel ein Werk von 1940, welches keinen Titel trägt. Hier stellen zwei Gestalten, sind es möglicherweise Schlangen?, den Mittelpunkt des Werkes dar. Sie wenden Köpfe und Körper, ähnlich wie bei O impossivel, einander zu, scheinen sich küssen zu wollen. Oder will die größere Gestalt die kleinere angreifen und fressen? Um sie herum und über ihnen ranken sich eigenartige Zweige, die sie zu umschließen scheinen wollen.

© Constanze Wölm

Die Werke von Maria Martins sind irgendwie unangenehm für das Auge, man weiß nicht genau was die Plastiken, was die Figuren, Körperteile und Ranken zeigen sollen. Als BetrachterIn muss man sich mit einer Mehrdeutigkeit auseinandersetzen, die verwirrend ist. Zeigt eine Plastik nun eine erotische, liebevolle oder eine gewalttätige, rohe Szene? Ist eine Figur ein Mann oder eine Frau, ein Mensch oder ein Tier? Diese Uneindeutigkeit findet sich in allen acht ausgestellten Werken, was ein sehr fortschrittliches und emanzipiertes Denken der von 1894 bis 1973 lebenden Martins beweist, denn in ihren Werken, wie auch in der Wirklichkeit sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht immer eindeutig auszumachen.

‚Modernist Women’ heißt eine Rubrik der dOCUMENTA (13), die sich Frauen widmet, die vorher in der Kunstgeschichte vernachlässigt wurden. Hierzu gehört auch Maria Martins, eine Künstlerin mit einem bewegten Leben, die vielen vielleicht nicht bekannt sein mag. Ihre Werke sind außergewöhnlich, uneindeutig und einzigartig, erotisch und gefährlich, zeigen Begehren und Gewalt, Schönheit und Hässlichkeit zugleich – sie sind kurz gefasst: unmöglich.

Aranha

© Constanze Wölm

Chanson en Suspens

Tarek Atoui – Kratzen mit Einsen und Nullen

Wer zum ersten Mal die Klänge des Pariser Klangkünstlers und Programmierers Tarek Atoui zu Ohren bekommt, assoziiert diese zunächst mit verstörenden, flippigen und taktlosen Geräuschen. Metallische Maschinen, Helikopter, Dubstep und Fernsehflimmern beschreiben am ehesten die Art der akustisch-elektronischen Versionen, die nacheinander oder gleichzeitig abgespielt werden. Manche Geräusche klingen brüchig, andere widerum klar und vollständig.

Doch Tarek Atoui möchte keine Musik für jedermann machen – der einzige, der darauf „tanzt“, ist er!

Was steckt dahinter?

Der in Beirut geborene Musiker stellt die Instrumente, auf denen er spielt, selbst her. Er baut auf ausgeklügelte Weise technische Geräte, die die Akustik zum Ausdruck bringen. Diese Hardware nutzt Atoui als computergestützte Werkzeuge seiner Klänge. Nicht nur seine handwerklichen Fertigkeiten, sondern auch der Prozess der Performance beeindruckt in Atouis künstlerischer Methodik. Sie untersucht das Verhältnis von musikalischer Komposition, körperlicher Bewegung und Software- und Hardwareentwicklung. Seine Bewegungen hinter dem Pult zeugen von intuitiven und dynamischen Gesten, die eine Symbiose mit dem Klang der Musik eingehen. Die Relation zwischen dem Instrument und dem Körper vermitteln dem Hörer und Betrachter ein anderes, neues Bewusstsein zu Musik und ihrer Emotion. Intuitives Sich-Einlassen auf die hörbare Umwelt verlässt das bis dato gewöhnliche Verständnis von Musik und eröffnet eine neue Ebene für eine Klangperformance.

Als Zuschauer und Zuhörer seiner Performance fällt es schwer, stillzuhalten. Die Klänge sind laut und schrill und animieren zum Bewegen.

Der wissenschaftliche Künstler Tarek Atoui fasziniert durch seine mitreißende und intelligente Idee die Besucher der dOCUMENTA (13).

(Quelle: Begleitbuch dOCUMENTA (13))

Christina Hooge

Lee Miller – Die Worte eines Bildes

Im Brain des Fridericianum befinden sich Fotografien von und mit Lee Miller. Die Journalistin und Fotografin der amerikanischen Vogue nimmt am 30. April 1945, die Möglichkeit wahr, zusammen mit U.S. Truppen nach Deutschland zu kommen und sich in Hitlers Münchener Wohnung Zutritt zu verschaffen. Für viele ein abschreckender Gedanke, für Miller eine Chance das Unfassbare zu begreifen.

Eine der 20 Schwarz-Weiß-Fotografien zeigt Lee Miller in Hitlers Badewanne sitzend. Eigentlich der reinlichste Ort einer Wohnung, wenn man vergisst, wer sich in dieser Räumlichkeit von seinen dreckigen Taten rein wusch. Miller inszeniert sich also in Hitlers Privatsphäre und zeigt ihr Gesicht an einem Ort, an dem nur er sich aufhielt. Dieser Akt kann auf mehreren Ebenen gedeutet werden. Auf der einen Seite ist es eine Bloßstellung seiner Person. Ausgerechnet an dem Tag, an dem Hitler sich selbst erschossen hat, lässt sich Miller in seinem Badezimmer fotografieren. Ein Raum, in dem er entkleidet, waffenlos und somit angreifbar war. Andererseits stellt ihre Pose einen weitaus bedeutenderen Zusammenhang dar: Sie wäscht sich, in der Rolle des Täters, von ihren Taten rein. Die Annahme wird durch die umstehenden Gegenstände unterstützt. Vor der Badewanne befinden sich Millers Stiefel und die Kleidung, die sie zuvor am Vormittag bei ihrem Aufenthalt im Konzentrationslager Dachau trug. Die Eindrücke, die sie dort aufnahm, suggerieren die Sünden und Schandtaten eines Verbrechens an der Menschheit. Millers physische Identifikation mit Hitler (wenn sie in seiner Wanne sitzt) treibt sie dazu, diese Sünden abzuwaschen. Sie nimmt ihn sogar in Form eines Porträts mit, das sie an den Badewannenrand platziert.

Das Leitmotiv der dOCUMENTA (13) Collapse and Recovery beschreibt die Idee einer solchen Darstellung: So wie der Schmutz beim Reinigen zerfällt, zerfällt auch das Deutsche Reich. Der Wiederaufbau moralischer Werte und eines neuen Bewusstseins beginnt. Bei Miller durch eine Art visuelle Katharsis. Sie inszeniert eine Identifikation mit einer historischen und tragischen Figur und spricht sich wortlos ihre Gedanken von der Seele. Mit den Mitteln der Fotografie und ihrer Bildsprache.

Millers symbolische Inszenierung zeigt einerseits eines intimes und unzugängliches Lebensumfeld eines Diktators und andererseits eine Rezeption über den Ersatz eines ehemals einflussreichen politischen Machthabers durch eine Frau – ein zu jener Zeit völlig irrealer Gedanke.

Die Besucher der Kasseler Kunstausstellung sind ebenfalls einem historischen, wenn auch schreckendem Phänomen ausgesetzt wie die Künstlerin. Während auf dem Bild noch weitere Gegenstände wie Handtücher und eine Porzellanskulptur zu vernehmen sind, befinden sich ebendiese auf der gegenüberliegenden Seite in einer Vitrine. Der Betrachter dreht sich um und schaut unmittelbar auf Hitlers reale Gebrauchsstücke. Neben der Skulptur findet sich auch Hitlers Porträt wieder. Der Betrachter ist mit einem Mal in einen faszinierend “dämonisierten” Raum im Fridericianum versetzt und folglich mit dem Umgang eines kollektiven Traumas konfrontiert.

 

(Quelle: Das Begleitbuch dOCUMENTA (13))

 

Christina Hooge

Anri Sala, die Uhr in der Aue und das Gemälde

Auch an diesem Wochenende war dOCUMENTIERT wieder einmal unterwegs. Trotz des eher mäßigen Wetters, hat es mich in die Aue verschlagen, um dort das Kunstwerk von Anri Sala zu suchen. Die Uhr am Ende des Hirschgrabens. Nachdem ich erst einmal den falschen Graben abgesucht habe (vorher eine Karte anzugucken hätte das verhindern können) und an einigen Kunstwerken anderer Künstler vorbei geschritten war, fand ich sie doch noch. Eine Uhr in der Aue. Aha, schön. Und was soll diese Uhr dort? Auf dem Weg dorthin musste ich an Salvador Dali denken oder an ein Zitat aus einem Gaspar Noé Film „die Zeit zerstört alles“. Nein aber mit alledem hat diese Uhr hier nichts zu tun.

Nun stand ich vor dieser Uhr und stellte fest: Egal wie man sich dreht und wendet, man hat immer den Eindruck, sie nie aus dem richtigen Blickwinkel zu betrachten. So erging es nicht nur mir, sondern anderen Besuchern der Uhr auch, wie ich bei meinem Besuch feststellen durfte. Die Perspektive ist das Geheimnis. Sie ist verkürzt, und die Uhr ist nicht rund sondern elliptisch. Aber warum baut man nun so eine Uhr und deklariert sie als Kunst? Für die Antwort auf diese Frage müssen wir den Schauplatz verlagern, den ganzen Graben entlang wieder zurück laufen, über die Wiese, in die Orangerie, vorbei am Kassen- personal, die Treppe hoch in den erste Stock und auf die „Brücke“. Dort nämlich sind Fernrohre aus vergangenen Zeiten installiert, extra für die dOCUMENTA (13) noch zwei weitere. Schaut man nun durch genau diese zwei hindurch sieht man, die Uhr von Anri Sala. Des Rätsels Lösung ist das aber immer noch nicht. Der Schlüssel ist in der Uhrenabteilung des astronomisch- physikalischen Kabinetts der Orangerie. Betritt man den Raum von der Brücke aus, steht auf der rechten Seite eine graue Wand, an dieser hängt ein Gemälde von einem Herren namens Ulbricht, welches 1825 entstand. Darauf ist ein Schloss zu sehen und etwas Landschaft. Das Besondere ist nun aber, dass in das Gemälde eine Uhr eingearbeitet ist, mit einem richtigem Uhrwerk. Sie erscheint jedoch nicht perfekt in das Bild eingearbeitet. Die Perspektive stimmt nicht. Und warum? Weil diese Uhr, wenn sie perspektivisch richtig in das Bild eingearbeitet worden wäre, nicht mehr exakt laufen würde. Von diesem Bild nun ließ sich Sala inspirieren und hat eine Uhr konstruieren lassen, die perspektivisch genau in das Bild passen würde und, jetzt kommts, auch noch exakt läuft. Ein Meisterwerk der Technik. Sala interessiert sich nämlich für das Verhältnis zwischen „Zeit“ und „Tempo“ und hat für die dOCUMENTA (13) eine Korrektur des Gemäldes von G. Ulbricht erschaffen. Das Alles und noch einige Hintergrund Informationen über Anri Sala mehr, sind in dem Begleitbuch zur dOCUMENTA (13) verewigt und auch noch einmal für die Nachwelt zum nachzulesen festgehalten.

Die Uhr ist also eigentlich ein Teil des Gemäldes von G. Ulbricht und das ist des Rätsels Lösung.

Foto: Jennifer Schreiber

Bild

Hinrichtungsstätten auf der dOCUMENTA (13) – Sam Durant’s „Scaffold“

Haben Sie schon dieses riesige Holzgerüst mit den vielen Treppen in der Aue gesehen? Ein bisschen klobig und wuchtig sieht Scaffold von Sam Durant schon aus, doch dann ist es auch wieder sehr außergewöhnlich und wirkt irgendwie einladend. Aber was soll dieses merkwürdige Kunstwerk aus Holz und Metall darstellen? Man könnte es fast für ein Klettergerüst oder einen Aussichtsturm halten, aber seine eigentliche Bedeutung ist um einiges tiefsinniger und erschreckender, als man sich auf den ersten Blick vorstellen kann…

 Zunächst sieht das Kunstwerk Scaffold, zu Deutsch Gerüst, wie der Name schon sagt, wie ein riesiges Holzgerüst aus. Dieses auffällige Werk, ist schon von weitem zu sehen, da es am Ende des zentralen Weges des barocken Schlossparks und direkt vor dem Aueteich steht. Schon wenn der/die BesucherIn vor der Orangerie steht, kann er/sie ganz weit hinten dieses skurrile Kunstwerk stehen sehen. Wenn man dann näher kommt sieht es aus als wenn das riesige Gerüst zu schweben scheint und es sind viele Treppen zu erkennen, die von allen Seiten des Werkes nach oben führen. Eine davon (die einzige aus Metall) kann der/die BesucherIn benutzen, um Scaffold zu besteigen. Auf der Plattform angekommen, ist der schöne Ausblick über die Aue schnell vergessen und man ist gefesselt, erstaunt und vielleicht etwas verwundert über das, was dort oben auf dem Kunstwerk zu sehen ist. Auf den ersten Blick ist überall einfach nur Holz zu sehen der/die BesucherIn fühlt sich fast wie auf einem Klettergerüst, denn man muss gucken wo man hintritt, um nicht zu stolpern, da der Boden  nicht eben ist, sondern es höhere und dann wieder etwas niedrigere Stellen gibt. Zwischendurch sind dann eigenartige viereckige Vertiefungen in den Boden eingefasst. Nach oben ragen mehrere verschieden lange Balken, die in den Himmel zeigen und unter der Plattform auch nach unten herausragen. Um die Plattform herum ist ein niedriger metallener Zaun gezogen, der trotz seiner Niedrigkeit bedrohlich wirkt, da er aussieht wie ein Gefängniszaun oder Ähnliches. Hier oben weiß man zunächst gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll und was das alles zu bedeuten hat. Wenn der/die BesucherIn sich über dieses abstrakte Kunstwerk vor dem Besuch nicht informiert hat, ist es schwierig zu verstehen, was das, was es dort zu sehen gibt, zu bedeuten hat.

Scaffold gehört zu einer Reihe von Werken des in Los Angeles lebenden Künstlers Sam Durant, in der er sich mit der Todesstrafe in den Vereinigten Staaten beschäftigt. Bei diesem Werk handelt es sich um eine Kombination von maßstabsgetreu rekonstruierten Galgen, die früher auch ‚scaffold’ genannt wurden. Diese wurden alle für Hinrichtungen verwendet, die von Bedeutung waren für die US-amerikanische Geschichte. Die Modelle dieser Galgen sind chronologisch um-, in- und übereinander gebaut. In Scaffold befindet sich unter Anderem das Modell des Galgens von John Brown von 1859 und das des Galgens auf dem Saddam Hussein 2006 starb. Sam Durant möchte mit seinem imposanten Kunstwerk auf die Todesstrafe in der Geschichte und Gegenwart der USA, aufmerksam machen.

Scaffold scheint wie ein Ort der Schreckens, des Todes und der Geschichte, der, von Sam Durant, mitten in die malerische Idylle der Karlsaue gesetzt wurde und hierzu einen extremen Kontrast bildet.

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(cw)

Ein Paradies für Schmetterlinge – Kristina Buchs „The Lover“

Sträucher, Bäume und Blumen: Buch schafft mit ihrer Installation auf dem Kasseler Friedrichsplatz vor dem Staatstheater eine Oase für Tagfalter.

Ich nähere mich an einem eher trüben und windigen Tag dem Kunstwerk der deutschen Künstlerin und studierten Biologin Kristina Buch (* 1983). Fasziniert beobachte ich die Vegetation, bestehend aus verschiedenen Gewächsen, die auf einem erhöhten Podest zu sehen ist. Ich höre, wie der Wind durch die Luft jagt und die Blätter zum Rascheln bringt, ich höre das Summen der Bienen und ich höre aber auch das Heulen lauter Motoren – denn die gebürtige Meerbuscherin platzierte ihr Werk direkt neben der gut befahrenen Kasseler Hauptstraße. Extra für die Tagfalter hat sie in ihrer Installation mehrere Schmetterlingssträucher gepflanzt, die als Nahrungsquelle und Herberge für diese dienen. An diesem Tag habe ich leider nur wenige Schmetterlinge sichten können, bei dem Wetter wundert es mich auch nicht.

Schmetterlingsstrauch
© Livia Blum

Buch ermöglicht Tagfaltern optimale Lebensbedingungen

Ihr Kunstwerk für die dOCUMENTA (13) „The Lover“ besteht aus einem Gerüst, das einen riesigen Pflanzkasten trägt. Es handelt sich hierbei um einen „hängende[n] Garten“ (Begleitbuch, S. 50). Buch pflanzte mit System: In der Mitte des Beetes setzte sie verschiedene farbenfrohe Blumenarten, die ihre volle Blütenpracht bereits entfaltet haben. Diese umrandete sie mit Disteln und Brennnesseln, welche eine besonders gute Nahrungsquelle für Schmetterlinge bieten. Aber ich sehe auch eine verdorrte Pflanze und frage mich, warum die heute in Düsseldorf lebende Künstlerin diese nicht entfernt oder sogar durch eine gesunde Pflanze ersetzt hat. Denn solch eine vertrocknete Pflanze strahlt doch kein Leben aus, sie passt nicht zu in der Luft tanzenden, bunten Schmetterlingen. Oder doch?

Vertrocknete Pflanze als Teil des Kunstwerkes?
© Livia Blum

Ein Projekt, mehrere Aussagen?

Wirft man einen Blick auf die Informationstafel, so liest man, dass sich die Künstlerin in ihrem Werk u.a. mit vielfältigen Themen wie der Vergänglichkeit, der Ungewissheit, der Hoffnung und der Freiheit auseinandersetzt. Die vielen Schmetterlinge, die während der größten Weltkunstausstellung aus ihren Puppen geschlüpft sind, symbolisieren Freiheit, wie dem Begleitbuch zu entnehmen ist. Sie tanzen in der Luft, flattern von Blüte zu Blüte, verlassen vielleicht das Kunstwerk – sie sind ungebunden. Indem die Künstlerin selbst während der dOCUMENTA (13) neue Puppen zieht und diese in ihrem Werk aussetzt, schafft sie dadurch neues Leben, das für mich für Hoffnung und Zukunft steht.

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Biowiese als Lebensraum für Falter

Eine Aussage aus einem Interview-Ausschnitt von Buch lässt mich grübeln. Sie sagt, dass Schmetterlinge vielleicht gar nicht so frei seien, da sie doch den Nektar der Pflanzen als Nahrung bräuchten, um überhaupt leben zu können. Mir stellen sich die Fragen: Was wird mit Schmetterlingen und anderen Lebewesen passieren, wenn wir Menschen immer mehr Wälder abholzen und beispielsweise unsere Rasenflächen weiterhin akkurat mähen? Nehmen wir den Tieren damit nicht die Grundlage zum Leben? Buchs Projekt regt mich zum Denken an und bringt mich zu dem Entschluss, den Schmetterlingen in meinem Garten ein Stück Natur zurückzugeben – und zwar in Form einer kleinen Fläche, die nicht gemäht wird und auf der Wildblumen gesät werden.

Der Lebenskreislauf?

Die vertrocknete, leblos aussehende Pflanze könnte meiner Meinung nach für Vergänglichkeit stehen. Für eine gewisse Zeit entfaltet sie ihre komplette Schönheit, aber irgendwann ist ihre Lebensdauer vorbei und sie vertrocknet. Möchte Kristina Buch in ihrem Werk vielleicht den Kreislauf des Lebens anhand der Pflanzen und Schmetterlinge darstellen? – Die Entstehung neuen Lebens, das Leben selbst, das so selbstbestimmt und frei wie möglich sein sollte, das Alter und schließlich den Tod?

Blumenpracht
© Livia Blum

dOCUMENTA (13)-Tagfalter in 2013?

Ob die Tagfalter auf ihrer Reise durch Kassel ihre Eier an einem geeigneten Platz ablegen und ob daraus im nächsten Jahr neue Schmetterlinge schlüpfen werden, ist ungewiss. Aber ich finde, es ist ein schöner Gedanke, dass wir vielleicht im nächsten Jahr, einem dOCUMENTA (13)- Schmetterlingsabkommen begegnen könnten.

(lb)