Die Besucherzahlen der Documenta – 1955 bis heute

Documenta 13 schließt mit Besucherrekord

(mb)
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EU-Kommissionspräsident Barroso besucht die Documenta

Am letzen Documenta-Wochenende gab es noch einmal hohen Besuch bei der Kunstausstellung in Kassel: EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso stattet heute der weltweit größten Ausstellung für zeitgenössische Kunst einen Besuch ab.

Der Besuch Barrosos begann heute morgen bei einem Empfang der Stadt Kassel im Brüder-Grimm-Museum. Dort erzählte Barroso unter Anderem, dass er bereits die letzte Documenta vor fünf Jahren besucht habe. „Ich bin beeindruckt und mag dieses Konzept“. Aufgrund der Euro-Krise habe er es allerdings nicht früher geschafft, sich die Ausstellung anzusehen.

EU-Kommissionspräsident Barroso besucht die documenta

Kritische Stimmen

Bisher gab es eher weniger negative Kritik in den Medien über die diesjährige dOCUMENTA. Ganz zum Verblüffen von Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev. Sie habe sich vorab auf hitzige Diskussionen eingestellt, die bislang noch nicht eingetroffen sind. Jetzt haben sich zwei Frankfurterinnen über ein Ausstellungswerk des guatemaltekischen Künstlers Aníbal López beschwert, wie die Frankfurter Rundschau berichtet. Das Video, das in der Neuen Galerie zu finden ist, zeigt ein Interview des Künstlers mit einem Auftragsmörder. López lud den sogenannten sicario nach Kassel ein, um mit ihm über Politik und Bewaffnung in Zentralamerika zu sprechen. Seine Absicht liegt darin, die Menschen über die politische Problematik in Guatemala aufzuklären, indem man in die Psyche des Mörders schaut und somit seine Denkweise verinnerlicht.

Der Künstler nutzt die weltweit öffentliche Plattform der dOCUMENTA, um auf den Guerillakrieg hinzuweisen. Die bewaffnete Bewegung besteht aus einem kriminellen Kartell, das Kontakte zu Politikern, Drogenhändlern und anderen Verbrechern pflegt. Diese Miliz findet immer größeren Zuwachs aus Repressionsgründen.

López bietet den dOCUMENTA Besuchern die Möglichkeit, hinter die Fassade zu schauen und das Problem aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Losgelöst von unserem politischem Verständnis von Recht und Unrecht. Sicherlich appellieren die zwei Frankfurterinnen an die Moral, die bei solch einem Konflikt zwischen Bürger und Diktatur verloren scheint. Andererseits spielen andere Faktoren in dieser Kultur eine große Rolle. Angst vor dem Gesetz und der Überlebenskampf auf den Straßen sind nicht unbekannte Phänomene, die durch Ausweglosigkeit hervorgerufen werden.

Durch López‘ provokative Kunst trifft in Kassel eine Welt auf unsere, die unser Verständnis von Moral und Recht in einen neuen Bezug bringt und somit die Relationen versetzt. Die Beschwerde der beiden Frauen ist der erste Schritt in Richtung Aufklärung der gesellschaftlichen Probleme im 21. Jahrhundert.

Weitere interessante Informationen zu diesem Thema sind in dem Artikel „Videofilm mit einem Mörder“ von Katharina Scholz zu finden!

(Quelle: Begleitbuch dOCUMENTA (13))

Christina Hooge

Auf der Laderampe hinterm Bahnhof – Eine Nacht in den Documenta-Locations Base 13 und Batterie

Weit abgeschlagen von der üblichen und übersichtlichen Clubszene Kassels öffnet seit Beginn der Documenta 13 allabendlich ein neuer bunter Partyzirkus seine Pforten, Base 13 und Batterie genannt. Schon der Weg dorthin vermittelt einen ersten Eindruck von der vorherrschenden Stimmung: Wenig beleuchtet, über Pflastersteine, hinter dem Hauptbahnhof entlang, die Güter- und Rampenstraße, die erst in diesem Jahr nach Joseph Beuys benannt wurde. Schon aus der Ferne hört man das “Wummern” von Bässen.

Im ehemaligen Zollamt befindet sich der Club mit dem nüchternen Namen „Batterie“. Er ist innen weiß gefliest, mit ebenfalls gefliesten Podesten links und rechts. Auf dem linken Podest tanzen einige glatzköpfige Männer, mit engen Muskelshirts -sehr expressiv- zu lauter Technomusik. Es ist heiß, die Luftfeuchtigkeit ist hoch und es riecht nach Schweiß und Alkohol. Auf dem rechten Podest tanzt eine Asiatin mit Brille, die wild ihre Arme in der Luft wirft und umher schwingt, neben ihr ein hagerer Mann mit schulterlangen, gewellten Haaren und Paillettenhemd. Das DJ-Pult befindet sich “vor Kopf”, ebenfalls auf einem Podest, auf das man nur über eine Treppe kommt. Der DJ im dunkelgrünen Hawaiihemd und lockigen, ins Gesicht hängenden Haaren, konzentriert sich abwechselnd auf seine Plattenteller und seine exzentrischen Tanzbewegungen. An der Decke hängen bunte Luftballons und Girlanden. Schon in den ersten Minuten regnen auf neue Besucher viele Sinneseindrücke ein.

Wer es nicht mehr aushält, schweißgebadet zwischen ebenfalls schwitzenden Menschen zu stehen, begibt sich zurück in den karg eingerichteten Vorraum des kleinen Clubs und versucht durch eine Durchreiche Kontakt zum Thekenpersonal aufzunehmen. Dies scheint jedoch leicht überfordert oder unterhält sich ausgiebig mit den Gästen, während andere in der Schlage warten. Die Auswahl der Getränke ist klein, für Documenta-Verhältnisse jedoch günstig. Schnaps gibt es in kleinen Plastikbechern, Wodka oder Tequila für 2 Euro.

Vor dem Club sitzen größtenteils junge Leute, wahrscheinlich Studenten und Künstler oder Kunstinteressierte, durchaus internationales Publikum, man könnte sie alle als Hipster bezeichnen.

Ein paar Schritte weiter Richtung Ende der Straße, erblickt man vor sich einen riesigen Schrotthaufen, ein Kunstwerk der Documenta von Lara Favaretto. Direkt daneben befindet sich die Base (13), eine überdachte Freiluftbar, die während der Zeit der Documenta am Ende einer alten Lagerhalle auf einer langen Rampe eröffnet wurde. Dort kann man sich entweder auf altem Schulmobiliar und Liegestühlen niederlassen oder auf sich auf der Tanzfläche, die einem unendlich lang erscheint, zu elektronischer Musik bewegen. Die Stimmung ist betont locker, das Publikum genauso, wie das bei der Batterie. Vermutlich bewegen sich die Gäste einfach den ganzen Abend und die ganze Nacht zwischen diesen zwei Orten hin und her, bis zum Sonnenaufgang und darüber hinaus.

Schon nach einer Nacht zwischen Batterie und Base fühlt man sich wie in einer anderen Stadt, “Berlin Calling” statt Kassel. Dazu ist das Publikum an diesem Ort viel zu bunt und gelassen. Man merkt, dass Kassel Potential hat, mit der Partyszene von Großstädten mitzuhalten, selbst wenn es nur für 100 Tage ist, der Laufdauer der Documenta 13.

Die Liebe zum Leben

Leben? oder Theater

© Jens Nerkamp

Menschen haben Lebenskrisen. Manche kleinere, andere bedrohliche. Allzu oft resultiert daraus ein Suizid oder eine andere Tat, die nur passiert, weil das Opfer keinen anderen Ausweg sieht und sich dadurch in die Täterrolle begibt.

Charlotte Salomon, die 1939 nach Südfrankreich zu ihren Großeltern emigrierte, erfuhr erst als ihre Großmutter einen Selbstmord versuchte, dass es das Schicksal der Frauen ihrer Familie zu sein schien, sich von dieser Welt durch die eigene Hand zu verabschieden. Ihre Tante tötete sich selbst und auch ihre eigene Mutter wählte den Freitod.

Malen als Eigentherapie

Charlotte Salomon wollte das nicht. Sie wollte die Geschichte der Frauen ihrer Familie nicht fortführen. Sie suchte sich einen Weg, den Wahnsinn zu verarbeiten, der ihr ganzes Leben bestimmte.  Dazu begann sie in der Zeit um 1941/42 zu malen. Sie schuf 1325 Gouachen und verwendete dazu einzig Primärfarben. Aus dieser großen Sammlung wählte sie 769 Stücke aus und fügte sie zu einem Werk zusammen, das ihr eigenes Leben widerspiegelt. Charlotte ergänzte ihr Werk durch Texte und unterlegte es mit Musik. Das Werk ihres Lebens bekam den Namen „Leben? oder Theater? – Ein Singspiel.”

Vom Leben gezeichnet

Es ist in Vorspiel, Hauptteil und Epilog aufgeteilt. Mit dem Selbstmord ihrer Tante Charlotte wird die Handlung eingeleitet. Die Aspekte des Hauptteils beschäftigen sich vorwiegend mit den traumatischen Erlebnissen, den Ansichten des Gesangslehrers ihrer Stiefmutter und der künstlerischen Entfaltung unter dem Regime der Nationalsozialisten. Je weiter die Handlung führt, desto mehr fällt einem die Veränderung des Stils auf. Er wird roher. Die Bilder sind nicht mehr klar, werden sogar schrittweise abstrakter. Damit erreicht die Geschichte ihren dritten Teil. Dieser beschreibt die letzten Jahre in Charlotte Salomons Leben, bevor sie nach Auschwitz deportiert wird.
Dieser Teil ist aus dem Leben jüdischer Frauen, die den Aufstieg des Faschismus, Zwangsemigration und sexuellen Missbrauch erleben müssen. Und vor allem handelt der dritte Teil von der Frage, die sich viele Menschen zu dieser Zeit stellen müssen: „Leben oder sterben?“
Das Werk, in seiner umfangreichen Fassung, erweckt das Interesse vieler, da es politische Geschichte beschreibt, private Eindrücke verarbeitet und die Erlebnisse der Frauen aufgreift.

Moderne Kunst in der dunkelsten Zeit Deutschlands

Die dOCUMENTA (13) zeigt im Fridericianum eine Auswahl von Charlotte Salomons Lebenswerk  „Leben? oder Theater?”. Die einzelnen Gouachen und Textelemente sind aufeinander folgend in Vitrinen ausgestellt. Leider fehlt die Musik, die das ganze untermalen soll. Aber auch ohne Musik haben die Bilder eine gewisse Wirkung, wenn man sie betrachtet. Da es nur eine Auswahl des gesamten Werkes ist, merkt man gravierende Schnitte im Stil, die aber eine deutliche Wirkung erzielen: die Veränderung der Zeitgeschichte wird deutlich dargestellt.
Neben der politischen und privaten Geschichte die das Singspiel trägt ist „Leben? oder Theater?“ auch ein Zeugnis für die moderne Kunst um 1940, die eben wegen der schrecklichen Geschehnisse im dunklen Zeitalter der deutschen Historie oftmals in den Hintergrund gedrängt wird.

Charlotte Salomon hat es geschafft, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten und verhinderte dadurch, dass sie selbst zum Opfer ihrer Psyche wurde, die drohte sie zu überwältigen. Sie hatte den Mut, sich ihrer Geschichte zu stellen und hat ihr Vorhaben, etwas völlig „wildes und exzentrisches“ auf Papier zu verewigen, innerhalb kürzester Zeit verwirklicht.

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Am Ende musste sie dennoch sterben, wegen den Vernichtungsfantasien eines Wahnsinnigen und dessen Regimes. 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert und umgebracht. Mit ihr musste ein ungeborenes Kind sterben, denn Charlotte war im fünften Monat schwanger.
Lässt man das persönliche Ende von Charlotte Salomon außen vor, passt auch dieses Kunstwerk in die Leitthematik der dOCUMENTA (13), weil ihr Leben  durch die traumatischen Erlebnisse zu kippen drohte. Sie näherte sich ihrem eigenen psychischen Abgrund, der auch in einem Suizid resultieren konnte. Aber sie fing an ihre Gedanken und Erinnerungen zu sammeln, sie aufzumalen und gegen die Zerstörung ihres Lebens anzukämpfen und eine neue Lebensfreude aufzubauen.

Wochenend-Impressionen

Hauptbahnhof II

Für Lesefaule: Weitere Bilder, die während unserer dTOUR am 25. Juni entstanden sind. Viel Spaß damit!


(mb)

Vom Unsichtbaren zum Sichtbaren

Nicht nur visuell, sondern auch kulinarisch hat die Documenta Einiges zu bieten. Und das nicht nur an den Bars und Ständen rund um den Friedrichsplatz. Ein Projekt von  Robin Kahn und Peter Lamborn Wilson für die Documenta verbindet Kunst mit Cuisine.

Mein erster Spaziergang durch die Karlsaue führte mich unter Anderem an einem orientalischen Zelt und einem Campingwagen vorbei, von dem mir ein appetitlicher Duft entgegen wehte.

©50bananas

Es handelte sich hierbei um The Art of Sahrawi Cooking von Robin Kahn & La Cooperativa Unidad Nacional Mujeres Saharauis (The National Union of Women from Western Sahara). Hintergrund dieses Aufbaus ist das Aufmerksammachen auf das Schicksal der Bewohner der Westsahara, insbesondere der Frauen, die durch die Annektierung ihres eigenen Landes durch Marokko staatenlos geworden sind. Seitdem verschwindet das gesamte Volk der Westsahara nach und nach aus dem Bewusstsein der Menschen.

Besucher kosten den lecker duftenden Couscous

©50bananas

©50bananas

Die Idee für das Projekt  in der Karslaue entstand durch einen Traum des Dichters und Historikers Peter Lamborn Wilson, der neben dem Künstler Robin Kahn für das Wüstenzelt verantwortlich ist. Wilson sah in diesem Traum Frauen aus der Westsahara, die für die Besucher der Documenta Couscous zubereiten. Aus dem Traum wurde Wirklichkeit. Aus den Unsichtbaren wurden Sichtbare.

©50bananas

Von 12 bis 19 Uhr wird in regelmäßigen Abständen Couscous angeboten. Außerdem ist man auch gern gesehener Gast in dem mit Teppichen ausgelegten Zelt, wo man mit den überaus freundlichern Bewohnern Tee trinken kann.

Linksammlung vom 26. Juni

Ob Kassel oder Kabul – die Welt blickte auch heute wieder auf die d(OCUMENTA).
Wir machen für heute Pause und verabschieden uns mit frischem Lese-, Seh- und Hörstoff!

Die 360°-Tour von hr-online.de

Ingo Arend, taz.de: Radikale Befreiung am Hindukusch

DRS 2, Reflexe: Documenta 13: die Kunst als Ideendrehscheibe (Audio)

Ingeborg Wiensowski, Spiegel Online: Eben noch Altenpfleger, jetzt Künstler

Architektourist.de: Öko Skin Fassade für „Nachhaltige Ausstellung“ auf der dOCUMENTA (13)

Heinrich Schmidt, vernissage.tv: d13-Tour am Preview-Tag (Video)

Mariam Ghani: A Brief History of Collapses, by Amy Mackie (English)

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d(EATHSTAR) 13?

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Demnächst mehr Bilder und Text zu Adrián Villar Rojas und seinen „exzentrisch geformten Monumentalskulpturen“ auf den Weinbergterrassen. Für jene, die N°179 auf eigene Faust erkunden wollen und verzweifelt nach dem passenden Eintrag im Begleitbuch suchen: Seite 440 – (Danke, wohlinformierte Security-Frau!)

(mb)