Schon am Hauptbahnhof gewesen?

Heute machten die Mitglieder von dOCUMENTIERT. ihre erste dTOUR – und zwar am Hauptbahnhof. Das Motto dort lautet: Bahnhöfe, Bewegungen, Bilder. Nachdem uns unser Guide am vereinbarten Treffpunkt abgeholt hatte, begann eine zweistündige Führung. Diese verlief jedoch anders als manche sie sich von uns vielleicht vorgestellt hätten, was wohl mit dem Konzept der diesjährigen dOCUMENTA (13) zusammenhängt. Der Guide ist in diesem Sinne nicht mehr derjenige, der uns die Bedeutungen der Werke lediglich erklärt und nahe bringt, sondern er möchte mit uns über die Werke sprechen und diskutieren. Die Kommunikation zwischen den Menschen rückt bei der größten Weltkunstausstellung also in den Vordergrund, der Monolog dagegen in den Hintergrund. Bei unserem Rundgang haben wir einige Eindrücke mitgenommen, aber sehen Sie einfach selbst!

(lb)

Fotos: © Livia Blum

Eine himmlische dOCUMENTA (13)-Kollektion mit teuflischen Preisen? – Kunst von Seth Price

Sie sorgt für Hingucker, Aufreger und Bewunderung: Die dOCUMENTA (13)-Kollektion „Folklore U.S.“ von Seth Price in Zusammenarbeit mit Tim Hamilton im Kaufhaus SinnLeffers. „Letters“-Arbeiten, sowie eine Erweiterung von „Folklore U.S.“ sind am Hauptbahnhof ausgestellt.

Wer von der Weltkunstausstellung nicht genug bekommen kann oder sich ein besonderes Erinnerungsstück der dOCUMENTA (13) aufbewahren möchte, sollte im Kasseler Kaufhaus SinnLeffers vorbeischauen. Dort ist im Erdgeschoss eine Frühling/Sommer 2012-Kollektion ausgestellt, exklusiv für die dOCUMENTA (13). Auf seine Modekollektion weist Price aber bereits in der Schaufensterauslage hin. Drei Puppen tragen ausgewählte Teile seiner Kollektion, im Hintergrund hat er ein Werk seiner „Letters“-Arbeiten installiert, die am Hauptbahnhof zu sehen sind. Einige Designerstücke können käuflich erworben werden. Jedoch muss dafür tief in die Tasche gegriffen werden, denn beispielsweise kostet eine weiße Bomberjacke stolze 600 €. Diese außergewöhnliche Kollektion hat der amerikanische Künstler Seth Price (* 1973) mit dem New Yorker Modedesigner Tim Hamilton (* 1971) im Jahre 2011 entworfen.

© Livia Blum

Ganz in Weiß erstrahlt die Mode von Price und Hamilton

Zunächst assoziieren wir mit dieser Mode vielleicht himmlische Gestalten in einer göttlichen Sphäre. Vielleicht haben die einen oder anderen Mode- und Kunstfreunde die naive Vorstellung, dass im Himmel eben weiß getragen wird. Und vielleicht sind wir von der komplett aus weiß bestehenden Modekollektion auch erst einmal erschlagen, weil wir keinerlei farbige Akzente sehen. Man weiß am Anfang nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Die Kleidung sieht sehr rein und sauber aus, eben fast engelhaft oder sogar göttlich. Wird die Kleidung genauer betrachtet, so fällt auf, dass sie derb und rustikal ist. Wenn sie die Farbe Grün hätte, könnte sie von der Verarbeitung an ein Anglerdress erinnern, bemerkte ein älterer Herr, der sich die Kollektion ansah. Interessant war es zu beobachten, dass über dieses Kunstwerk heftig diskutiert wurde.

Ausgefallene Briefumschlag-Mode aus Leinenstoff

Mit seinen ersten Überlegungen hat man gefehlt, denn es handelt sich hierbei um eine an Soldatenuniformen angelehnte Kollektion, die drei verschiedene Kleidungsstücke umfasst: Eine Bomberjacke, einen Trenchcoat und eine Fliegerjacke. Die Außenseiten der Kleidungsstücke bestehen aus weißem, grobem Leinenstoff. Das Innenfutter ist mit außergewöhnlichen Mustern bedruckt. Es handelt sich hierbei um Sicherheitsmuster aus Umschlägen, die für Geschäftsbriefe verwendet werden, damit die Briefe nicht durchleuchtet werden können.

© Livia Blum

 Leere Hüllen suchen Inhalt!

Und hier sind wir schon beim Thema des Amerikaners Price angelangt. Denn er vergleicht tatsächlich ein Kleidungsstück mit einem Briefumschlag wie im Begleitbuch nachzulesen ist. Zum einen ist er der Auffassung, dass für die Erstellung beider Objekte der gleiche Arbeitsvorgang erforderlich sei: Das Material muss ausgeschnitten, zusammengefaltet und versiegelt werden. Zum anderen sind nach ihm Kleidungsstücke und auch Briefumschläge nur leere Hüllen, die mit Inhalt gefüllt werden müssen, damit sie auf Reisen gehen können. Findet hier also eine Vermenschlichung von Objekten statt? Dass es unsinnig ist, einen Briefumschlag ohne Brief loszuschicken, erklärt sich von selbst und ist nicht ungewöhnlich. Damit ein Kleidungsstück auf Reisen gehen kann, wird ein Mensch benötigt, der es an seinem Körper trägt. Aber dann bleibt doch die Frage im Raum bestehen: Warum zeigt Price am Kulturbahnhof die menschlichen Lebewesen nur als unwichtige, mickrige Zugabe? Warum kann man deren Existenz nur erahnen? Wenn sie doch eigentlich der lebendige Inhalt sind, der die Kleidung zum Leben erwecken soll.

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Price stellt auch am Kasseler Hauptbahnhof aus: Seine „Letters“-Arbeiten und eine Erweiterung der Kollektion „Folklore U.S.“

Wer schon jetzt ein Fan von der Kollektion des amerikanischen Künstlers ist, der in New York lebt, sollte sich auch seine Werke in den Ausstellungsräumen im Südflügel des Kasseler Bahnhofes nicht entgehen lassen. Auch hier bleibt er seiner Modelinie treu: Die Wände des Gebäudes erstrahlen in Weiß. Obwohl auch seine Werke hauptsächlich in Weiß gehalten sind, erwartet den Besucher bei dieser Installation doch ein beeindruckender und sensationeller Anblick.

Umschläge, Umschläge, so weit das Auge reicht

Monumentale, aufgerissene Geschäftsbriefumschläge, die aus denselben Materialien wie die Modekollektion hergestellt sind, hängen an den Wänden oder liegen auf einem Podest. Diesmal sind die bedruckten Futterstoffe nicht nur Schwarz, sondern auch Gelb, Blau und Grün gestaltet. Farbige Bilder greifen das Motto der Briefe erneut auf und setzen weiterhin wenige, aber beeindruckende Kontraste.

Nichts als Leinen?

Für einen Gruselfaktor sorgen die Kleidungsstücke der Kollektion „Folklore U.S.“. Sah man bei Sinnleffers nur drei ausgewählte Kleidungsstücke, so zeigt Price hier die ganze Bandbreite seiner Kollektion, sieben Designerstücke verziert mit Reißverschlüssen, Bändern und Schnallen: Bomberjacke, Offiziersmantel, Gamaschen, Infanterie Poncho, Fliegeranzug, Fliegerhosen und Abfänger-Jacke. Jedoch tut er das nicht in konventioneller Weise. Nein, er hängt eine Kombination aus Briefumschlag und Oberteil einer Jacke an die Wand, sodass diese kaum noch an Kleidung erinnert. Sie wirkt untragbar und verzerrt. Jacken und Mäntel installiert er liegend auf einer Erhöhung. Die Kleidung sieht verblüffend lebendig aus, denn Ärmel und Hosenbeine liegen locker und nicht starr auf dem weißen Podest. Price beweist hier Liebe zum Detail. Selbst ein weißer Schnürfaden des Anzuges ist in Szene gesetzt.

© Livia Blum

Leere Hüllen für den Gruseleffekt

Die Installation erweckt vielleicht bei dem Betrachter den Anschein, als sei dort gerade ein menschliches Wesen herausgeschlüpft. Jedoch ist der Anblick auch ein wenig absurd. Wenn wir eine Wand weiterschauen, sehen wir zwei nebeneinander hängende Fliegeranzüge, die an die Wand genagelt sind. Was ist daran so außergewöhnlich, werden Sie nun denken. Im Gegensatz zu den leeren Kleidungshüllen vorher wirken diese Stücke unheimlich. Die Anzüge hängen schlaff herunter und wirken recht leblos, tot, unscheinbar – fast wie Geister. Es lässt sich in den beiden Gewändern eine menschliche Gestalt erahnen, aber an einen Menschen, der Kleidung mit Würde trägt, erinnert hier – zugegeben – nichts mehr. Die Gliedmaßen der vermuteten, armseligen Gestalten hängen kraftlos herunter. All das könnte auf den Betrachter verzerrt, absurd und unrealistisch wirken. Und es stellt sich noch immer die Frage: Was möchte Seth Price den dOCUMENTA (13)-Besuchern mit seiner Installation vermitteln? Dass wir Menschen nur der Sklave von Kleidungszwängen sind und der perfekten, modernsten Mode hinterher jagen? Dass Kleidung ein Eigenleben hat? Oder etwa, dass Menschen von Zwängen erdrückt werden können und sie deshalb ausbrechen müssen? Wir wissen es leider nicht genau. Aber er löst mit seiner Kunst Debatten aus und hat damit schon etwas bewirkt: Dass wir nämlich über sein Werk nachdenken.

Literatur: Christov-Bakargiev, Carolyn et al. (2012): dOCUMENTA (13). Das Begleitbuch/The Guidebook. Ostfildern. S. 364-365.

(lb)