‚Schonungslose Satire‘ im Kulturbahnhof?

Wie die meisten LeserInnen sicher schon wissen, hat dOCUMENTIERT. vor einiger Zeit an einer dTOUR am Hauptbahnhof teilgenommen. Es gab schon einige Bilder zu sehen und jetzt folgt endlich mal wieder ein Artikel.
Um genauer zu sein, ein Artikel zu Kudzanai Chiurai, dessen Kunst im Südflügel des Bahnhofs zu bewundern ist.

Betritt man den Raum, in dem die Kunst von Chiurai zu sehen ist, sieht man zuerst eine Installation am Boden. Es ist ein Werk aus Olivenholz und Bronze, wie man dem Hinweisschild an der Wand entnehmen kann. Es sieht aus wie ein Mensch, der in einem Baum liegt und von fünf Messern an verschiedenen Stellen zerstochen wird. Die Installation ist beeindruckend, denn jede(r) BesucherIn fragt sich unwillkürlich, welche Intention dahinter steckt. Dem Begleitbuch auf Seite 336 kann man entnehmen, dass Chiurai in Simbabwe nach der Unabhängigkeit des Landes geboren wurde. Dadurch, dass er dem Präsidenten des Landes mit seiner Kunst mit „schonungsloser Satire“ begegnete, als diesem und der restlichen Regierung „ethnische Gewalt, Vetternwirtschaft und Korruption“ vorgeworfen werden, lebt Kudzanai Chiurai derzeit im Exil in Johannesburg.
Es ist also durchaus denkbar, dass sich auch seine Kunst auf der dOCUMENTA (13) mit den Auseinandersetzungen in seinem Heimatland beschäftigt und Chiurai so auf die Probleme in Simbabwe aufmerksam machen möchte, oder vielleicht alles Erlebte verarbeitet.

An der Wand hinter der Installation hängt ein Gemälde, auf dem Löwinnen zu sehen sind und eine nackte Frau, die jedoch nur einen Totenschädel als Kopf hat. Die Leinwand wurde mit verschiedenen Materialien bearbeitet und fällt durch die starken Farben auf, die darauf zu sehen sind.


Geht man weiter in den Raum hinein stehen in der Mitte einige Sitzgelegenheiten, von denen man einerseits auf zwei an der Wand befestigte Bildschirme blickt und andererseits auf ein Bild auf Fotopapier. Einer der beiden Bildschirme zeigt die Kunst an den Wänden, sodass man alle Werke Chiurais noch einmal in Ruhe Revue passieren lassen kann: Also eine Kunst in bewegten Bildern. Der andere Bildschirm zeigt eine Videoinstallation.
Das Bild auf Fotopapier auf der anderen Seite beeindruckt durch seine Lebendigkeit. Es sind mehrere Menschen zu sehen, die an einem Tisch oder davor am Boden sitzen und auf den ersten Blick scheint es eine amüsante Situation darzustellen. Schaut man jedoch die einzelnen Personen genauer an, erkennt man, dass es viel tiefgründiger ist, als es zunächst scheint. Auch die eher dunklen Farben vermitteln schnell eine andere Stimmung.
Des Weiteren befinden sich vier große Leinwände, die mit Kohle gemalte, düstere Motive zeigen, an der letzten Wand. Diese Blickfänger faszinieren sofort. Durch das Hintergrundwissen über die politische Situation Simbabwes, betrachtet man die Werke von Chiurai durch einen zweiten, viel kritischeren Blickwinkel.

Wie die Kunst Chiurais auf Sie wirkt, können Sie im Südflügel des Kulturbahnhofes selbst herausfinden.

Text: Katharina Scholz
Fotos: Katharina Scholz/ Denise Hoffmann

Von Industrie zur Kultur – Haegue Yang

In den alten, stillgelegten Abteilungen des Hauptbahnhofes, bei den verlassenen Gleisen neben einer alten Lagerhalle, hört man immer wieder ein leises Surren, ein kurzes Klicken und dann herrscht wieder einige Zeit Stille.
Zu sehen ist eine Installation aus von der Decke hängenden Aluminium-Jalousien. Sie erinnern stark an das Gerüst eines Zuges, wie er vor vielen Jahren, als der Hauptbahnhof in Kassel noch Hauptanlaufstelle jeglichen Schienen-fern-Verkehrs war, täglich ein und aus liefen. Mit dem Bau des größeren Bahnhofes, Kassel Wilhelmshöhe, wird der Hauptbahnhof seit nun 11 Jahren nur noch für den regionalen Schienenverkehr benutzt. Im Jahr 1995 wurde der alte Bahnhof saniert und als sogenannter Kulturbahnhof entworfen. Hier fanden Kunstgalerien ihren Platz und zahlreiche Künstler der dOCUMENTA (13) ließen sich von der Atmosphäre und den Räumlichkeiten des alten Bahnhofes inspirieren.
So auch die koreanische Installationskünstlerin Haegue Yang, die zwischen verlassenen Bahnsteigen ihr Kunstwerk konzipiert hat. Für ihre Kunst verwendet Yang Alltagsgegenstände, um daraus Installationen, Skulpturen oder grafische Werke zu entwickeln. Ein häufig auftretendes Element stellen die Jalousien dar, so wie sie auch in dieser Installation verwendet wurden.

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Von der Decke hängend und unterschiedlich positioniert, führen die Jalousien den Betrachtern eine motorisierte, mechanische Choreografie vor. Zwischen den einzelnen Bewegungen erfüllt Stille die Halle mit den verlassenen Schienen. Diese Stille lässt den Betrachtern Zeit, die Blicke wandern zu lassen, bis ein erneutes Surren das Augenmerk wieder auf das Kunstwerk lenkt.
Dass der Bahnhof die Künstlerin für dieses Werk inspiriert hat, wird bei der Betrachtung der Umgebung sehr deutlich. Die Jalousien spiegeln optisch einige Elemente der Halle wieder. Und auch die Geschichte des Hauptbahnhofes spielt dabei eine Rolle. Der heutige Kulturbahnhof, der einst für Kassels industrielle Vergangenheit eine große Rolle spielte, dient in gewisser Weise als Beweis dafür, dass der industrielle Aspekt verdrängt und im Gegenzug dazu, dem kulturellen Aspekt eine größere Beachtung zugesprochen wird. Die Industrie wurde durch die Kultur ersetzt.

(dh)