Tarek Atoui – Kratzen mit Einsen und Nullen

Wer zum ersten Mal die Klänge des Pariser Klangkünstlers und Programmierers Tarek Atoui zu Ohren bekommt, assoziiert diese zunächst mit verstörenden, flippigen und taktlosen Geräuschen. Metallische Maschinen, Helikopter, Dubstep und Fernsehflimmern beschreiben am ehesten die Art der akustisch-elektronischen Versionen, die nacheinander oder gleichzeitig abgespielt werden. Manche Geräusche klingen brüchig, andere widerum klar und vollständig.

Doch Tarek Atoui möchte keine Musik für jedermann machen – der einzige, der darauf „tanzt“, ist er!

Was steckt dahinter?

Der in Beirut geborene Musiker stellt die Instrumente, auf denen er spielt, selbst her. Er baut auf ausgeklügelte Weise technische Geräte, die die Akustik zum Ausdruck bringen. Diese Hardware nutzt Atoui als computergestützte Werkzeuge seiner Klänge. Nicht nur seine handwerklichen Fertigkeiten, sondern auch der Prozess der Performance beeindruckt in Atouis künstlerischer Methodik. Sie untersucht das Verhältnis von musikalischer Komposition, körperlicher Bewegung und Software- und Hardwareentwicklung. Seine Bewegungen hinter dem Pult zeugen von intuitiven und dynamischen Gesten, die eine Symbiose mit dem Klang der Musik eingehen. Die Relation zwischen dem Instrument und dem Körper vermitteln dem Hörer und Betrachter ein anderes, neues Bewusstsein zu Musik und ihrer Emotion. Intuitives Sich-Einlassen auf die hörbare Umwelt verlässt das bis dato gewöhnliche Verständnis von Musik und eröffnet eine neue Ebene für eine Klangperformance.

Als Zuschauer und Zuhörer seiner Performance fällt es schwer, stillzuhalten. Die Klänge sind laut und schrill und animieren zum Bewegen.

Der wissenschaftliche Künstler Tarek Atoui fasziniert durch seine mitreißende und intelligente Idee die Besucher der dOCUMENTA (13).

(Quelle: Begleitbuch dOCUMENTA (13))

Christina Hooge

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Kunst als Therapie

Sind Sie gestresst, einsam oder unzufrieden? Möchten Sie Kunst einmal ganz anders erleben? Dann kann Ihnen Pedro Reyes mit seinem SANATORIUM vielleicht Abhilfe schaffen.

© Constanze Wölm

Das SANATORIUM, welches in der Karlsaue zu finden ist, ist ein Projekt des mexikanischen Künstlers Pedro Reyes. Es handelt sich hierbei um eine provisorische Klinik, in der verschiedene Arten von Therapiesitzungen angeboten werden. Jede(r) BesucherIn der dOCUMENTA (13) kann sich hier als PatientIn in die Klinik einweisen lassen und bekommt nach einem kurzen Gespräch mit dem Therapeuten eine von acht verschiedenen Behandlungen verschrieben. Diese Einzel-, Paar- oder Gruppensitzungen, von Reyes entwickelt, werden von Kunststudierenden durchgeführt. Sinn dieser Therapien soll sein, die Leiden der modernen Stadt-Menschen, wie Stress, Einsamkeit, Unzufriedenheit oder Ängste, zu behandeln. Der/Die PatientIn spielt bei diesen Therapien eine wichtige Rolle, denn hier wird mit seiner persönlichen Geschichte gearbeitet. Ziel soll sein, dass der/die PatientIn selbst Korrekturen an seiner Denkweise vornimmt.

© Constanze Wölm

Doch was hat dieses doch sehr psychologische Projekt mit Kunst zu tun?

Pedro Reyes möchte mit seinem SANATORIUM zeigen, das Psychologie und Kunst eng zusammenhängen, denn einige Kunstströmungen wie  z.B. Happening, Dadaismus oder Fluxus haben, nach Reyes, viel mit den Vorgehensweisen von Therapeuten und Psychologen gemeinsam. Das möchte er mit diesem Projekt verdeutlichen.

Im SANATORIUM gibt es Therapien bei denen die Kompatibilität von Paaren getestet wird und eine, die einen von dem Verlangen nach Gewalttaten befreien soll. Es gibt eine Therapie, die einem helfen soll eine persönliche Entscheidung zu treffen, eine, um seine Dankbarkeit auszudrücken und noch einige mehr.

Bei der Therapie mit dem Namen ‚Vaccine against Violence’ muss man auf einen Ballon, auf dem das Gesicht eines Menschen aufgemalt ist, der einen im Leben am meisten verletzt hat, einschlagen und ihn anschreien. Mit dieser symbolischen Handlung soll man das Verlangen verlieren einer verhassten Person wirklich Gewalt anzutun.

Ziel der Therapie ‚Compatibility  Test for Couples’ soll es sein herauszufinden, wie gut man mit einer anderen Person zusammenpasst. Hierbei muss man eine Frucht wählen mit der man sich identifiziert und eine, die man mit dem/der PartnerIn identifiziert. Aus diesen zwei Früchten wird ein Saft hergestellt. Je besser der Saft schmeckt umso besser passt das Paar zusammen.

© Constanze Wölm

Bei ‚Cityleakes’ schreibt man ein Geheimnis auf einen Zettel und steckt ihn in eine Flasche. Danach kann man sich eine andere Flasche nehmen, in der ein Geheimnis von jemand anderem steckt. Diese besondere Art ein Geheimnis zu teilen, kann man als eine Art Beichte sehen. Durch diese Therapie soll man sich Anderen näher fühlen.

Auch ich habe mich in diese utopische Klinik einweisen lassen und an einer Therapie teilgenommen. Zuerst musste ich jedoch eine Erklärung unterschreiben, in der ich versichern musste, dass mir bewusst ist, dass dies ein Kunstprojekt und keine Psychotherapie ist und dass ich freiwillig daran teilnehme.

Ich habe mich für die Goodoo-Therapie entschieden, bei der man sich, wie beim Voodoo, mit einer Stoffpuppe beschäftigt und diese mit einem bestimmten Menschen in Verbindung bringt. Aber, anders als beim Voodoo, sollen der Person, welche die Puppe darstellt, keine Schmerzen zugefügt werden, sondern man soll die Puppe mit einer Person identifizieren, die einem sehr viel bedeutet und der man etwas Gutes tun möchte. Der Voodoo-Brauch jemanden zu verhexen oder verfluchen wurde in der Goodoo-Therapie also zum Positiven umgewandelt.

Ich ging nun mit der „Therapeutin“ in den Goodoo-Therapieraum und wir setzten uns gegenüber an einen Tisch. In der Mitte des Tisches lag eine graue Stoffpuppe. Nun sollte ich an eine mir nahestehende Person denken, mir vorstellen, dass die Puppe diese Person sei und mir daraufhin fünf Gegenstände aus einigen Kästchen aussuchen, die ich mit dieser Person verbinde. Diese habe ich dann auf verschiedene Körperteile der Puppe gelegt und sollte der Therapeutin erklären, wieso ich diese Gegenstände ausgewählt und auf diese Stellen der Puppe gelegt habe. Die Gegenstände sollten symbolisieren, was diese Person für mich ausmacht und was ich ihr damit wünschen möchte. Als ich die Puppe nun mit allem belegt hatte, sollte ich zwei Finger auf jeden Gegenstand legen, die Augen schließen und mir vorstellen, was der jeweilige Gegenstand bedeuten soll und was ich der Person damit wünschen möchte. Somit sollte ich meine Wünsche aktivieren, damit sie auf die wirkliche Person einen positiven Einfluss ausüben können.

© Constanze Wölm

Das war eine eigenartige Situation, wie ich zugeben muss. Man erzählt einer fremden Person Dinge, die man sonst eher für sich behält. Außerdem denkt man, so war zumindest meine Erfahrung in dieser Situation, anders und intensiver über diese Person nach, die die Goodoo-Puppe darstellt. Durch das intensive Nachdenken über diese Person, lernt man sie, wie ich finde, noch mehr zu schätzen und denkt darüber nach, was man alles für sie machen könnte, was man vielleicht noch nicht getan hat und nun tun möchte.

Ein Besuch im SANATORIUM und eine kurze Therapie lohnen sich, meiner Meinung nach, auf jeden Fall. Ich kann nur empfehlen sich einmal einweisen zu lassen und sich einer dieser Therapien zu unterziehen. Auch wenn man durch diese Erfahrung nicht unbedingt ein neuer Mensch wird und wesentliche Erkenntnisse für das eigene Leben erlangt, so ist eine Therapie im SANATORIUM doch sehr interessant und man bekommt neue Eindrücke und sieht die Dinge vielleicht einmal aus einem anderen und neuen Blickwinkel. Dieses performative Projekt ist Kunst zum Anfassen und Mitmachen, man ist nicht nur Zuschauer, sondern ein aktives Mitglied des Kunstwerks.

(cw)

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Die Kunst in Hütten

51 Kunsthütten stehen im Auepark. Jede davon hat ihre eigene Geschichte. Diese Hütte ist die Geschichte.

Wer in die Karlsaue geht, der muss sich unbedingt das Häuschen von Shinro Ohtake ansehen! Sein Werk  „Mon Cheri: A self-portrait as a scrapped shed“ ist schon von Weitem zu erkennen, denn es ist eine bunte Hütte, die an einen japanischen Imbissstand erinnert. An diesem Ort in der Karlsaue hat Shinro Ohtake Alltagsmaterialien wie Neonschilder, Plakate, Fotos, andere Gegenstände und Weggeworfenes zusammengeführt und neu verwendet. Der gebürtige Japaner kombiniert und verwandelt, sodass sich ein neues Bild ergibt und bestimmte Themen angedeutet werden. In dem Fall sind es die intensiven und zeitlichen Prozesse, die beeinflussen, wie wir Dinge wahrnehmen. Die vorgefertigte Hütte wurde um Materialien ergänzt, die der Künstler in verschiedenen Ländern gefunden hat. Der Mittelpunkt des Werkes ist ein Sammelalbum, das sein Lebenswerk darstellen soll. Geräusche, die er aufgenommen hat, werden nur durch Außenstehende aktiviert. Über ein Jahr lang hat der Künstler Bilder und Klänge gesammelt, die er genauso gesehen und gehört hat.

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© Christina Dilk

Insgesamt ist die Atmosphäre hier eher gemütlich und ruhig. Die Hütte steht unter einem riesigen Baum, der an heißen Tagen Schatten spendet und bei Regen vor dem Nasswerden schützt. Der Baum sorgt jedoch auch für etwas Unsicherheit. Zufällig hinaufgesehen, entdeckt der „Gast vorm Asiaimbiss“, dass im Baum mehrere Boote hängen. Boote, die in Kassel gefunden worden! Was machen die da? Sind sie von einem Tsunami hinaufgespült worden?

Hier entdeckt jeder immer wieder etwas Neues und vielleicht auch etwas Altes neu. Alle Produkte dieses Projektes sind Erinnerungsstücke für den Künstler, vielleicht auch für den Betrachter…