Aspekte-Sondersendung zur dOCUMENTA (13)

Viel Natur, ein großer Schrotthaufen und Pauline,die Hündin: so leitete die Moderatorin Katty Salié die letzte Aspekte-Sondersendung am 08.06.12 zur dOCUMENTA (13) ein. Hierbei wird dem Zuschauer ein kleiner Rundumschlag über die Geschichte der Documenta in Kassel, die verschiedenen Künstler und die Bedeutung von Hunden für die Ausstellung geboten.

Die weltweit größte Ausstellung zeitgenössischer Kunst im Blick

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Nur Müll und Schrott? – Könnte das Kunst sein?

Kunst ist individuell. Kunst wird völlig verschieden wahrgenommen. Kunst muss nicht nur schön sein.

Einige Minuten verweilte ich an dem Schrotthaufen am Kasseler Bahnhof. Fasziniert beobachtete ich die Mitarbeiter, wie sie mit einem Bagger immer mehr Altmetall auf den inzwischen gigantischen Berg häuften, einige besonders schöne Stücke sogar gezielt drapierten. Man konnte kaum noch erkennen, zu welchem Zweck das Metall mal diente. Ich musste bei den meisten Massen an Metallstücken schon sehr genau hinschauen, um deren frühere Funktion erraten zu können. Aber vielleicht macht dies das Werk aus? Dass man es eben nicht eilig und sprunghaft auf seiner „dOCUMENTA-Liste“ abhaken kann, sondern es genau, gezielt und detailliert betrachten soll. Vielleicht soll man in das Werk eintauchen, um einen Sinn und eine Intention des Künstlers darin zu erkennen. Seitdem ich diesen monumentalen Berg jedoch bestaunt habe, ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich mir Gedanken über dessen Sinn mache: Ist es Gesellschaftskritik, Umweltkritik oder was möchte uns der Künstler damit sagen? Weiterhin überlege ich mir, ob er sein Kunstwerk überhaupt kommentieren wird? Oder überlässt er dies jedem einzelnen Besucher selbst? Ich bin auf die Eröffnung der dOCUMENTA (13) am 09. Juni 2012 jedenfalls schon jetzt sehr gespannt.

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Mir fiel sofort ein gewaltiges, pinkfarbenes Metallstück ins Auge, das wohl früher mal Teil eines Autos gewesen ist. Die Sonne prallte an diesem heißen Sommertag besonders aggressiv auf das Metall und der starke Wind verbreitete einen muffigen, fast undefinierbaren, aber sehr unangenehmen Geruch. In diesem Augenblick wirkte der Schrottplatz auf mich sehr erdrückend und düster, sodass ich froh darüber war, dass der Künstler einige bunte Akzente gesetzt hatte. So gut es ging, versuchte ich das Kunstwerk mit der Kamera einzufangen. Dann trat ich meinen Heimweg an, der mich zunächst durch die Stadt, dann die vielen Treppen hinunter zur Aue führte.

© Livia Blum

Alles nur Müll?

Als ich die Treppen zum Auepark hinunter ging, fiel mein Blick auf einen Mülleimer, dessen gesamter Inhalt entleert war. Klebrige Getränkebecher, Papiertüten mit Essensresten und sonstiger Abfall lagen auf dem Steinboden. Ameisen trugen ihre Beute davon und Bienen vergnügten sich in dem Müll. Eigentlich handelt es sich hierbei lediglich um einen übel riechenden Müllberg, werden wohl nun einige denken, oder? – Mich zunächst eingeschlossen. Aber irgendwie entfachte dieser schlichte Mülleimer mit stinkendem Inhalt bei mir die Idee, ob es sich nicht auch hierbei um Kunst handeln könnte.

© Livia Blum

Ist jeder Mensch ein Künstler und ist alles Kunst?

Ich musste in dieser Situation an den berühmten Aktionskünstler Joseph Beuys (1921- 1986) denken, der 1982 an der dOCUMENTA 7 in Kassel mitwirkte. Kennt man sich in seiner Werkbiografie ein wenig aus, so weiß man, dass er mit umstrittenen Materialien wie z.B. Fett arbeitete. Es ist also nicht verwunderlich, dass er mit seiner Kunst polarisierte und bei den Menschen Diskussionen entfachte, was anscheinend auch sein Ziel war. Auch der Künstler des Kasseler Schrotthaufens, der derzeit noch unbekannt ist, beabsichtigt wohl mit seinem Werk aufzufallen, vielleicht sogar zu provozieren. Er hat zumindest schon erreicht, dass viele Menschen dieses eigenwillige Werk aufsuchten, darüber diskutierten oder einfach nur den Sinn für diese Arbeit suchten. Für manche Kunstliebhaber ist es faszinierende, bedeutungsvolle Kunst, für andere Menschen wiederum stellt das Werk nur einen unnützen, hässlichen Schrottberg dar. Kann denn Schrott Kunst sein?

Ich zumindest sah eine Parallele in dem riesigen dOCUMENTA-Schrotthaufen am Bahnhof und in dem kleinen Müllberg, der aus dem kaputten Mülleimer hinausgefallen ist. Wenn man dies als Kunst ansehen mag, ist dann also jeder Mensch ein Künstler? Kann jeder Mensch künstlerisch aktiv sein? Nach Joseph Beuys, der das bekannte Zitat „Jeder Mensch ist ein Künstler“ prägte, ist das der Fall. Demnach kann also jeder Mensch etwas Kreatives schaffen. Bei dem Gedanken, dass selbst derjenige, der vielleicht gegen den Eimer getreten und damit Kunst fabriziert hat, muss ich schmunzeln. Er weiß vielleicht nicht, was er da für eine Debatte in mir selbst ausgelöst hat.

Kunst ist also individuell!

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als zwei ältere Damen empört und angeekelt vor dem Eimer stehen blieben. Sie schimpften. „Wer macht denn so was? Es gibt nur Rüpel hier in der Stadt!“, fauchte die eine Frau. Ihre Bekannte erwiderte, dass es eine Frechheit sei, dass die Stadt diesen Müll nicht gleich beseitigt habe. „Ekelhaft ist das, so ein Geruch an so einem schönen Sommertag!“, ärgerte sie sich. Ich lauschte gespannt ihren erzürnten Worten. Dann packte ich meine Kamera in die Tasche und ging schnell weg. Insgeheim musste ich lachen. Und mir wird bewusst: Jeder nimmt die Umgebung anders wahr und jeder Mensch hat ein individuelles Bild von dem, was er als schön, interessant oder abstoßend bezeichnet – und das trifft wohl vor allem auf das Verständnis von Kunst zu!

(lb)

Nachtrag:

Es handelt sich hierbei um das Projekt „Momentary Monument IV“ von der italienischen Künstlerin Lara Favaretto (* 1973).

Erste Eindrücke von der dOCUMENTA (13)

Beim Rundgang durch Kassel fällt auf: Geheimnisse, viele Fragen, kaum Antworten.

Die dOCUMENTA (13)-Künstler hüten ihre Kunstwerke wie teure Schätze, das haben wir in den letzten Wochen bereits gemerkt. Die meisten Kunstwerke sind unter weißen Kunststoffplanen verhüllt, sodass der neugierige Besucher nur Vermutungen über die darunter verborgenen Werke anstellen kann. Steht man vor der weißen Plane, möchte man doch zu gern einen raschen Blick über den Zaun wagen, weil die Neugierde nahezu unerträglich ist, oder? Aber man tut es natürlich nicht.

Assoziationen und viele Vermutungen….

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© Livia Blum

Mich persönlich erinnern diese Verpackungen sehr an den bulgarischen Verhüllungskünstler Christo Wladimirow Jawaschew (* 1935), kurz Christo genannt. Einigen müsste dieser außergewöhnliche Künstler, der beispielsweise im Jahre 1995 mit weißem, feuerfestem Kunststoffgewebe den Reichstag komplett verpackte, bekannt sein. Man kann eigentlich sagen, dass er alles verhüllt hat, was es gab: 11 Inseln in Miami Beach, Fußwege in Kansas City, den „laufenden Zaun“ in Kalifornien und vieles mehr. Anders als bei der dOCUMENTA (13) waren für ihn die Verhüllungen selbst Kunst, die dOCUMENTA-Künstler schützen jedoch ihre Kunstwerke lediglich durch weiße Stoffbahnen vor den interessierten Besuchern. Auf dem unteren Foto sieht man auf dem Kasseler Theaterplatz ein verhülltes Objekt. Was sich wohl hinter der Stoffbahn verbirgt? Man wird es am 09. Juni 2012 erfahren. Dagegen sieht man im Hintergrund die St. Elisabeth-Kirche mit der Turmskulptur des deutschen Bildhauers Stephan Balkenhol (* 1957), ein bereits präsentes Kunstwerk.

Geht man in die Karlsaue, so entdeckt man an vielen Ecken Objekte, die zur dOCUMENTA (13) gehören oder gehören könnten. So wirkt beispielsweise ein schlichter Bagger schon „verdächtig“ und man fragt sich, welches Projekt hier von einem Künstler in Auftrag gegeben wurde. Es könnte sich natürlich auch um ganz normale Bauarbeiten in der Aue handeln. Was entsteht hier also? Weiterhin findet man überall im Auepark verteilteingezäunte Holzhütten oder Metallhäuschen.

© Livia Blum

© Livia Blum

Oft wundert man sich auch über verschiedene Objekte, wie z. B. über dieses Holzpodest mit hölzernem Kasten. Was soll hier entstehen? Oder befindet sich in dem Kasten bereits das Kunstwerk? Und immer wieder fällt mir mehr und mehr auf, dass die dOCUMENTA (13) mit Geheimnissen spielt, die die Zuschauer zu gern schon jetzt gelüftet hätten.

© Livia Blum

Asterix und Obelix in Kassel?

Ich muss ganz ehrlich gestehen, dieser blätterlose Baum mit einem riesige Stein in seiner Krone, erinnert mich tatsächlich an Asterix und Obelix. In der Comicserie gibt es viele Szenen, in denen der kräftige Obelix einen schweren Hinkelstein auf seinem breiten Rücken trägt. Seltsamerweise musste ich, als ich dieses Werk bewunderte, sofort daran denken. Es handelt sich hierbei um die Kunst des Italieners Giuseppe Penone (* 1947), dessen Kunstwerk „Idee di pietra“ schon seit dem 21. Juni 2010 die Karlsaue ziert.

© Livia Blum

Was hat das Kunstwerk für eine Bedeutung?

Natürlich liegt für mich auch der Gedanke an den deutschen Aktionskünstler Joseph Beuys (1921-1986) nicht fern. Da ich mich über einen längeren Zeitraum mit seinem im Jahr 1982 entstandenen Landschaftskunstwerk „7000 Eichen“ beschäftigte, musste ich beim Betrachten sofort daran denken. Die Materialien, die damals schon Beuys verwendete, nämlich die Verbindung zwischen Baum und Stein, wurden auch hier aufgegriffen. Anders als bei Beuys, der einen Stein neben eine Eiche setzte, befindet sich hier der Stein in der Baumkrone. Um welchen Baum handelt es sich hier eigentlich, ist er überhaupt echt? Ich bin der Meinung, der Baum sieht nicht wirklich lebendig aus. Im Gegenteil, er macht auf mich eher einen leblosen Eindruck, da er keine Blätter hat. Wenn ich genau hinsehe, ist er auch nicht im Boden verwurzelt. Was möchte uns der Künstler mit seinem Werk sagen? Beuys` Kunstwerk lässt sich hinsichtlich ökologischer und gesellschaftskritischer Intentionen deuten. Er wollte den Menschen durch sein Projekt wieder einen Zugang zur Natur schaffen. Umso mehr interessiert es mich natürlich, was diese Baum-Stein-Kombination bedeutet und wie der Künstler selbst sein Werk deutet. Oder lässt er den Betrachtern den Freiraum, das Werk eigenständig zu deuten?

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© Livia Blum

Erst beim genaueren Hinsehen ist mir noch aufgefallen, dass aus der Erde am Fuße des Stammes ein kleines Bäumchen wächst. Auch dieses Werk gibt wie viele weitere Rätsel auf. Ich bin gespannt, was uns die dOCUMENTA (13)-Stadtführer über den Sinn der Kunstwerke berichten.

(lb)