And the winner is…

http://www.hna.de/documenta-13/koepfe/ganze-kleinsten-2505346.html

…Thomas Bayrle! Der Künstler wird dieses Jahr mit dem Arnold-Bode-Preis in Kassel geehrt. Somit reiht er sich mit Gerhard Richter und Rebecca Horn in die Liste der Preisträger ein. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird als Anerkennung herausragender Leistungen für die Kunst der Gegenwart verliehen. Bayrle stellte bei der dOCUMENTA (13) die Installation mit dem collagierten Flugzeug und den betenden Automotoren in der dOCUMENTA Halle aus.

(ch)

Lange Besucherschlangen zum Ende der dOCUMENTA (13)

Kassel platzt zurzeit aus allen Nähten. Der Grund: Kunstbegeisterte aus aller Welt wollen die wenigen verbleibenden Tage noch nutzen, um dOCUMENTA (13)-Luft zu schnuppern und letzte Blicke auf die Kunstwerke zu erhaschen.

Es ist bald soweit, die größte Weltausstellung für zeitgenössische Kunst schließt in drei Tagen endgültig ihre Pforten. Das Ende der dOCUMENTA (13) wird an diesen letzten Tagen deutlich sichtbar: Überall, wohin das Auge auch blickt, sieht man zahlreiche Menschen anstehen und warten. Sie hoffen, dass die Schlangen rasch kürzer werden, denn viele beliebte Standorte sind auf Besucherzahlen beschränkt. Ob vor dem Fridericianum, der documenta-Halle – wie auf diesem Foto sichtbar – oder an verschiedenen Stationen am Hauptbahnhof, es bilden sich lange Schlangen von interessierten Besuchern. Dies verlangt den Kunstbegeisterten viel Geduld und Durchhaltevermögen ab.

Die Schlange zur documenta-Halle reicht schon bis zum Staatstheater
© Livia Blum

Wer beispielsweise letzten Samstag die Arbeit „The Refusal of Time“ des Künstlers William Kentridge (* 1955) genießen wollte, der musste teilweise gut zwei Stunden ausharren, da die Einlasszahl zu diesem Werk auf ca. 50-60 Personen begrenzt war. Gelohnt hat sich das Warten allemal, wenn es auch viel Kraft und Ausdauer gekostet hat.

Festhalten lässt sich auf jeden Fall: Dass die dOCUMENTA (13) die Menschen nach wie vor begeistert, dass das Interesse an den vielseitigen Kunstwerken anscheinend nicht abnimmt und dass bestimmt dem einen oder anderen Kunstliebhaber in den nächsten Wochen in Kassel etwas fehlen wird: Nämlich die Magie und Faszination, die die Weltkunstausstellung verbreitet hat und vielleicht auch der Austausch und ein netter Plausch mit Gleichgesinnten.

(lb)

„Lieber die moderne Kunst“ oder: Documenta für Anfänger

Wart ihr bei der Kunst oder einfach nur so weg? Mit diesem Gedanken durch die Stadt geschlendert, habe ich eine kleine Gruppe auf dem Friedrichsplatz angesprochen. Heraus kam ein kurzes Gruppeninterview, dass teils tief in die Kunstseele der drei blicken lässt und teils zum schmunzeln anregt.
„Lieber modern und die Sinne betörend“, so fassen drei Mitte-Zwanziger aus Freiburg ihren Kunst- und Kulturtripp zur dOCUMENTA zusammen. „Ohne jegliche Erwartung“ seien sie gestartet, aber schon mit „Vorabrecherche und Freundeskreisverhör“. Heraus kam ein d(13)-Schlachtplan, der sie durch den Auepark führte, im Hugenottenhaus das Gruseln und Staunen lehrte, im Friedricianum leicht irritierte und in der Documenta-Halle gut unterhielt.
Die zwei Herren der Freiburg-Troika – Simon (26) und Jonathan (25) – studieren in Kassel, der eine seit einem, der andere seit zwei Jahren. Beide fühlen sich zwar langsam angekommen in Nordhessen, trotzdem überwiegt noch ein „süddeutsch geprägtes Exil-Gefühl“. Mit Kunst haben die beiden genauso viel am Hut wie ihr Besuch,  Maria (25), Physiotherapeutin. „Aber wenn jetzt schon einmal Besuch hier ist, dann nutzen wir die Gunst der Stunde und schauen es uns auch an“, so der männlich-logische Sachverstand. Auf „documentiert“ haben sie sich informiert, außerdem bei der HNA und Freunden. „Die Highlights waren schnell gebündelt, die Begeisterung im Nachhinein nicht immer ganz nachvollziehbar“, geben sie 20:30 beim Feierabendbier auf dem Friedrichsplatz erschöpft zum Besten.
Was die kleine Gruppe schnell resümieren kann, ist die geschlossene Vorliebe für medial unterstützte Kunst. Und so verwundert auch die Top 3 der Troika nicht. Auf Platz 1 setzen sie einstimmig das Hugenottenhaus mit dem Dunkelraum, in dem Gesungen und Getanzt wird. „Faszinierend zu beobachten, wie man anfangs nichts sieht und wenige Minuten später den Durchblick hat“, loben sie die Künstler aus Chicago. Platz 2 vergeben sie an den Klanggarten im Auepark, wo vor allem die Mimik der älteren Besucher „wirklich fasziniert und mit der Geräuschkulisse mitgeht“. Platz 3 in der Gunst der Gruppe geht an Nalini Malani, eine Künstlerin aus Indien, die in der Documenta-Halle ausstellt.
Was die drei im Nachhinein ärgert, ist der verpasste Besuch des Video-Walk im Hauptbahnhof: „Den hätten wir lieber noch mitgenommen als das Friedricianum“. Trotzdem sind sie rückblickend zufrieden, teils von der Kunst „angefixt“, teils noch nicht „gesetzt genug für Vitrinen-Kunst“.
Aber auch die Erkenntnis, „nicht gesetzt“ genug zu sein, kann ja durchaus als Gewinn verbucht werden. Und einen letzten, unbedingten Tipp wollen sie zum Abschied noch an die documentiert-Leser weitergeben: „Zum Chillout nach dem Kunstmarathon oder für das Radler zwischendurch, unbedingt die kleine Bar links hinterm Hauptbahnhof besuchen“!

Die Bilderflut in der Documenta-Halle

Das „Limited Art Project“ und sein Hintergründe. Warum der chinesische Künstler Yan Lei Gemälde herstellt, um sie wenig später wieder zu zerstören…

Wer ist Yan Lei?

Yan Lei, geboren 1965 in Hebei, China, lebt in Peking und hat an der Zhejiang Academy of Fine Arts studiert. Er ist bei der diesjährigen dOCUMENTA kein unbekanntes Gesicht, denn der Künstler war schon 2007 bei der Documenta 12 vertreten. Damals zeigte er zwei Serien von Acrylmalereien. Eine Serie namens „Tree“, die andere hieß „Light shadows“. Beide waren im Schloss Wilhelmshöhe zu finden.

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Was ist das „Limited Art Project“?

Dieses Jahr stellt er sein Werk „Limited Art Project“ in der Documenta-Halle aus. Das Projekt erregt viel Aufsehen, Besucher erinnern sich fast immer an „den Raum mit den vielen schönen Gemälden, die leider alle überlackiert werden“.

Yan Lei bleibt sich treu. Wie auch schon vor fünf Jahren, entstehen seine Acrylbilder in einem mehrstufigen Verfahren, das mediale und technische Hilfe nicht ausschließt. Wer früh im Sommer zur dOCUMENTA (13) fährt, hat die Chance, noch die meisten von Yan Leis Bildern zu sehen. Entdecken Sie unter anderem St. Paul’s Cathedral, die leicht bekleidete Janet Jackson, Wladimir Putin oder die umgestürzte Costa Concordia. Tun Sie es bald, denn die Bilderflut verschwindet – wer erst im Spätsommer zur d13 kommt, sieht dann nur noch monochrome Farbflächen!

Für das „Limited Art Project“ hat Yan Lei 360 Tage lang jeden Tag ein Bild aus dem Internet gespeichert. Es sind immer Bilder, die ihm bei der Flut aus Bildern in den Medien begegnet sind. Bilder, die ihm beim Surfen im Internet ins Auge gefallen sind. Jedes dieser 360 Bilder hat er auf eine eigene Leinwand übertragen, die meisten davon malen lassen. So entstand eine Art Tagebuch, welches nun nach Kassel gebracht wurde. Alle Gemälde sind in einem einzigen Raum in der Documenta-Halle angeordnet – ob an der Wand oder an der Decke hängend oder sogar in Lagerregalen verstaut.
Das Projekt besteht darin, die Bilder nach und nach auszustreichen. Dies geschieht mit Hilfe des Hauptsponsors Volkswagen. In einer engen Zusammenarbeit werden die Bilder transportiert, lackiert, getrocknet und wieder transportiert.

Was genau passiert mit den Bildern?

Alle Bilder, die im Ausstellungsraum aufgereiht sind, werden nach und nach monochrom mit Autolack übermalt. Dies gleicht einem Kalender, von dem tageweise Blätter abgerissen werden. Da es insgesamt 360 Bilder sind und die dOCUMENTA nur 100 Tage dauert, werden jeden Tag gleich 5-6 Bilder in das nahegelegene Baunataler VW-Werk gebracht. Denn weil die Fertigung in den Lackanlagen des Werkes am Wochenende still steht, wird über den gesamten Ausstellungszeitraum an nur 70 Tagen lackiert – an jedem Tag aber in einer anderen Farbe, die der Konzern auch für die Farbpalette seiner Fahrzeuge bereithält. Die Bilder, die jeweils herausgenommen werden, sucht der Künstler aus. Da er selbst nicht immer vor Ort sein kann, hat er einen Plan für die komplette Zeit erstellt, wann welche Bilder mit welcher Farbe lackiert werden sollen.

Dem Künstler ist es für sein „Limited Art Project“ wichtig, dass die Bilder direkt in die industrielle Produktion der Autoherstellung gelangen. Sie sollen gerade eben nicht in einem abgetrennten Raum untergebracht sein, gewissermaßen keine Sonderbehandlung bekommen. Insgesamt stellt VW dem Projekt von Yan Lei 30 seiner 600 Auszubildenden am Kasseler Standort zur Verfügung, um die Bilder in der Documenta-Halle abzuholen, sie überzulackieren und weitere wichtige Aufgaben zu übernehmen. Damit ist Volkswagen nicht nur Hauptsponsor, sondern wird selbst zum Kunstwerk der diesjährigen dOCUMENTA.

Warum werden die Bilder überlackiert?

Es wird die Vergänglichkeit der Bilder thematisiert, die ganz zum Thema der dOCUMENTA (13) passt. Yan Leis Projekt ist, wie der Name schon verrät, limitiert. Die Bilder, die allesamt dem Internet entnommen sind, stellen etwas Endliches dar. Etwas, das nicht andauert und an das sich nicht erinnert wird. Diese Bilderflut, mit der man im Internet konfrontiert wird, soll hier im Ausstellungsraum nachgestellt werden. Die Bilder sind so zahlreich, dass man sie nicht alle ansehen, geschweige denn, schätzen kann. Sie werden ausgedruckt, kopiert, verschickt und haben am Ende keinen Wert mehr. Die Quellbilder und deren Geschichten werden von Yan Lei unzugänglich gemacht und für immer versiegelt. Es wird nicht die leichte Unterhaltung, sondern das Nachdenken und das Erinnern gefordert.

Warum werden im Ausstellungsraum Fotoaufnahmen gemacht?

Die Fotoaufnahmen gehören indirekt zur Arbeit. Und zwar begleitet der chinesische Videokünstler Zhenchen Liu das Projekt über den gesamten Zeitraum. Von der Produktion der Bilder in China über den Transport nach Deutschland und der Installation im Ausstellungsraum. Und eben auch während der Ausstellungszeit bei der dOCUMENTA(13). Am Ende steht eine Dokumentation, in der die Fotoaufnahmen aus der Ausstellung einen Teil des Videomaterials stellen werden.

© Christina Dilk

Quellen:

–         Christov-Bakargiev, Carolyn et al. (2012): dOCUMENTA (13). Das Begleitbuch/The Guidebook. Ostfildern.
–         Gespräch mit Herr Steinbach (Abteilung Kommunikation der Volkswagen AG in Baunatal)
–         Gespräch mit Herr Finis (Lackiererei der Volkswagen AG in Baunatal)
–         Emailkontakt mit Virgilio Pelayo jr. (Assistent des Leiters der Kommunikation und Internationale Beziehungen der   dOCUMENTA (13))

Nachgefragt!

Wie kommt die dOCUMENTA (13) bei den Zuschauern an? Was gefällt, was nicht? dOCUMENTIERT. hat am 01.07.2012 die Lehramtsexaminantin Sandra T. aus Göttingen zu ihren Eindrücken befragt!

Livia: Sandra, danke, dass du dir Zeit nimmst, mir ein paar Fragen zu beantworten. Bist du heute das erste Mal auf der dOCUMENTA (13)? Sandra: Ja, ich bin heute das erste Mal hier und finde es bisher recht interessant. Ich habe mir gleich heute Morgen um 10.00 Uhr die Tageskarte gekauft, um möglichst viel sehen zu können. Es ist bis jetzt ein harter Tag mit Fußschmerzen, aber es macht Spaß. (lacht)

Sandra T.
© Livia Blum

Livia: Wie gefällt es dir bis jetzt? Sandra: Also im Großen und Ganzen gefällt es mir super. Die einen Sachen mehr, die anderen weniger.

Livia: Und welches Kunstwerk gefällt dir besonders gut? Sandra: Die „Monumentalskulpturen“ von Adriàn Villar Rojas an den Weinbergen finde ich ganz interessant.

Livia: Warum gerade diese Skulpturen? Sandra: Das Werk fasziniert mich, weil Rojas Skulpturen entworfen hat, die den Zeitgeist der Geschichte wiedergeben, obwohl sie so zerbrechlich aussehen. Damit meine ich, dass vieles, wie auch Geschichte, zerbrechen und in Vergessenheit geraten kann, wenn man nicht für Erinnerung sorgt.

Livia: Was hast du bis jetzt schon alles gesehen? Sandra: Also ich war heute schon in der documenta-Halle, im Hugenottenhaus und eben war ich am Weinberg. Heute werde ich mich wohl nur noch auf die geschlossenen Räume beschränken, denn im Auepark ist ja vieles kostenlos zugänglich. Die Werke dort werde ich an anderen Tagen erkunden. Gleich möchte ich mir die Kunst im Fridericianum noch mal anschauen.

Livia: Im Fridericianum kannst auf jeden Fall Unterschiedliches sehen. Gibt es denn ein Werk über das du unbedingt mehr erfahren möchtest? Sandra: Auf jeden Fall möchte ich gerne wissen, warum Yan Lei seine Bilder überlackiert. Ich habe mir ja sein Kunstwerk „Limited Art Projekt“ vorhin in der documenta-Halle angesehen und fand den Raum voller Bilder beeindruckend. Ich vermute, dass er damit zeigen möchte, dass Kunst vergänglich ist, was eigentlich schon der Werktitel besagt. Aber ich bin der Meinung, da muss noch mehr dahinter stecken.

Livia: Hast du sonst noch spannende Entdeckungen gemacht? Sandra: Ich muss sagen, ich finde die Ausstellung von Thomas Bayrle in der documenta-Halle wirklich sehenswert. Dieser riesige Raum, den er mit seinen Werken – den lauten, dröhnenden Maschinen – ausfüllt, ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Und mir fällt auf, dass die Menschen während der Ausstellungszeit kommunikativer sind als sonst. Man kommt mit ihnen leichter ins Gespräch.

Livia: Was interessiert dich besonders an der dOCUMENTA (13)? Sandra: Ich bin am meisten an der Geschichte der documenta interessiert. Aber auch der Hintergrund, wie die Werke entstanden sind und was den Künstler dazu bewegt hat, genau dieses Werk zu schaffen, finde ich sehr spannend.

Livia: Wie würdest du dein Verhältnis zur Kunst beschreiben? Sandra: Ich habe kein wirkliches Kunstverständnis. Ich bin eher dem verfallen, was schön oder sinnvoll ist. Kunst muss mir in erster Linie gefallen. Ich mag schon sehr gerne die zeitgenössische Kunst, sie sagt mir am meisten zu.

Livia: Letzte Frage. Würdest du anderen Menschen empfehlen, die dOCUMENTA (13) zu besuchen? Sandra: Auf jeden Fall. Wer Kunst und Entwicklung mag und gerne viele Menschen um sich hat, ist hier absolut richtig. Man hört andauernd andere Sprachen und sieht Menschen verschiedener Nationalitäten, das ist schon ein bisschen wie Urlaub.

Livia: Danke für das Gespräch. Ich wünsche dir noch einen spannenden und interessanten Tag auf der dOCUMENTA (13)!

(lb)

Reizüberflutung und Faszination – „In Search of Vanished Blood“ von Nalini Malani

Beeindruckende Lichtreflexe, plötzliche Dunkelheit, beängstigende Geräusche und verzerrte Kinderstimmen: Malanis Werk ist zum Gruseln und Staunen.

Um in den Raum zu gelangen, in dem Nalini Malani (* 1946) ihr Werk „In Search of Vanished Blood“ anlässlich der dOCUMENTA (13) ausgestellt hat, muss der Besucher zunächst einen tunnelartigen Gang durchlaufen. Dieser wird nur von ein paar spärlich beleuchteten Lampen erhellt. Es ist eng und dunkel, aber ich höre Musik, einen lallenden, unheimlichen Gesang. Ich betrete den Raum und entschließe mich, mich an eine Wand zu lehnen. Es ist ein befremdendes Gefühl, im Halbdunkeln durch einen Raum zu schleichen, von indischer Musik und bedrückenden Schatten an den Wänden begleitet.

© Livia Blum

 Schatten ziehen vorüber

Plötzlich wird der Raum minimal heller, aber nun sind bunte Farben zu sehen. Ich sehe, dass in der Mitte des Ausstellungsraumes fünf rotierende Zylinder an der Decke hängen. Sie sind mit verschiedenen Motiven bemalt. Es könnte sich um mythische Frauengestalten, bewaffnete Männer, Krebse, Skorpione und Schlangenwesen handeln. Sie drehen sich und werfen bunte Lichtreflexe an die Decke. Wo soll man zuerst hinsehen? Es ist unmöglich, alle Motive und Momente einzufangen. Die Musik ist leise, teilweise fast verstummt, aber man hört deutlich das Rasseln der Zylinder, immer dann, wenn sie sich drehen. Ich bemerke, dass eine Art Gong jedes Mal die Dunkelheit einleitet und es ertönt eine laute, schreiende Frauenstimme

© Livia Blum

Dunkelheit – eine unheimliche Gestalt erscheint

Wieder ist der Raum komplett schwarz, an die Wand wird eine weiße Gestalt, vielleicht eine Mumie mit verhüllten Augen, geworfen. Englische Schrift und tierartige Gebilde durchziehen ihr Bild. Die Zylinder drehen sich weiter, nach und nach werden sie schwach beleuchtet. Nun kann man einzelne Figuren erkennen, die Schatten an die Wände schlagen: Krebsähnliche Getiere, Krieger mit Waffen, betende Frauen. Es sieht so aus, als würden sie langsam an der Wand entlanglaufen. An den Wänden selbst erscheinen lediglich streifenhafte Figuren, die nicht zu identifizieren sind. Es ist still im Raum, nur die Zylinder rattern.

© Livia Blum

Blitzartiges Licht und schrille Stimmen

Nach gefühlten zehn Minuten erhellt sich der Raum und erscheint in einem künstlichen, kalten Licht. Es setzt wie ein Blitzschlag ein, ist sehr grell. Auf einmal ertönt eine erneut laute, aufdringliche Stimme. Sie hört sich blechern und verzerrt an. Zeitweise setzt diese düstere Stimme komplett aus, es ist ein beklemmendes Gefühl, weil nicht vorhersehbar ist, was nun kommt. In diesen Momenten höre ich nur klirrende und prasselnde Geräusche. Es erinnert mich an zerbrochenes Glas, Regen, manchmal auch an leises Pfeifen. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Die Raumfarbe wechselt erneut und der Raum erstrahlt in einem angenehmen Goldton, der im Laufe der Zeit in Rot oder auch Orange umschwankt. Nun ertönt aus den Lautsprechern entspannende Musik, es entsteht eine harmonische Atmosphäre. Im nächsten Augenblick beginnt das Licht zu flimmern und dazu erklingt passende Musik.

© Livia Blum

© Livia Blum

Wie kam Malani diese außergewöhnliche Darstellungsidee?

Das Video/Schattenspiel von der in Bombay lebenden, indischen Künstlerin Nalini Malani besteht aus fünf rotierenden Zylindern mit einer Länge von ca. 183 cm, sechs Kanal-Video-Schattenspielen, vier Scheinwerfern und einer facettenreichen Klanglandschaft. Sie verwendet beispielsweise ausgewählte Passagen der Kurzgeschichte „Draupadi“ von der indischen Künstlerin Mahasweta Devi. Aber wie kam sie überhaupt auf diese Collagen, mit denen sie verschiedene Themen projiziert? Im Jahre 1992 löste die Zerstörung der bereits im 16. Jahrhundert erbauten Babri-Moschee durch fundamentalistische Hindus religiöse Unruhen in Indien aus. Malani wollte darauf mit Kunst reagieren, aber so, dass ihre Botschaft eine möglichst breite Öffentlichkeit zur Kenntnis nahm. Sie entschloss sich die Grenzen des Theaters und der Malerei zu sprengen und kreierte ihre ersten Video/Schattenspiele, die noch heute eine provozierende, aber auch beängstigende Wirkung auf den Betrachter ausüben.

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Welche Themen stellt sie dar?

Malani möchte mit ihren provozierenden Projektionen auf die Missstände in der Welt, wie zum Beispiel auf die kriminalisierte Zivilgesellschaft, Flüchtlingslager in Thailand sowie an anderen Orten und auf die Unterdrückung der Frauen aufmerksam machen. Sie beschäftigt sich mit vielfältigen Themen, auch dem Scheitern zwischenmenschlicher Verständigung, wie es dem „Das Begleitbuch/The Guidebook“ und dem „Buch der Bücher“ zu entnehmen ist. Verfolgt der Zuschauer längere Zeit den projizierten Schatten an den Wänden, so erkennt er männliche Gestalten, mit einem Gewehr in der Hand und wilde Tiere, die Menschen angreifen.

Gandhi als Vorbild für Gewaltlosigkeit?

Aber in ihrem Werk „In Search of Vanished Blood“ erscheinen auch fromme, betende Menschen auf der Bildfläche, meist in Frauengestalt. Diese könnten für den Frieden auf der Welt, für Gewaltfreiheit, stehen. Sie könnten ein Verweis für den indischen Moralisten Mohandas Karamchand Gandhi (1889-1948) sein, der der politische Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung im 20. Jahrhundert war. Er sah gewaltlosen Widerstand und Verweigerung als Form politischen Handelns an und erreichte somit im Jahre 1947 das Ende der britischen Kolonialherrschaft über Indien. Weitere weiterführende Aspekte über Gandhi können Sie in dem „Buch der Bücher“ in dem Kapitel „Die Moral der Verweigerung“, verfasst von Nalini Malani und Arjun Appadurai (S. 197-203), nachlesen.

(lb)