Auf der Laderampe hinterm Bahnhof – Eine Nacht in den Documenta-Locations Base 13 und Batterie

Weit abgeschlagen von der üblichen und übersichtlichen Clubszene Kassels öffnet seit Beginn der Documenta 13 allabendlich ein neuer bunter Partyzirkus seine Pforten, Base 13 und Batterie genannt. Schon der Weg dorthin vermittelt einen ersten Eindruck von der vorherrschenden Stimmung: Wenig beleuchtet, über Pflastersteine, hinter dem Hauptbahnhof entlang, die Güter- und Rampenstraße, die erst in diesem Jahr nach Joseph Beuys benannt wurde. Schon aus der Ferne hört man das “Wummern” von Bässen.

Im ehemaligen Zollamt befindet sich der Club mit dem nüchternen Namen „Batterie“. Er ist innen weiß gefliest, mit ebenfalls gefliesten Podesten links und rechts. Auf dem linken Podest tanzen einige glatzköpfige Männer, mit engen Muskelshirts -sehr expressiv- zu lauter Technomusik. Es ist heiß, die Luftfeuchtigkeit ist hoch und es riecht nach Schweiß und Alkohol. Auf dem rechten Podest tanzt eine Asiatin mit Brille, die wild ihre Arme in der Luft wirft und umher schwingt, neben ihr ein hagerer Mann mit schulterlangen, gewellten Haaren und Paillettenhemd. Das DJ-Pult befindet sich “vor Kopf”, ebenfalls auf einem Podest, auf das man nur über eine Treppe kommt. Der DJ im dunkelgrünen Hawaiihemd und lockigen, ins Gesicht hängenden Haaren, konzentriert sich abwechselnd auf seine Plattenteller und seine exzentrischen Tanzbewegungen. An der Decke hängen bunte Luftballons und Girlanden. Schon in den ersten Minuten regnen auf neue Besucher viele Sinneseindrücke ein.

Wer es nicht mehr aushält, schweißgebadet zwischen ebenfalls schwitzenden Menschen zu stehen, begibt sich zurück in den karg eingerichteten Vorraum des kleinen Clubs und versucht durch eine Durchreiche Kontakt zum Thekenpersonal aufzunehmen. Dies scheint jedoch leicht überfordert oder unterhält sich ausgiebig mit den Gästen, während andere in der Schlage warten. Die Auswahl der Getränke ist klein, für Documenta-Verhältnisse jedoch günstig. Schnaps gibt es in kleinen Plastikbechern, Wodka oder Tequila für 2 Euro.

Vor dem Club sitzen größtenteils junge Leute, wahrscheinlich Studenten und Künstler oder Kunstinteressierte, durchaus internationales Publikum, man könnte sie alle als Hipster bezeichnen.

Ein paar Schritte weiter Richtung Ende der Straße, erblickt man vor sich einen riesigen Schrotthaufen, ein Kunstwerk der Documenta von Lara Favaretto. Direkt daneben befindet sich die Base (13), eine überdachte Freiluftbar, die während der Zeit der Documenta am Ende einer alten Lagerhalle auf einer langen Rampe eröffnet wurde. Dort kann man sich entweder auf altem Schulmobiliar und Liegestühlen niederlassen oder auf sich auf der Tanzfläche, die einem unendlich lang erscheint, zu elektronischer Musik bewegen. Die Stimmung ist betont locker, das Publikum genauso, wie das bei der Batterie. Vermutlich bewegen sich die Gäste einfach den ganzen Abend und die ganze Nacht zwischen diesen zwei Orten hin und her, bis zum Sonnenaufgang und darüber hinaus.

Schon nach einer Nacht zwischen Batterie und Base fühlt man sich wie in einer anderen Stadt, “Berlin Calling” statt Kassel. Dazu ist das Publikum an diesem Ort viel zu bunt und gelassen. Man merkt, dass Kassel Potential hat, mit der Partyszene von Großstädten mitzuhalten, selbst wenn es nur für 100 Tage ist, der Laufdauer der Documenta 13.

Musikfreunde aufgepasst! – dOCUMENTA (13)-Drumherum

Musikfreund? Klassikfan? Instrumentenliebhaber?

Wenn das auf Sie zutrifft, kann ich Ihnen nur empfehlen, die Kunstausstellung des Spohr-Museums im Südflügel am Hauptbahnhof zu besuchen. Sie ist sehr sehenswert. Diese gehört zwar nicht direkt zur dOCUMENTA (13), was so manche/r Besucher/-in im Nachhinein bemerkt. Da aber viele Künstler im Erdgeschoss des Südflügels ihre Werke ausstellen, bin ich den bunten Stufen gefolgt und durch Zufall in das zweite Stockwerk gelangt. Dort werden Ihnen antike Instrumente, eine riesige Geigensammlung und zahlreiche Informationen zum Thema Musik geboten. Sie können Musik hören, dürfen spannende und kuriose Tests machen und sogar selbst dirigieren.

Ihr dOCUMENTIERT.-Team wünscht Ihnen eine klangvolle Zeit!

(lb)

Hauptbahnhof II

Für Lesefaule: Weitere Bilder, die während unserer dTOUR am 25. Juni entstanden sind. Viel Spaß damit!


(mb)

Von Industrie zur Kultur – Haegue Yang

In den alten, stillgelegten Abteilungen des Hauptbahnhofes, bei den verlassenen Gleisen neben einer alten Lagerhalle, hört man immer wieder ein leises Surren, ein kurzes Klicken und dann herrscht wieder einige Zeit Stille.
Zu sehen ist eine Installation aus von der Decke hängenden Aluminium-Jalousien. Sie erinnern stark an das Gerüst eines Zuges, wie er vor vielen Jahren, als der Hauptbahnhof in Kassel noch Hauptanlaufstelle jeglichen Schienen-fern-Verkehrs war, täglich ein und aus liefen. Mit dem Bau des größeren Bahnhofes, Kassel Wilhelmshöhe, wird der Hauptbahnhof seit nun 11 Jahren nur noch für den regionalen Schienenverkehr benutzt. Im Jahr 1995 wurde der alte Bahnhof saniert und als sogenannter Kulturbahnhof entworfen. Hier fanden Kunstgalerien ihren Platz und zahlreiche Künstler der dOCUMENTA (13) ließen sich von der Atmosphäre und den Räumlichkeiten des alten Bahnhofes inspirieren.
So auch die koreanische Installationskünstlerin Haegue Yang, die zwischen verlassenen Bahnsteigen ihr Kunstwerk konzipiert hat. Für ihre Kunst verwendet Yang Alltagsgegenstände, um daraus Installationen, Skulpturen oder grafische Werke zu entwickeln. Ein häufig auftretendes Element stellen die Jalousien dar, so wie sie auch in dieser Installation verwendet wurden.

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Von der Decke hängend und unterschiedlich positioniert, führen die Jalousien den Betrachtern eine motorisierte, mechanische Choreografie vor. Zwischen den einzelnen Bewegungen erfüllt Stille die Halle mit den verlassenen Schienen. Diese Stille lässt den Betrachtern Zeit, die Blicke wandern zu lassen, bis ein erneutes Surren das Augenmerk wieder auf das Kunstwerk lenkt.
Dass der Bahnhof die Künstlerin für dieses Werk inspiriert hat, wird bei der Betrachtung der Umgebung sehr deutlich. Die Jalousien spiegeln optisch einige Elemente der Halle wieder. Und auch die Geschichte des Hauptbahnhofes spielt dabei eine Rolle. Der heutige Kulturbahnhof, der einst für Kassels industrielle Vergangenheit eine große Rolle spielte, dient in gewisser Weise als Beweis dafür, dass der industrielle Aspekt verdrängt und im Gegenzug dazu, dem kulturellen Aspekt eine größere Beachtung zugesprochen wird. Die Industrie wurde durch die Kultur ersetzt.

(dh)

Schon am Hauptbahnhof gewesen?

Heute machten die Mitglieder von dOCUMENTIERT. ihre erste dTOUR – und zwar am Hauptbahnhof. Das Motto dort lautet: Bahnhöfe, Bewegungen, Bilder. Nachdem uns unser Guide am vereinbarten Treffpunkt abgeholt hatte, begann eine zweistündige Führung. Diese verlief jedoch anders als manche sie sich von uns vielleicht vorgestellt hätten, was wohl mit dem Konzept der diesjährigen dOCUMENTA (13) zusammenhängt. Der Guide ist in diesem Sinne nicht mehr derjenige, der uns die Bedeutungen der Werke lediglich erklärt und nahe bringt, sondern er möchte mit uns über die Werke sprechen und diskutieren. Die Kommunikation zwischen den Menschen rückt bei der größten Weltkunstausstellung also in den Vordergrund, der Monolog dagegen in den Hintergrund. Bei unserem Rundgang haben wir einige Eindrücke mitgenommen, aber sehen Sie einfach selbst!

(lb)

Fotos: © Livia Blum

Panorama I: Hauptbahnhof

Haegue Yang – Approaching: Choreography Engineered in Never-Past Tense, 2012. Ort: Hauptbahnhof Nordflügel

Panorama-Aufnahme: Ghost Keeping
István Csákány – Ghost Keeping, 2012. Ort: Hauptbahnhof Nordflügel

Panorama-Aufnahme: Momentary Monument IV
Lara Favaretto – Momentary Monument IV, 2012. Ort: Hauptbahnhof Nordflügel

Fotos: Matthias Ott

Entdeckungen am Hauptbahnhof – neue Kunstwerke?

Arbeiten einige Künstler vielleicht versteckt hinter den Gleisen des Kasseler Bahnhofes an ihren Kunstwerken? – Meine Beobachtungen.

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© Livia Blum

Nachdem ich mir an einem sonnigen Sonntagmittag den Schrotthaufen hinter dem ehemaligen Zollamt am Kasseler Bahnhof zum Abschluss aus der Ferne angesehen hatte, wollte ich mich aus dieser verlassenen, fast unheimlichen Gegend verabschieden. Bis jetzt hatte ich dort außer großen Mengen an übel riechendem Metallschrott und unruhiger, kreischender Vögel, die darüber kreisten, keine einzige Menschenseele gesehen. Richtig verlassen schien diese Gegend zu sein.

Habe ich etwa zufällig dOCUMENTA-Künstler entdeckt?

Plötzlich machte ich eine spannende Entdeckung. Ich stand noch vor dem Schrotthaufen und konnte aus weiter Entfernung sehen, dass einige Männer vor den heruntergekommenen Häusern hastig arbeiteten. Manche diskutierten lautstark untereinander, einige standen regungslos da und schienen angestrengt nachzudenken, andere werkelten eifrig an etwas, das ich aus der Ferne nicht erkennen konnte. Da ich den Platz verlassen wollte, musste ich unumgänglich an ihnen vorbeilaufen. Ich kam ihnen näher und versuchte, mich möglichst unauffällig zu verhalten. Einige starrten mich regelrecht an und ich fragte mich, ob hier wohl ein dOCUMENTA-Künstler dabei ist und hier geheim an seinen Kunststücken feilt? Ein anderer, der vorher seelenruhig an dem obigen Tor gearbeitet hatte, verschwand schnell in das Innere des Gebäudes. Wenn man genau hinsieht, fällt einem auf, dass das Gebilde hinter dem großen Tor wie eine Höhle aussieht, wahrscheinlich aus Beton oder Lehm? Bis ich da vorbei kam, hat er flink an dem höhlenartigen Gebilde gewerkelt; hat es wohl versucht, in Form zu bringen. Seine Abwesenheit nutzte ich schnell, um Fotos zu machen. Ich dachte mir, es könnte immerhin möglich sein, dass es sich hier tatsächlich um einen dOCUMENTA-Künstler handelt. Denn sind wir mal ganz ehrlich: Wer arbeitet denn sonst sonntags in dieser nicht gerade einladenden Gegend? Und warum sind hier so viele beschäftigte Menschen, obwohl doch Sonntag und dazu noch ausgezeichnetes Wetter ist?

Was sieht man hier? Könnte es der Arbeitsplatz eines Künstlers sein?

Das Podest ist voll beladen: Viele Säcke mit Baumaterial, Eimer, ein hölzerner Werkszeugtisch mit Arbeitsmaterialien, Kisten, Wasserkanister und unter dem Podest liegt Stroh.

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© Livia Blum

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© Livia Blum

Dann fielen mir noch große Elemente aus Holz ins Auge: Treppen, die von einem massiven Geländer eingerahmt sind. Diese stehen in regelmäßigen Abständen auf beiden Gebäudeseiten. Mir fielen sie eigentlich besonders dadurch auf, da sie aus der dunklen Gegend herausstachen. Das helle Holzobjekt wirkte sehr neu und es roch sogar noch nach Holz und frischer Farbe. Waren diese Treppen eventuell angefertigt worden, damit dOCUMENTA-Besucher ohne Schwierigkeiten in die Ausstellungsräume verschiedener Künstler gelangen konnten? Handelt es sich hier in dieser verlassenen Bahnhofsgegend etwa wirklich um weitere Ausstellungsräume? Für mich ergibt das Gesehene ein schlüssiges Gesamtbild: Eifrig werkelnde Künstler, viele Materialien, auffällige Geheimnistuerei, eine abgelegene Gegend, neue Holztreppen.

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© Livia Blum

Richtige Fährte oder Sackgasse? Auflösung folgt am 09. Juni 2012!

Ob das alles, was ich beobachtet habe, wirklich zur dOCUMENTA (13) gehören könnte, ist mehr als fraglich. Es handelt sich hierbei lediglich um meine eigenen Beobachtungen und Vermutungen, die sich mir an diesem Nachmittag aufgedrungen haben. Und wenn man manchmal etwas bemerkt, interpretiert man öfters viel zu viel hinein, vielleicht ist euch das auch schon passiert!? Man weiß die Fakten leider nicht. Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als ungeduldig auf die Eröffnung der dOCUMENTA (13) am 09. Juni 2012 zu warten.

(lb)

Nachtrag:

Meine Vermutung wurde bestätigt. An besagtem Wochenende sichtete ich wirklich einen Künstler, vermutlich Javier Téllez (* 1969), der an seinem Projekt für die dOCUMENTA (13) werkelte. Zu Beginn der Weltkunstausstellung stellte sich heraus, dass an diesem Ort seine 45-minütige Filminstallation „Artaud`s Cave“ gezeigt wurde – und zwar in der von mir entdeckten Höhle.

Nur Müll und Schrott? – Könnte das Kunst sein?

Kunst ist individuell. Kunst wird völlig verschieden wahrgenommen. Kunst muss nicht nur schön sein.

Einige Minuten verweilte ich an dem Schrotthaufen am Kasseler Bahnhof. Fasziniert beobachtete ich die Mitarbeiter, wie sie mit einem Bagger immer mehr Altmetall auf den inzwischen gigantischen Berg häuften, einige besonders schöne Stücke sogar gezielt drapierten. Man konnte kaum noch erkennen, zu welchem Zweck das Metall mal diente. Ich musste bei den meisten Massen an Metallstücken schon sehr genau hinschauen, um deren frühere Funktion erraten zu können. Aber vielleicht macht dies das Werk aus? Dass man es eben nicht eilig und sprunghaft auf seiner „dOCUMENTA-Liste“ abhaken kann, sondern es genau, gezielt und detailliert betrachten soll. Vielleicht soll man in das Werk eintauchen, um einen Sinn und eine Intention des Künstlers darin zu erkennen. Seitdem ich diesen monumentalen Berg jedoch bestaunt habe, ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich mir Gedanken über dessen Sinn mache: Ist es Gesellschaftskritik, Umweltkritik oder was möchte uns der Künstler damit sagen? Weiterhin überlege ich mir, ob er sein Kunstwerk überhaupt kommentieren wird? Oder überlässt er dies jedem einzelnen Besucher selbst? Ich bin auf die Eröffnung der dOCUMENTA (13) am 09. Juni 2012 jedenfalls schon jetzt sehr gespannt.

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Mir fiel sofort ein gewaltiges, pinkfarbenes Metallstück ins Auge, das wohl früher mal Teil eines Autos gewesen ist. Die Sonne prallte an diesem heißen Sommertag besonders aggressiv auf das Metall und der starke Wind verbreitete einen muffigen, fast undefinierbaren, aber sehr unangenehmen Geruch. In diesem Augenblick wirkte der Schrottplatz auf mich sehr erdrückend und düster, sodass ich froh darüber war, dass der Künstler einige bunte Akzente gesetzt hatte. So gut es ging, versuchte ich das Kunstwerk mit der Kamera einzufangen. Dann trat ich meinen Heimweg an, der mich zunächst durch die Stadt, dann die vielen Treppen hinunter zur Aue führte.

© Livia Blum

Alles nur Müll?

Als ich die Treppen zum Auepark hinunter ging, fiel mein Blick auf einen Mülleimer, dessen gesamter Inhalt entleert war. Klebrige Getränkebecher, Papiertüten mit Essensresten und sonstiger Abfall lagen auf dem Steinboden. Ameisen trugen ihre Beute davon und Bienen vergnügten sich in dem Müll. Eigentlich handelt es sich hierbei lediglich um einen übel riechenden Müllberg, werden wohl nun einige denken, oder? – Mich zunächst eingeschlossen. Aber irgendwie entfachte dieser schlichte Mülleimer mit stinkendem Inhalt bei mir die Idee, ob es sich nicht auch hierbei um Kunst handeln könnte.

© Livia Blum

Ist jeder Mensch ein Künstler und ist alles Kunst?

Ich musste in dieser Situation an den berühmten Aktionskünstler Joseph Beuys (1921- 1986) denken, der 1982 an der dOCUMENTA 7 in Kassel mitwirkte. Kennt man sich in seiner Werkbiografie ein wenig aus, so weiß man, dass er mit umstrittenen Materialien wie z.B. Fett arbeitete. Es ist also nicht verwunderlich, dass er mit seiner Kunst polarisierte und bei den Menschen Diskussionen entfachte, was anscheinend auch sein Ziel war. Auch der Künstler des Kasseler Schrotthaufens, der derzeit noch unbekannt ist, beabsichtigt wohl mit seinem Werk aufzufallen, vielleicht sogar zu provozieren. Er hat zumindest schon erreicht, dass viele Menschen dieses eigenwillige Werk aufsuchten, darüber diskutierten oder einfach nur den Sinn für diese Arbeit suchten. Für manche Kunstliebhaber ist es faszinierende, bedeutungsvolle Kunst, für andere Menschen wiederum stellt das Werk nur einen unnützen, hässlichen Schrottberg dar. Kann denn Schrott Kunst sein?

Ich zumindest sah eine Parallele in dem riesigen dOCUMENTA-Schrotthaufen am Bahnhof und in dem kleinen Müllberg, der aus dem kaputten Mülleimer hinausgefallen ist. Wenn man dies als Kunst ansehen mag, ist dann also jeder Mensch ein Künstler? Kann jeder Mensch künstlerisch aktiv sein? Nach Joseph Beuys, der das bekannte Zitat „Jeder Mensch ist ein Künstler“ prägte, ist das der Fall. Demnach kann also jeder Mensch etwas Kreatives schaffen. Bei dem Gedanken, dass selbst derjenige, der vielleicht gegen den Eimer getreten und damit Kunst fabriziert hat, muss ich schmunzeln. Er weiß vielleicht nicht, was er da für eine Debatte in mir selbst ausgelöst hat.

Kunst ist also individuell!

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als zwei ältere Damen empört und angeekelt vor dem Eimer stehen blieben. Sie schimpften. „Wer macht denn so was? Es gibt nur Rüpel hier in der Stadt!“, fauchte die eine Frau. Ihre Bekannte erwiderte, dass es eine Frechheit sei, dass die Stadt diesen Müll nicht gleich beseitigt habe. „Ekelhaft ist das, so ein Geruch an so einem schönen Sommertag!“, ärgerte sie sich. Ich lauschte gespannt ihren erzürnten Worten. Dann packte ich meine Kamera in die Tasche und ging schnell weg. Insgeheim musste ich lachen. Und mir wird bewusst: Jeder nimmt die Umgebung anders wahr und jeder Mensch hat ein individuelles Bild von dem, was er als schön, interessant oder abstoßend bezeichnet – und das trifft wohl vor allem auf das Verständnis von Kunst zu!

(lb)

Nachtrag:

Es handelt sich hierbei um das Projekt „Momentary Monument IV“ von der italienischen Künstlerin Lara Favaretto (* 1973).