Fiktion oder Wirklichkeit?

Unsere Sinne arbeiten, wenn alle funktionstüchtig sind, brillant zusammen. Wie man einzelne Sinneseindrücke jedoch beeinflussen kann, wird eindrucksvoll in der Karlsaue vorgeführt.

„For a thousand years (2012)“ ist eine Klanginstallation von Janet Cardiff und George Bures Miller in einem kleinen Waldstück in der Nähe vom Aueteich, inmitten der Karlsaue. Mithilfe von 30 Lautsprechern wird die Umgebung des Waldes beschallt. Es wurden extra einzelne Baumstümpfe aufgestellt, als Möglichkeit sich hinzusetzen, um entspannt den Klängen lauschen zu können. Lässt man sich dann voll und ganz auf die Eindrücke ein und schließt womöglich die Augen, ist es zeitweilig schwer, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden.

Es wirkt als sei man mitten im Geschehen

Alles beginnt mit einer leichten Brise, die durch die Blätter der Baumkronen zu wehen scheint. Rasch entwickelt sich der Lufthauch jedoch dramatisch zu einem Sturm. Die Sinne spielen verrückt, denn die Geräusche, die man hört, passen nicht zur optischen Umgebung (insofern es nicht in Wirklichkeit gerade stürmisch ist).
Die Klänge umgeben mich und es entsteht eine Atmosphäre, die einen in die hörbare Situation hineinzieht, so als wäre man mitten in der Szenerie. Ich beginne jeden Klang zu lokalisieren, um mir ein Bild dazu machen zu können.
Die Gefühlslage scheint sich, mit jedem neuen Element der Klanginstallation, anzupassen. Man bekommt ein regelrecht beklemmendes Gefühl als auf einmal lautes Geschrei, Schüsse, Flugzeugmotoren und fallende, explodierende Bomben und das Rattern eines Maschinengewehrs erklingen. Ich weiß, dass es nicht da ist und doch scheint es real.
Ein fallender Baum, Geräusche einer Mutter und die ihres Kindes, ein kurzer, entfernter Schrei beschließt den Höhepunkt der Installation. Ein Sängerchor kommt näher und verschwindet schnell darauf wieder und urplötzlich ist es still, die Idylle ist wieder hergestellt und wird lediglich durch die wieder einkehrende, leichte Brise und den Tiergeräuschen des Waldes erhellt.

Meister der Klangkunst

Janet Cardiff und George Bures Miller haben meiner Meinung nach eine der interessantesten und eindrucksvollsten Ausstellungsstücke der dOCUMENTA 13 zur Verfügung gestellt und zeigt recht deutlich die Schwierigkeit fiktionale von realen Eindrücken zu unterscheiden, wenn man einzelne Sinne, wie zum Beispiel das Hören, stärker beansprucht.
Ein weiteres sehr gelungenes Kunstwerk von Janet Cardiff und George Bures Miller ist der Video-Walk im Kulturbahnhof. Dieses Projekt ist ein weiteres Indiz dafür, dass diese beiden Künstler ein außergewöhnliches Talent besitzen, Illusion und Wirklichkeit zu vermischen. Sehen Sie es sich an, oder besser: Hören Sie gut zu! Es lohnt sich.

Youtube – Video: © Janet Cardiff und George Bures Miller

Ausschnitt in der Soundcloud: © Jens Nerkamp

„Die Gedanken sind frei – wer kann sie erraten?“

Wer schon einmal in der Neuen Galerie vorbeigeschaut hat, dem ist sicherlich auch der große Raum mit den schwarzen Sofas und den verschiedenen Liedtexten an den Wänden aufgefallen.

Dieser Raum beinhaltet eine Klanginstallation von Susan Hiller und trägt den Titel eines bekannten deutschen Liedes, welches gegen politische Unterdrückung und für die Gedankenfreiheit steht: „Die Gedanken sind frei“.

Susan Hiller, die in den USA 1940 geboren wurde und 30 Jahre später ihre Karriere in der Kunst in London begann, nutzte 100 volkstümliche Lieder und möchte das „gesellschaftshistorische Bewusstsein“ bei den Besuchern ihrer Installation wecken. Hiller selbst sagt, dass „die Lieder evokativ für die oft unausgedrückten Ansichten und Erfahrungen vieler Menschen, vom Bauernkrieg bis zu den jüngsten Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen […]“ stehen.

Das Publikum kann sich die Lieder anhören und/ oder einfach nur im Raum stehen und die vielen Liedtexte an den Wänden bewundern und auf sich wirken lassen. Susan Hiller möchte vor allem die verschiedenen Reaktionen der Menschen beobachten, die ihre Installation hervorruft und „all die Positionen, die sie anbietet, erleben.“

Jede/r die/ der während der dOCUMENTA (13) in der Neuen Galerie ist, sollte die Arbeit dieser Künstlerin ansehen beziehungsweise anhören, denn die beeindruckende Sammlung der Lieder und die Atmosphäre im Raum lädt dazu ein, in sich zu gehen und sich Gedanken über die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft zu machen. Zudem ist jede/r BesucherIn Teil einer Relationskette, die dadurch entsteht, dass immer andere Lieder in beliebiger Reihenfolge gewählt werden können: „Jedes Lied, das jemand auswählt, um es selbst zu hören und andere es hören zu lassen, hat das Potenzial, unerwartete Echos wachzurufen.“

Als Quelle diente: Das Begleitbuch/ The Guidebook, S. 152

Text: Katharina Scholz
Fotos: Constanze Wölm