Kunst als Widerstand gegen den Nationalsozialismus und Überlebensstrategie – Korbinian Aigner

Wenn Menschen Schlimmes erfahren, wenn ihnen die Macht und die Selbstbestimmung genommen wird, sie zu Opfern werden, dann ist es schwer, an das Überleben zu glauben. Korbinian Aigner hat es geschafft, mit Kunst und der Züchtung von Apfelsorten im Konzentrationslager zu überleben. 

Geldstrafen, Zwangsversetzungen, Verhaftungen, Gefängnisaufenthalte und Inhaftierungen im Konzentrationslager Sachsenhausen sowie Dachau – Korbinian Aigner (1885-1966) war zeitlebens politisch engagiert und ein Gegner des Nationalsozialismus. Für den Widerstand, den er gegen die NSDAP leistete, wurde er von den Nationalsozialisten in Dachau inhaftiert und erlitt schwere Traumata. In beiden KZ`s musste der so genannte „Apfelpfarrer“  Zwangsarbeit unter schweren Torturen in der Landwirtschaft ableisten.

Als Häftling mit der „Nummer 27788“ begann er im Jahre 1941 in Dachau aus Apfelkernen die Apfelsorten KZ-1, KZ-2, KZ-3 und KZ-4 zu züchten, was man als weiteren „Akt des Widerstandes“ (Begleitbuch, S. 34) gegen das NS-System, aber auch als Überlebensstrategie in einer schlimmen Leidenssituation mit traumatisierender Wirkung ansehen kann. Die Apfelsorte KZ-3, die später in Korbiniansapfel umbenannt wurde, wird noch heutzutage angebaut.

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Aigner war nicht nur Apfelkundler, sondern auch Künstler – und zwar Konzeptkünstler. In den Jahren 1912-1960 fertigte er ungefähr 900 verschiedene Zeichnungen von diversen Apfel- und Birnensorten im Postkartenformat an. 369 Aquarelle dieser monumentalen Bildersammlung, die einzelne Obststücke oder auch Obstpaare zeigt, sind im Kasseler Fridericianum zu betrachten.

Zum Gedenken an diesen herausragenden Mann hat die künstlerische Leiterin der dOCUMENTA (13), Carolyn Christov-Bakargiev, 2011 in der Kasseler Karlsaue einen Korbiniansapfelbaum gepflanzt. Ganz nach dem Motto: Unscheinbarer Baum, bedeutende Geschichte.

(lb)

Es plätschert und raschelt – „Untitled (Wave)“ von Massimo Bartolini

Bartolini (* 1962) bringt mit seinem minimalistischen Werk Technik und Natur in Einklang. Es bleibt die Frage: Was bedeutet es?

Ein im Boden versenktes, rechteckiges Plastikbecken gefüllt mit trübem Wasser, ein elektrischer Motor, der das Wasser in Bewegung bringt und Gerste, die das Becken umhüllt. Es fällt auf: Der Italiener, der in Cecina geboren ist und noch heute dort lebt, verbindet in der Kasseler Karlsaue künstliche mit natürlichen Materialien. Der Besucher betrachtet eine Welle, die sich gleichmäßig bewegt und vom einen zum anderen Ende wandert, aber nie über den Beckenrand schwappt. Die Installation wirkt besonders beeindruckend, wenn der Wind den Wellengang unterstützt und die Gerste am Rand raschelt und sich hin und her bewegt.

© Livia Blum

Es ist entspannend, dem regelmäßigen Lauf des Wassers zuzusehen. Aber es stellt sich auch die Frage: Was ist der Sinn dieser außergewöhnlichen Arbeit? Liest man über die „Untitled (Wave)“ nach, so haben wir das Werk richtig beobachtet und die Deutung liegt sehr nah. Der Künstler möchte mit seiner Installation den „endlosen Kreislauf des Lebens“ (Begleitbuch, S. 240) darstellen. Deshalb läuft die Welle also niemals aus und schwappt auch nicht über den Beckenrand. Sie bewegt sich immer gleichmäßig, weil sie endlos ist. Massimo Bartolini gibt den Besuchern somit Denkanstöße, sich mit den philosophischen Themenfeldern der Ewigkeit und Dauerhaftigkeit auseinanderzusetzen.

(lb)

Performance und Kunstwerk von Issa Samb

Ein Kunstwerk wirkt wie ein Paradiesvogel im verwirrenden dOCUMENTA (13)-Dschungel: Bunt, außergewöhnlich und vielfältig – das Werk regt zum Denken an.

Es ertönt eine männliche Stimme in der Karlsaue. Sie wird lauter, dann leiser, die Sprache wird schneller, bis sie für einige Minuten komplett verstummt. Neugierde führt mich zu dem Werk mit der Ausstellungsnummer 157. Ich bahne mir einen Weg durch die Menschenmenge, die sich um eine kunterbunte Baum-Installation versammelt hat und fasziniert das Treiben beobachtet. Was passiert da? Wer spricht? Ich sehe einen dunkelhäutigen Mann, der einen farbenreichen Mantel trägt und wild agiert.

Allroundkünstler Issa Samb in Aktion
© Livia Blum

Ein Mann mit vielen Gesichtern

Wie ich bemerke, bin ich am 08.06.2012, in der Eröffnungswoche der dOCUMENTA (13),  mitten in eine spontane Performance des senegalischen Künstlers Issa Samb (* 1945) geplatzt. Der Maler, Bildhauer, Schauspieler, Philosoph, Performancekünstler, Schriftsteller und Kritiker zeigt während seiner Performance wechselnde Gefühlszustände. Mal lächelt er freundlich, verweilt ruhig vor seiner Installation, verschränkt die Hände hinter dem Rücken und spricht gediegen. Plötzlich verstummt seine Stimme. Er bewegt sich nicht, er schaut das Publikum nur auffordernd an. Stille. Im nächsten Moment gestikuliert er euphorisch, seine Stimme wird lärmend und herrischer – laut und geräuschvoll. Sein Gesicht verzieht sich angespannt.

Issa Samb vor seiner Installation „La balance déséquilibrée (Out of balance)“
© Livia Blum

Die Gedanken fahren Karussell

Schaut man in die Runde, so erkennt man in den fragenden Gesichtern vieler Zuschauer, dass sie seine Handlungen nicht einordnen können – so wie sich seine Installation jeder Einordnung zu entziehen scheint. Verwirrung. Aber dies scheint die Menschenmassen förmlich anzuziehen. Er zieht die Menschen in seinen Bann, auch wenn die meisten wohl nicht verstehen, was er sagt. Er spricht in französischer Sprache. Als ich ihn fotografiere, schaut er mich verwirrt an, was ich nicht verstehe.

Ein Gegner der Technologie? Kaum vorstellbar…

Erst, nachdem ich mich ausführlich über ihn informierte, wurde mir klar: Der extrovertierte Mann hat eine Abneigung gegen sämtliche Technologie. Der Gesamtkünstler, der Gedichte, Essays und Romane schreibt, hat sich mit dem Gebiet der Fotografie noch nie beschäftigt. Er verwendet auch keine modernen, technischen Geräte – außer einem Radio – weil diese seiner Meinung nach die zwischenmenschliche Beziehung zerstören würden. Außerdem möchte er nicht ständig auf der Suche nach Anerkennung oder der Anhäufung von Reichtümern sein. Um sich aber an sein Werk „La balance déséquilibrée (Out of balance)“, dt. „Die unausgeglichene Waage (Aus dem Gleichgewicht)“, annähern zu können, sollte man sich zunächst mit dem Menschen Issa Samb beschäftigen. Welche Weltauffassung hat er? Was hat ihn geprägt?

Samb, der Kritiker

Issa Samb studierte in den 60iger Jahren in Dakar, der Hauptstadt Senegals, Kunst und Philosophie. 1974 gründete er mit verschiedenen Künstlern das Laboratoire Agit-Art. Es handelte sich um eine Künstlergruppe, die sich mit zeitgenössischer afrikanischer Kunst beschäftigte. Sie stellte eine Gegenbewegung zu der Kulturpolitik des senegalischen Dichters und Präsidenten Léopold Sédar Senghor (1906-2001) dar, unter dem Kunst und Politik staatlich geleitet waren. Diese Schranken durchbrach die Künstlergruppe mit Installationen und Performances. Kunst sollte von nun an kreativ, sozial, ästhetisch und politisch sein. Sie riefen afrikanische Bürger zur aktiven Mitarbeit auf. Die meisten Mitglieder der Gruppe sind mittlerweile verstorben. Mit Issa Samb wird der Geist der Gruppe jedoch nach Kassel getragen. Wer zu ihm mehr erfahren möchte, dem ist „Das Begleitbuch“ sowie „Das Buch der Bücher“ sehr zu empfehlen.

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Menschlichkeit und Toleranz als höchste Tugenden

Alte Bücher, Kreuze, eine Feuerstelle, eine Skulptur, bunte Stoffe und Püppchen am Baum hängend – was bedeutet das? Samb, ein Vertreter des Humanismus, möchte mit seiner Installation für Toleranz appellieren. Er selbst bezeichnet die „kulturelle und religiöse Intoleranz“ als eine „Krankheit unserer Zeit“, die geheilt werden müsse. Dies versucht er u.a. durch das riesige, weiße Kreuz zu erreichen, das an einem Baum lehnt. Er teilt ihm die Aufgabe eines Vermittlers zu: Durch das eingewickelte Kreuz sollen wir Menschen unsere Menschlichkeit und Weisheit wieder finden. Auch sollen wir lernen, Menschen, die anders als wir selbst sind – sei es deren Religion oder Lebensauffassung – zu akzeptieren. Viele weitere Kreuze überbringen diese Botschaft. Schaffen wir es nicht, das Anderssein unserer Mitmenschen zu akzeptieren, so gäbe es Kriege.

An dieser Stelle wird Sambs Weltanschauung deutlich, der nach Disziplinen wie Gewaltfreiheit, Gewissensfreiheit und Toleranz lebt und dem Charaktereigenschaften wie Freundlichkeit, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft besonders wichtig sind. Es ist anzunehmen, dass Issa Samb mit der Feuerstelle, den alten Büchern und den Püppchen eine Verbindung zwischen der afrikanischen Tradition und den Menschen im 21. Jahrhundert schaffen möchte.

(lb)

Kunst als Therapie

Sind Sie gestresst, einsam oder unzufrieden? Möchten Sie Kunst einmal ganz anders erleben? Dann kann Ihnen Pedro Reyes mit seinem SANATORIUM vielleicht Abhilfe schaffen.

© Constanze Wölm

Das SANATORIUM, welches in der Karlsaue zu finden ist, ist ein Projekt des mexikanischen Künstlers Pedro Reyes. Es handelt sich hierbei um eine provisorische Klinik, in der verschiedene Arten von Therapiesitzungen angeboten werden. Jede(r) BesucherIn der dOCUMENTA (13) kann sich hier als PatientIn in die Klinik einweisen lassen und bekommt nach einem kurzen Gespräch mit dem Therapeuten eine von acht verschiedenen Behandlungen verschrieben. Diese Einzel-, Paar- oder Gruppensitzungen, von Reyes entwickelt, werden von Kunststudierenden durchgeführt. Sinn dieser Therapien soll sein, die Leiden der modernen Stadt-Menschen, wie Stress, Einsamkeit, Unzufriedenheit oder Ängste, zu behandeln. Der/Die PatientIn spielt bei diesen Therapien eine wichtige Rolle, denn hier wird mit seiner persönlichen Geschichte gearbeitet. Ziel soll sein, dass der/die PatientIn selbst Korrekturen an seiner Denkweise vornimmt.

© Constanze Wölm

Doch was hat dieses doch sehr psychologische Projekt mit Kunst zu tun?

Pedro Reyes möchte mit seinem SANATORIUM zeigen, das Psychologie und Kunst eng zusammenhängen, denn einige Kunstströmungen wie  z.B. Happening, Dadaismus oder Fluxus haben, nach Reyes, viel mit den Vorgehensweisen von Therapeuten und Psychologen gemeinsam. Das möchte er mit diesem Projekt verdeutlichen.

Im SANATORIUM gibt es Therapien bei denen die Kompatibilität von Paaren getestet wird und eine, die einen von dem Verlangen nach Gewalttaten befreien soll. Es gibt eine Therapie, die einem helfen soll eine persönliche Entscheidung zu treffen, eine, um seine Dankbarkeit auszudrücken und noch einige mehr.

Bei der Therapie mit dem Namen ‚Vaccine against Violence’ muss man auf einen Ballon, auf dem das Gesicht eines Menschen aufgemalt ist, der einen im Leben am meisten verletzt hat, einschlagen und ihn anschreien. Mit dieser symbolischen Handlung soll man das Verlangen verlieren einer verhassten Person wirklich Gewalt anzutun.

Ziel der Therapie ‚Compatibility  Test for Couples’ soll es sein herauszufinden, wie gut man mit einer anderen Person zusammenpasst. Hierbei muss man eine Frucht wählen mit der man sich identifiziert und eine, die man mit dem/der PartnerIn identifiziert. Aus diesen zwei Früchten wird ein Saft hergestellt. Je besser der Saft schmeckt umso besser passt das Paar zusammen.

© Constanze Wölm

Bei ‚Cityleakes’ schreibt man ein Geheimnis auf einen Zettel und steckt ihn in eine Flasche. Danach kann man sich eine andere Flasche nehmen, in der ein Geheimnis von jemand anderem steckt. Diese besondere Art ein Geheimnis zu teilen, kann man als eine Art Beichte sehen. Durch diese Therapie soll man sich Anderen näher fühlen.

Auch ich habe mich in diese utopische Klinik einweisen lassen und an einer Therapie teilgenommen. Zuerst musste ich jedoch eine Erklärung unterschreiben, in der ich versichern musste, dass mir bewusst ist, dass dies ein Kunstprojekt und keine Psychotherapie ist und dass ich freiwillig daran teilnehme.

Ich habe mich für die Goodoo-Therapie entschieden, bei der man sich, wie beim Voodoo, mit einer Stoffpuppe beschäftigt und diese mit einem bestimmten Menschen in Verbindung bringt. Aber, anders als beim Voodoo, sollen der Person, welche die Puppe darstellt, keine Schmerzen zugefügt werden, sondern man soll die Puppe mit einer Person identifizieren, die einem sehr viel bedeutet und der man etwas Gutes tun möchte. Der Voodoo-Brauch jemanden zu verhexen oder verfluchen wurde in der Goodoo-Therapie also zum Positiven umgewandelt.

Ich ging nun mit der „Therapeutin“ in den Goodoo-Therapieraum und wir setzten uns gegenüber an einen Tisch. In der Mitte des Tisches lag eine graue Stoffpuppe. Nun sollte ich an eine mir nahestehende Person denken, mir vorstellen, dass die Puppe diese Person sei und mir daraufhin fünf Gegenstände aus einigen Kästchen aussuchen, die ich mit dieser Person verbinde. Diese habe ich dann auf verschiedene Körperteile der Puppe gelegt und sollte der Therapeutin erklären, wieso ich diese Gegenstände ausgewählt und auf diese Stellen der Puppe gelegt habe. Die Gegenstände sollten symbolisieren, was diese Person für mich ausmacht und was ich ihr damit wünschen möchte. Als ich die Puppe nun mit allem belegt hatte, sollte ich zwei Finger auf jeden Gegenstand legen, die Augen schließen und mir vorstellen, was der jeweilige Gegenstand bedeuten soll und was ich der Person damit wünschen möchte. Somit sollte ich meine Wünsche aktivieren, damit sie auf die wirkliche Person einen positiven Einfluss ausüben können.

© Constanze Wölm

Das war eine eigenartige Situation, wie ich zugeben muss. Man erzählt einer fremden Person Dinge, die man sonst eher für sich behält. Außerdem denkt man, so war zumindest meine Erfahrung in dieser Situation, anders und intensiver über diese Person nach, die die Goodoo-Puppe darstellt. Durch das intensive Nachdenken über diese Person, lernt man sie, wie ich finde, noch mehr zu schätzen und denkt darüber nach, was man alles für sie machen könnte, was man vielleicht noch nicht getan hat und nun tun möchte.

Ein Besuch im SANATORIUM und eine kurze Therapie lohnen sich, meiner Meinung nach, auf jeden Fall. Ich kann nur empfehlen sich einmal einweisen zu lassen und sich einer dieser Therapien zu unterziehen. Auch wenn man durch diese Erfahrung nicht unbedingt ein neuer Mensch wird und wesentliche Erkenntnisse für das eigene Leben erlangt, so ist eine Therapie im SANATORIUM doch sehr interessant und man bekommt neue Eindrücke und sieht die Dinge vielleicht einmal aus einem anderen und neuen Blickwinkel. Dieses performative Projekt ist Kunst zum Anfassen und Mitmachen, man ist nicht nur Zuschauer, sondern ein aktives Mitglied des Kunstwerks.

(cw)

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Vom Unsichtbaren zum Sichtbaren

Nicht nur visuell, sondern auch kulinarisch hat die Documenta Einiges zu bieten. Und das nicht nur an den Bars und Ständen rund um den Friedrichsplatz. Ein Projekt von  Robin Kahn und Peter Lamborn Wilson für die Documenta verbindet Kunst mit Cuisine.

Mein erster Spaziergang durch die Karlsaue führte mich unter Anderem an einem orientalischen Zelt und einem Campingwagen vorbei, von dem mir ein appetitlicher Duft entgegen wehte.

©50bananas

Es handelte sich hierbei um The Art of Sahrawi Cooking von Robin Kahn & La Cooperativa Unidad Nacional Mujeres Saharauis (The National Union of Women from Western Sahara). Hintergrund dieses Aufbaus ist das Aufmerksammachen auf das Schicksal der Bewohner der Westsahara, insbesondere der Frauen, die durch die Annektierung ihres eigenen Landes durch Marokko staatenlos geworden sind. Seitdem verschwindet das gesamte Volk der Westsahara nach und nach aus dem Bewusstsein der Menschen.

Besucher kosten den lecker duftenden Couscous

©50bananas

©50bananas

Die Idee für das Projekt  in der Karslaue entstand durch einen Traum des Dichters und Historikers Peter Lamborn Wilson, der neben dem Künstler Robin Kahn für das Wüstenzelt verantwortlich ist. Wilson sah in diesem Traum Frauen aus der Westsahara, die für die Besucher der Documenta Couscous zubereiten. Aus dem Traum wurde Wirklichkeit. Aus den Unsichtbaren wurden Sichtbare.

©50bananas

Von 12 bis 19 Uhr wird in regelmäßigen Abständen Couscous angeboten. Außerdem ist man auch gern gesehener Gast in dem mit Teppichen ausgelegten Zelt, wo man mit den überaus freundlichern Bewohnern Tee trinken kann.

documenta hautnah

wir waren hier und haben es documentiert
extra für euch fotografiert
es ist etwas passiert
einfach alles intendiert

Die Geschichte vom Maulwurf Buddel und dem „Do nothing garden“

Buddel war ein kleiner, zweijähriger Maulwurf, der mit seiner Familie in der Karlsaue lebte. Dort war es immer recht ruhig und es gab genug schöne Stellen, um Hügel zu stoßen. Wie schon seine Vorfahren, war er ein großer Meister seines Faches. Einst lernte ihm sein Vater, der Schaufel hieß, wie man schöne, nahezu perfekte Maulwurfshügel stößt. Sein Sohn lernte schnell und war weit und breit in Kassel der begabteste, junge Maulwurf. Keiner kam an seine Fähigkeiten heran. Nachdem Buddels Vater älter geworden war und sich zur Ruhe gesetzt hatte, war es nun seine Aufgabe, den guten Familiennamen standesgemäß weiterzuführen. Das tat er auch. Täglich kreierte er mit seinen Grabekrallen neue wohlgeformte Hügel – mal größere, mal kleinere. Jedoch hatte er immer die Worte seines Vaters im Ohr, der ihm einmal sagte: „Mein lieber Buddel, gib dir jeden Tag Mühe und mach unserer Familie keine Schande!“ Dies hatte er seiner Familie nie bereitet.

Buddels Meisterwerke in der Karlsaue
© Livia Blum

„Ich bin der beste Hügeldesigner der Welt“, prahlte Buddel

Der kleine Maulwurf hatte immer ein gutes Gewissen und war mit seiner Arbeit stets zufrieden. Neidvolle Blicke musste er täglich einstecken, welche ihn nur noch stolzer werden ließen. Ihn ärgerte nur sehr, dass die Menschen seine Arbeit anscheinend nicht zu schätzen wussten. Einmal hörte er ein Mädchen sagen: „Schau doch mal, diese blöden Maulwürfe ruinieren den ganzen schönen Rasen in unserer Aue. Genau da, wo ich sonntags immer so gern liege und entspanne.“ Dann kam das rothaarige Mädchen, dessen Gesicht mit Sommersprossen übersät war, auf Buddels Hügel zu und trat diesen mit ihrem stämmigen Bein fest in den Boden. Buddel war traurig, aber dachte: „Sie hat keine Ahnung von dem, was gut ist. Sie weiß nicht, wie man die großen Grünflächen hier in der Aue verschönert.“

An einem Tag geriet sein Weltbild schlagartig ins Wanken. Sein größter Konkurrent Wühler rief ihm hämisch zu: „Buddel, du kannst gar nichts! Schau dir mal auf der großen Rasenfläche vor der Orangerie den großen Maulwurfshügel an, da kommen selbst deine Hügelchen nicht gegen an! Das ist ein Riesenhügel! Dieser Maulwurf kann Hügel designen!“ Buddel ignorierte ihn und tat so, als ob er ihn überhaupt nicht gehört hatte. Trotzdem interessierte ihn das natürlich sehr, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, dass auch nur ein Maulwurf auf der gesamten Welt schönere Hügel formte als er. Er selbst hatte schließlich erst vor ein paar Wochen den „Hügel-Wettbewerb 2012“ gewonnen.

„Wer soll denn einen perfekteren Hügel graben als ich?“, fragte sich Buddel

Von Neugierde gepackt, machte er sich schnell auf den Weg. Er grub sich mit seinen Grabekrallen hastig einen unterirdischen Gang in die Erde. Als er aus dem Erdreich emporkam und einen neuen Erdhaufen aufgeworfen hatte, traf ihn fast der Schlag. Er betrachtete das monumentale Gebilde zunächst aus der Ferne. Trotzdem wusste er nicht, wo er zuerst hinsehen sollte. „Das ist ja ein riesiger Maulwurfshügel, der ist einige Meter hoch. Wie geht denn das? Wer hat ihn bloß gegraben?“, fragte er sich.

„Do nothing garden“ von Song Dong
© Livia Blum

„Der Künstler Song Dong ist ein wahrer Künstler und nicht ich“, bemerkte der kleine
Maulwurf traurig

Ein paar Minuten später nahm er seinen ganzen Mut zusammen und pirschte sich näher an den Riesenhügel heran. Er sah, wie ein Mann den Erdhügel wässerte. Menschen standen vor dem großen Hügel und unterhielten sich angeregt. Buddel war so in Gedanken, dass er ihren Worten nicht folgen konnte.

Der „Do nothing garden“ aus der Nähe
© Livia Blum

„Das ist doch gemein. Meine Hügel werden, obwohl sie immer so gelungen sind, von den Menschen platt getreten. Und der Berg hier wird gewässert und ist sogar eingezäunt, um ihn zu schützen. Auf meinem wunderschönen Maulwurfshügel konnte nie ein Blümchen wachsen. Immer kamen Männer und haben meine Hügelchen mit der Schippe platt gehauen. Ach, der Hügel hier ist viel perfekter als meiner. Er hat eine stattliche Größe. Ich könnte gerade weinen. Ich kann wirklich nichts, gar nichts“, gestand sich Buddel traurig ein. Und er begann sich für sein Nicht-Können zu schämen. Erst jetzt bemerkte er, dass der Hügel eigentlich aus drei verschiedenen Erhöhungen bestand, was ihn nur noch mehr deprimierte. „Hier war wirklich ein Meister am Werk“, dachte Buddel.

Er wollte gerade beschämt und traurig seinen Heimweg antreten, als er einer älteren Dame mit schriller Stimme lauschte. „Dieser Hügel soll wohl auch zur dOCUMENTA (13) gehören, was? Das soll ein weiteres Kunstwerk sein, richtig?“, fragte sie ihren ergrauten Begleiter. Der edel angezogene, alte Herr antwortete: „Ja, meine Liebe, ich habe vor ein paar Tagen in der Zeitung gelesen, dass dieser monumentale Hügel `Do nothing garden´ heißen soll. Ein chinesischer Künstler mit dem Namen Song Dong soll ihn geschaffen haben.“ „Aha, so ist das also! Den Hügel hat ein Mensch geschaffen und kein Maulwurf“, freute sich Buddel. Er war zwar erleichtert, aber dennoch frustriert, dass jemand einen schöneren Hügel gebaut hatte als er. Ihn interessierte es aber wahnsinnig, wie der Künstler das gemacht hatte.

Der alte Mann erklärte das Kunstwerk `Do nothing garden´

Ohne es wohl zu wissen, beantwortete der Mann Buddels Fragen. „Man hat über Wochen hinweg verschiedene Materialien wie Kies, Holz und natürlich Erde aufgeschichtet, sodass der Berg höher und höher wurde. Schau mal, da drüben wachsen schon Blumen. Der Hügel wurde ja auch bepflanzt. In ein paar Wochen werden hier die ganzen Pflanzen wuchern. Ich finde das Ergebnis aber jetzt schon beachtlich.“ Die alte Frau verzog ihr Gesicht, als ob sie nicht seiner Meinung war. Der kleine Maulwurf lauschte noch immer dem Gespräch und scharrte nervös mit seinen Grabekrallen in der aufgelockerten Erde. Er war gespannt, was sie entgegnen würde. „Ich kann mich dafür nicht so begeistern wie du, Friedrich. Da bin ich ganz ehrlich. Also wenn ich in meinen Garten schaue, sieht das da so ähnlich aus. Dort habe ich überall Maulwurfshügel, über die ich mich jeden Tag ärgere. Und Unkraut habe ich da auch genug. Ist das dann auch Kunst, ist das auch ein Kunstwerk?“ Ein wenig zögernd erwiderte der Alte, dass sie keine Ahnung von zeitgenössischer Kunst habe. „Ich als Kunstkenner kann das schließlich besser beurteilen als du. Elfriede, du bist ein richtiger Kulturbanause, du hast ja keine Ahnung“, fauchte er.

Kunst ist das, was jedem Einzelnen gefällt

Buddel musste verschmitzt lachen. Da sah er, dass die ältere Dame mit dem hellblauen Anorak energisch mit den Mundwinkeln zuckte. „Sie will was sagen, sie will was sagen“, rief er euphorisch. „Sie hat Ahnung von dem, was schön ist“, jubelte der Maulwurf.

Tierische Kunst
© Livia Blum

„Sei doch nicht so böse, Friedrich. Jeder hat doch seine eigene Meinung, oder nicht? Ich schaue mir lieber im Museum ein Bild an, beispielsweise von meinem Lieblingsmaler Caspar David Friedrich. Ach, wenn ich mir seinen „Wanderer über dem Nebelmeer“ ansehe, komme ich doch immer wieder ins Staunen“. „Elfriede…“, stammelte der Mann. „Ach Friedrich, sei ruhig. Du musst lernen, aufgeschlossener gegenüber anderen Menschen zu werden. Du kannst nicht jedem deine Meinung über Kunst aufzwingen. Kunst nimmt jeder anders wahr. Die einen mögen das, die anderen das. Es ist doch egal, was einem gefällt, wichtig ist, dass den Menschen überhaupt etwas gefällt und sie darin einen Sinn erkennen können. Für mich ist der Hügel nur ein Berg aus Erde, Kies, Holz mit Unkraut darauf. Und ich sage dir ganz ehrlich: Jeder Maulwurf kann das mindestens genauso gut! Und der braucht dafür noch nicht mal Hilfe“ Schau hinter dich, Friedrich, da ist ein wunderschön gegrabener Maulwurfshaufen. Also sozusagen eine Miniatur-Ausgabe von deinem bewunderten`Do nothing garden´. Ist das auch Kunst? Diese kleinen Tiere sollte man nicht immer verfluchen und ihre Werke nicht mehr zerstören!“, beschwörte die alte Dame. „Richtig“, rief Buddel, „endlich mal jemand, der wahre Kunst erkennt. Ich sage es doch: Ich bin sowieso der Allerbeste!“

(lb)

Presse-Preview gut besucht

Am 09.06.2012 tummelten sich Journalisten aus aller Welt auf der dOCUMENTA (13) – dOCUMENTIERT. war live dabei

In ganz Kassel vergnügten sich gestern viele kunstbegeisterte Menschen verschiedener Nationalitäten. Journalisten und Besucher zückten eifrig ihren Notizblock und versuchten ebenfalls die schönsten Momente mit der Kamera einzufangen. Die Informationsstände galten als begehrte Anlaufstellen, um sich einen Tag vor der offiziellen Eröffnung der dOCUMENTA (13) auf die Weltkunstausstellung vorzubereiten und vielleicht auch mit dem einen oder anderen Besucher in Kommunikation zu treten. Menschen saßen in dem extra für die dOCUMENTA (13) errichteten Restaurant vor dem Fridericianum, lagen in der Karlsaue auf der Wiese, direkt vor dem „Do nothing garden“, oder hetzten neugierig mit Lageplänen der Kunstwerke durch die Stadt Kassel. Ein Hauch von Begeisterung, Euphorie und Vorfreude auf die baldige offizielle Eröffnung lagen in der Luft.

dOCUMENTA (13)-Besucher nehmen sich Zeit für eine kleine Pause vor dem Fridericianum
© Livia Blum

Am Freitag waren jedoch lediglich die Kunstausstellungen im Freien für die angereisten Besucher frei zugänglich. Die geschlossenen Räume, wie beispielsweise das Fridericianum, waren zunächst nur für die Presse geöffnet, was die Stimmung in der dOCUMENTA-Stadt Kassel jedoch nicht beeinträchtigte. Im Gegenteil, es wurde gestaunt und diskutiert. Der gestrige Rundgang durch u.a. das Fridericianum, einen Tag vor der offiziellen Eröffnung der dOCUMENTA (13), war für die zahlreich erschienenen Journalisten sicherlich ein Erlebnis. Trepp auf, Trepp ab gab es in der verwinkelten Kunsthalle eine Menge unterschiedlicher Kunstwerke zu betrachten. Viele Eindrücke und Thematiken, wie z.B. Krieg, physikalische Darstellungen und Politik mussten zunächst einmal verarbeitet werden.

(lb)

Neues Kunstwerk aufgetaucht!

Geist

© Christina Dilk

Ein Geist ist heute in der Kasseler Karlsaue gelandet! Die weiße, mehrere Meter hohe Skulptur haben die Künstler Apichatpong Weerasethakul und Chai Siri aus Thailand entworfen. «Der Geist folgte uns von Thailand nach Kassel. Wir erinnern damit an die Opfer der politischen Gewalt in Thailand», sagte Weerasethakul.