Die Geschichte vom Maulwurf Buddel und dem „Do nothing garden“

Buddel war ein kleiner, zweijähriger Maulwurf, der mit seiner Familie in der Karlsaue lebte. Dort war es immer recht ruhig und es gab genug schöne Stellen, um Hügel zu stoßen. Wie schon seine Vorfahren, war er ein großer Meister seines Faches. Einst lernte ihm sein Vater, der Schaufel hieß, wie man schöne, nahezu perfekte Maulwurfshügel stößt. Sein Sohn lernte schnell und war weit und breit in Kassel der begabteste, junge Maulwurf. Keiner kam an seine Fähigkeiten heran. Nachdem Buddels Vater älter geworden war und sich zur Ruhe gesetzt hatte, war es nun seine Aufgabe, den guten Familiennamen standesgemäß weiterzuführen. Das tat er auch. Täglich kreierte er mit seinen Grabekrallen neue wohlgeformte Hügel – mal größere, mal kleinere. Jedoch hatte er immer die Worte seines Vaters im Ohr, der ihm einmal sagte: „Mein lieber Buddel, gib dir jeden Tag Mühe und mach unserer Familie keine Schande!“ Dies hatte er seiner Familie nie bereitet.

Buddels Meisterwerke in der Karlsaue
© Livia Blum

„Ich bin der beste Hügeldesigner der Welt“, prahlte Buddel

Der kleine Maulwurf hatte immer ein gutes Gewissen und war mit seiner Arbeit stets zufrieden. Neidvolle Blicke musste er täglich einstecken, welche ihn nur noch stolzer werden ließen. Ihn ärgerte nur sehr, dass die Menschen seine Arbeit anscheinend nicht zu schätzen wussten. Einmal hörte er ein Mädchen sagen: „Schau doch mal, diese blöden Maulwürfe ruinieren den ganzen schönen Rasen in unserer Aue. Genau da, wo ich sonntags immer so gern liege und entspanne.“ Dann kam das rothaarige Mädchen, dessen Gesicht mit Sommersprossen übersät war, auf Buddels Hügel zu und trat diesen mit ihrem stämmigen Bein fest in den Boden. Buddel war traurig, aber dachte: „Sie hat keine Ahnung von dem, was gut ist. Sie weiß nicht, wie man die großen Grünflächen hier in der Aue verschönert.“

An einem Tag geriet sein Weltbild schlagartig ins Wanken. Sein größter Konkurrent Wühler rief ihm hämisch zu: „Buddel, du kannst gar nichts! Schau dir mal auf der großen Rasenfläche vor der Orangerie den großen Maulwurfshügel an, da kommen selbst deine Hügelchen nicht gegen an! Das ist ein Riesenhügel! Dieser Maulwurf kann Hügel designen!“ Buddel ignorierte ihn und tat so, als ob er ihn überhaupt nicht gehört hatte. Trotzdem interessierte ihn das natürlich sehr, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, dass auch nur ein Maulwurf auf der gesamten Welt schönere Hügel formte als er. Er selbst hatte schließlich erst vor ein paar Wochen den „Hügel-Wettbewerb 2012“ gewonnen.

„Wer soll denn einen perfekteren Hügel graben als ich?“, fragte sich Buddel

Von Neugierde gepackt, machte er sich schnell auf den Weg. Er grub sich mit seinen Grabekrallen hastig einen unterirdischen Gang in die Erde. Als er aus dem Erdreich emporkam und einen neuen Erdhaufen aufgeworfen hatte, traf ihn fast der Schlag. Er betrachtete das monumentale Gebilde zunächst aus der Ferne. Trotzdem wusste er nicht, wo er zuerst hinsehen sollte. „Das ist ja ein riesiger Maulwurfshügel, der ist einige Meter hoch. Wie geht denn das? Wer hat ihn bloß gegraben?“, fragte er sich.

„Do nothing garden“ von Song Dong
© Livia Blum

„Der Künstler Song Dong ist ein wahrer Künstler und nicht ich“, bemerkte der kleine
Maulwurf traurig

Ein paar Minuten später nahm er seinen ganzen Mut zusammen und pirschte sich näher an den Riesenhügel heran. Er sah, wie ein Mann den Erdhügel wässerte. Menschen standen vor dem großen Hügel und unterhielten sich angeregt. Buddel war so in Gedanken, dass er ihren Worten nicht folgen konnte.

Der „Do nothing garden“ aus der Nähe
© Livia Blum

„Das ist doch gemein. Meine Hügel werden, obwohl sie immer so gelungen sind, von den Menschen platt getreten. Und der Berg hier wird gewässert und ist sogar eingezäunt, um ihn zu schützen. Auf meinem wunderschönen Maulwurfshügel konnte nie ein Blümchen wachsen. Immer kamen Männer und haben meine Hügelchen mit der Schippe platt gehauen. Ach, der Hügel hier ist viel perfekter als meiner. Er hat eine stattliche Größe. Ich könnte gerade weinen. Ich kann wirklich nichts, gar nichts“, gestand sich Buddel traurig ein. Und er begann sich für sein Nicht-Können zu schämen. Erst jetzt bemerkte er, dass der Hügel eigentlich aus drei verschiedenen Erhöhungen bestand, was ihn nur noch mehr deprimierte. „Hier war wirklich ein Meister am Werk“, dachte Buddel.

Er wollte gerade beschämt und traurig seinen Heimweg antreten, als er einer älteren Dame mit schriller Stimme lauschte. „Dieser Hügel soll wohl auch zur dOCUMENTA (13) gehören, was? Das soll ein weiteres Kunstwerk sein, richtig?“, fragte sie ihren ergrauten Begleiter. Der edel angezogene, alte Herr antwortete: „Ja, meine Liebe, ich habe vor ein paar Tagen in der Zeitung gelesen, dass dieser monumentale Hügel `Do nothing garden´ heißen soll. Ein chinesischer Künstler mit dem Namen Song Dong soll ihn geschaffen haben.“ „Aha, so ist das also! Den Hügel hat ein Mensch geschaffen und kein Maulwurf“, freute sich Buddel. Er war zwar erleichtert, aber dennoch frustriert, dass jemand einen schöneren Hügel gebaut hatte als er. Ihn interessierte es aber wahnsinnig, wie der Künstler das gemacht hatte.

Der alte Mann erklärte das Kunstwerk `Do nothing garden´

Ohne es wohl zu wissen, beantwortete der Mann Buddels Fragen. „Man hat über Wochen hinweg verschiedene Materialien wie Kies, Holz und natürlich Erde aufgeschichtet, sodass der Berg höher und höher wurde. Schau mal, da drüben wachsen schon Blumen. Der Hügel wurde ja auch bepflanzt. In ein paar Wochen werden hier die ganzen Pflanzen wuchern. Ich finde das Ergebnis aber jetzt schon beachtlich.“ Die alte Frau verzog ihr Gesicht, als ob sie nicht seiner Meinung war. Der kleine Maulwurf lauschte noch immer dem Gespräch und scharrte nervös mit seinen Grabekrallen in der aufgelockerten Erde. Er war gespannt, was sie entgegnen würde. „Ich kann mich dafür nicht so begeistern wie du, Friedrich. Da bin ich ganz ehrlich. Also wenn ich in meinen Garten schaue, sieht das da so ähnlich aus. Dort habe ich überall Maulwurfshügel, über die ich mich jeden Tag ärgere. Und Unkraut habe ich da auch genug. Ist das dann auch Kunst, ist das auch ein Kunstwerk?“ Ein wenig zögernd erwiderte der Alte, dass sie keine Ahnung von zeitgenössischer Kunst habe. „Ich als Kunstkenner kann das schließlich besser beurteilen als du. Elfriede, du bist ein richtiger Kulturbanause, du hast ja keine Ahnung“, fauchte er.

Kunst ist das, was jedem Einzelnen gefällt

Buddel musste verschmitzt lachen. Da sah er, dass die ältere Dame mit dem hellblauen Anorak energisch mit den Mundwinkeln zuckte. „Sie will was sagen, sie will was sagen“, rief er euphorisch. „Sie hat Ahnung von dem, was schön ist“, jubelte der Maulwurf.

Tierische Kunst
© Livia Blum

„Sei doch nicht so böse, Friedrich. Jeder hat doch seine eigene Meinung, oder nicht? Ich schaue mir lieber im Museum ein Bild an, beispielsweise von meinem Lieblingsmaler Caspar David Friedrich. Ach, wenn ich mir seinen „Wanderer über dem Nebelmeer“ ansehe, komme ich doch immer wieder ins Staunen“. „Elfriede…“, stammelte der Mann. „Ach Friedrich, sei ruhig. Du musst lernen, aufgeschlossener gegenüber anderen Menschen zu werden. Du kannst nicht jedem deine Meinung über Kunst aufzwingen. Kunst nimmt jeder anders wahr. Die einen mögen das, die anderen das. Es ist doch egal, was einem gefällt, wichtig ist, dass den Menschen überhaupt etwas gefällt und sie darin einen Sinn erkennen können. Für mich ist der Hügel nur ein Berg aus Erde, Kies, Holz mit Unkraut darauf. Und ich sage dir ganz ehrlich: Jeder Maulwurf kann das mindestens genauso gut! Und der braucht dafür noch nicht mal Hilfe“ Schau hinter dich, Friedrich, da ist ein wunderschön gegrabener Maulwurfshaufen. Also sozusagen eine Miniatur-Ausgabe von deinem bewunderten`Do nothing garden´. Ist das auch Kunst? Diese kleinen Tiere sollte man nicht immer verfluchen und ihre Werke nicht mehr zerstören!“, beschwörte die alte Dame. „Richtig“, rief Buddel, „endlich mal jemand, der wahre Kunst erkennt. Ich sage es doch: Ich bin sowieso der Allerbeste!“

(lb)

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Nur Müll und Schrott? – Könnte das Kunst sein?

Kunst ist individuell. Kunst wird völlig verschieden wahrgenommen. Kunst muss nicht nur schön sein.

Einige Minuten verweilte ich an dem Schrotthaufen am Kasseler Bahnhof. Fasziniert beobachtete ich die Mitarbeiter, wie sie mit einem Bagger immer mehr Altmetall auf den inzwischen gigantischen Berg häuften, einige besonders schöne Stücke sogar gezielt drapierten. Man konnte kaum noch erkennen, zu welchem Zweck das Metall mal diente. Ich musste bei den meisten Massen an Metallstücken schon sehr genau hinschauen, um deren frühere Funktion erraten zu können. Aber vielleicht macht dies das Werk aus? Dass man es eben nicht eilig und sprunghaft auf seiner „dOCUMENTA-Liste“ abhaken kann, sondern es genau, gezielt und detailliert betrachten soll. Vielleicht soll man in das Werk eintauchen, um einen Sinn und eine Intention des Künstlers darin zu erkennen. Seitdem ich diesen monumentalen Berg jedoch bestaunt habe, ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich mir Gedanken über dessen Sinn mache: Ist es Gesellschaftskritik, Umweltkritik oder was möchte uns der Künstler damit sagen? Weiterhin überlege ich mir, ob er sein Kunstwerk überhaupt kommentieren wird? Oder überlässt er dies jedem einzelnen Besucher selbst? Ich bin auf die Eröffnung der dOCUMENTA (13) am 09. Juni 2012 jedenfalls schon jetzt sehr gespannt.

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Mir fiel sofort ein gewaltiges, pinkfarbenes Metallstück ins Auge, das wohl früher mal Teil eines Autos gewesen ist. Die Sonne prallte an diesem heißen Sommertag besonders aggressiv auf das Metall und der starke Wind verbreitete einen muffigen, fast undefinierbaren, aber sehr unangenehmen Geruch. In diesem Augenblick wirkte der Schrottplatz auf mich sehr erdrückend und düster, sodass ich froh darüber war, dass der Künstler einige bunte Akzente gesetzt hatte. So gut es ging, versuchte ich das Kunstwerk mit der Kamera einzufangen. Dann trat ich meinen Heimweg an, der mich zunächst durch die Stadt, dann die vielen Treppen hinunter zur Aue führte.

© Livia Blum

Alles nur Müll?

Als ich die Treppen zum Auepark hinunter ging, fiel mein Blick auf einen Mülleimer, dessen gesamter Inhalt entleert war. Klebrige Getränkebecher, Papiertüten mit Essensresten und sonstiger Abfall lagen auf dem Steinboden. Ameisen trugen ihre Beute davon und Bienen vergnügten sich in dem Müll. Eigentlich handelt es sich hierbei lediglich um einen übel riechenden Müllberg, werden wohl nun einige denken, oder? – Mich zunächst eingeschlossen. Aber irgendwie entfachte dieser schlichte Mülleimer mit stinkendem Inhalt bei mir die Idee, ob es sich nicht auch hierbei um Kunst handeln könnte.

© Livia Blum

Ist jeder Mensch ein Künstler und ist alles Kunst?

Ich musste in dieser Situation an den berühmten Aktionskünstler Joseph Beuys (1921- 1986) denken, der 1982 an der dOCUMENTA 7 in Kassel mitwirkte. Kennt man sich in seiner Werkbiografie ein wenig aus, so weiß man, dass er mit umstrittenen Materialien wie z.B. Fett arbeitete. Es ist also nicht verwunderlich, dass er mit seiner Kunst polarisierte und bei den Menschen Diskussionen entfachte, was anscheinend auch sein Ziel war. Auch der Künstler des Kasseler Schrotthaufens, der derzeit noch unbekannt ist, beabsichtigt wohl mit seinem Werk aufzufallen, vielleicht sogar zu provozieren. Er hat zumindest schon erreicht, dass viele Menschen dieses eigenwillige Werk aufsuchten, darüber diskutierten oder einfach nur den Sinn für diese Arbeit suchten. Für manche Kunstliebhaber ist es faszinierende, bedeutungsvolle Kunst, für andere Menschen wiederum stellt das Werk nur einen unnützen, hässlichen Schrottberg dar. Kann denn Schrott Kunst sein?

Ich zumindest sah eine Parallele in dem riesigen dOCUMENTA-Schrotthaufen am Bahnhof und in dem kleinen Müllberg, der aus dem kaputten Mülleimer hinausgefallen ist. Wenn man dies als Kunst ansehen mag, ist dann also jeder Mensch ein Künstler? Kann jeder Mensch künstlerisch aktiv sein? Nach Joseph Beuys, der das bekannte Zitat „Jeder Mensch ist ein Künstler“ prägte, ist das der Fall. Demnach kann also jeder Mensch etwas Kreatives schaffen. Bei dem Gedanken, dass selbst derjenige, der vielleicht gegen den Eimer getreten und damit Kunst fabriziert hat, muss ich schmunzeln. Er weiß vielleicht nicht, was er da für eine Debatte in mir selbst ausgelöst hat.

Kunst ist also individuell!

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als zwei ältere Damen empört und angeekelt vor dem Eimer stehen blieben. Sie schimpften. „Wer macht denn so was? Es gibt nur Rüpel hier in der Stadt!“, fauchte die eine Frau. Ihre Bekannte erwiderte, dass es eine Frechheit sei, dass die Stadt diesen Müll nicht gleich beseitigt habe. „Ekelhaft ist das, so ein Geruch an so einem schönen Sommertag!“, ärgerte sie sich. Ich lauschte gespannt ihren erzürnten Worten. Dann packte ich meine Kamera in die Tasche und ging schnell weg. Insgeheim musste ich lachen. Und mir wird bewusst: Jeder nimmt die Umgebung anders wahr und jeder Mensch hat ein individuelles Bild von dem, was er als schön, interessant oder abstoßend bezeichnet – und das trifft wohl vor allem auf das Verständnis von Kunst zu!

(lb)

Nachtrag:

Es handelt sich hierbei um das Projekt „Momentary Monument IV“ von der italienischen Künstlerin Lara Favaretto (* 1973).

Erste Eindrücke von der dOCUMENTA (13)

Beim Rundgang durch Kassel fällt auf: Geheimnisse, viele Fragen, kaum Antworten.

Die dOCUMENTA (13)-Künstler hüten ihre Kunstwerke wie teure Schätze, das haben wir in den letzten Wochen bereits gemerkt. Die meisten Kunstwerke sind unter weißen Kunststoffplanen verhüllt, sodass der neugierige Besucher nur Vermutungen über die darunter verborgenen Werke anstellen kann. Steht man vor der weißen Plane, möchte man doch zu gern einen raschen Blick über den Zaun wagen, weil die Neugierde nahezu unerträglich ist, oder? Aber man tut es natürlich nicht.

Assoziationen und viele Vermutungen….

Bild

© Livia Blum

Mich persönlich erinnern diese Verpackungen sehr an den bulgarischen Verhüllungskünstler Christo Wladimirow Jawaschew (* 1935), kurz Christo genannt. Einigen müsste dieser außergewöhnliche Künstler, der beispielsweise im Jahre 1995 mit weißem, feuerfestem Kunststoffgewebe den Reichstag komplett verpackte, bekannt sein. Man kann eigentlich sagen, dass er alles verhüllt hat, was es gab: 11 Inseln in Miami Beach, Fußwege in Kansas City, den „laufenden Zaun“ in Kalifornien und vieles mehr. Anders als bei der dOCUMENTA (13) waren für ihn die Verhüllungen selbst Kunst, die dOCUMENTA-Künstler schützen jedoch ihre Kunstwerke lediglich durch weiße Stoffbahnen vor den interessierten Besuchern. Auf dem unteren Foto sieht man auf dem Kasseler Theaterplatz ein verhülltes Objekt. Was sich wohl hinter der Stoffbahn verbirgt? Man wird es am 09. Juni 2012 erfahren. Dagegen sieht man im Hintergrund die St. Elisabeth-Kirche mit der Turmskulptur des deutschen Bildhauers Stephan Balkenhol (* 1957), ein bereits präsentes Kunstwerk.

Geht man in die Karlsaue, so entdeckt man an vielen Ecken Objekte, die zur dOCUMENTA (13) gehören oder gehören könnten. So wirkt beispielsweise ein schlichter Bagger schon „verdächtig“ und man fragt sich, welches Projekt hier von einem Künstler in Auftrag gegeben wurde. Es könnte sich natürlich auch um ganz normale Bauarbeiten in der Aue handeln. Was entsteht hier also? Weiterhin findet man überall im Auepark verteilteingezäunte Holzhütten oder Metallhäuschen.

© Livia Blum

© Livia Blum

Oft wundert man sich auch über verschiedene Objekte, wie z. B. über dieses Holzpodest mit hölzernem Kasten. Was soll hier entstehen? Oder befindet sich in dem Kasten bereits das Kunstwerk? Und immer wieder fällt mir mehr und mehr auf, dass die dOCUMENTA (13) mit Geheimnissen spielt, die die Zuschauer zu gern schon jetzt gelüftet hätten.

© Livia Blum

Asterix und Obelix in Kassel?

Ich muss ganz ehrlich gestehen, dieser blätterlose Baum mit einem riesige Stein in seiner Krone, erinnert mich tatsächlich an Asterix und Obelix. In der Comicserie gibt es viele Szenen, in denen der kräftige Obelix einen schweren Hinkelstein auf seinem breiten Rücken trägt. Seltsamerweise musste ich, als ich dieses Werk bewunderte, sofort daran denken. Es handelt sich hierbei um die Kunst des Italieners Giuseppe Penone (* 1947), dessen Kunstwerk „Idee di pietra“ schon seit dem 21. Juni 2010 die Karlsaue ziert.

© Livia Blum

Was hat das Kunstwerk für eine Bedeutung?

Natürlich liegt für mich auch der Gedanke an den deutschen Aktionskünstler Joseph Beuys (1921-1986) nicht fern. Da ich mich über einen längeren Zeitraum mit seinem im Jahr 1982 entstandenen Landschaftskunstwerk „7000 Eichen“ beschäftigte, musste ich beim Betrachten sofort daran denken. Die Materialien, die damals schon Beuys verwendete, nämlich die Verbindung zwischen Baum und Stein, wurden auch hier aufgegriffen. Anders als bei Beuys, der einen Stein neben eine Eiche setzte, befindet sich hier der Stein in der Baumkrone. Um welchen Baum handelt es sich hier eigentlich, ist er überhaupt echt? Ich bin der Meinung, der Baum sieht nicht wirklich lebendig aus. Im Gegenteil, er macht auf mich eher einen leblosen Eindruck, da er keine Blätter hat. Wenn ich genau hinsehe, ist er auch nicht im Boden verwurzelt. Was möchte uns der Künstler mit seinem Werk sagen? Beuys` Kunstwerk lässt sich hinsichtlich ökologischer und gesellschaftskritischer Intentionen deuten. Er wollte den Menschen durch sein Projekt wieder einen Zugang zur Natur schaffen. Umso mehr interessiert es mich natürlich, was diese Baum-Stein-Kombination bedeutet und wie der Künstler selbst sein Werk deutet. Oder lässt er den Betrachtern den Freiraum, das Werk eigenständig zu deuten?

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© Livia Blum

Erst beim genaueren Hinsehen ist mir noch aufgefallen, dass aus der Erde am Fuße des Stammes ein kleines Bäumchen wächst. Auch dieses Werk gibt wie viele weitere Rätsel auf. Ich bin gespannt, was uns die dOCUMENTA (13)-Stadtführer über den Sinn der Kunstwerke berichten.

(lb)