And the winner is…

http://www.hna.de/documenta-13/koepfe/ganze-kleinsten-2505346.html

…Thomas Bayrle! Der Künstler wird dieses Jahr mit dem Arnold-Bode-Preis in Kassel geehrt. Somit reiht er sich mit Gerhard Richter und Rebecca Horn in die Liste der Preisträger ein. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird als Anerkennung herausragender Leistungen für die Kunst der Gegenwart verliehen. Bayrle stellte bei der dOCUMENTA (13) die Installation mit dem collagierten Flugzeug und den betenden Automotoren in der dOCUMENTA Halle aus.

(ch)

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Wie die Zeit vergeht…

Der Sommer neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu, so auch die dOCUMENTA (13) in Kassel. 100 Tage bescherte die Weltkunstausstellung Kassel Internationalität, Kultur und vor allem Aufmerksamkeit.

Wie die Zeit vergeht, zeigt uns die dOCUMENTA: Für Einige verfliegt sie zu schnell, für Andere geht sie gar nicht um. Die Ausstellung findet an sehr vielen Standorten in Nordhessen statt. Für Besucher, die im Besitz einer Tageskarte sind, könnte dies eine Misere sein. Denn es ist unmöglich, alle Museen, Plätze, Kinos und andere Einrichtungen an nur einem Tag zu besichtigen. Es ist vielleicht auch gar nicht wichtig, alles zu sehen. Vielmehr geht es darum, sich seine Zeit so einzuteilen, dass man seine eigene Tour kreiert, in der alles enthalten ist, was man persönlich als sehenswert empfindet. Leider spielt auch in diesem Fall die Zeit eine wichtige Rolle. Aufgrund der sehr hohen Besucherzahl der dOCUMENTA, sind die Wartezeiten vor Ort extrem lange. Um die Installation „The Refusal of Time“ von William Kentridge zu besichtigen, warten die Besucher bis zu zwei Stunden auf die Gewährung des Einlasses.

Dass die Zeit Spuren hinterlässt, zeigt Yan Leis Installation in der dOCUMENTA Halle: Wie bereits in einem Artikel auf documentiert. beschrieben, werden seine Medienbilder nach und nach mit eintöniger Farbe übermalt, um so die Vergänglichkeit und das Voranschreiten der Zeit zu demonstrieren. Hier hatte man eben nicht alle Zeit der Welt, um sich die Bilder auf Leinwand anzuschauen.

Im Falle des Projektes von Theaster Gates im Hugenottenhaus ist es der umgekehrte Fall: Je mehr die Zeit vergeht, umso mehr entsteht im zuvor stillgelegten Haus. Die Projektteilnehmer aus Chicago erledigten mit der Zeit immer mehr von ihren Aufgaben.

Hugenottenhaus dOCUMENTA

Hugenottenhaus dOCUMENTA

Die dOCUMENTA erlaubt in vieler Hinsicht den Bewussten Umgang und die Nutzung der Zeit: Man wird mit Vergangenheit und Zukunft konfrontiert. Die Aufgabe des Besuchers ist es, das Vermittelte in seine Gegenwart einzuordnen und zu entscheiden, inwiefern die Zeit in welcher Rolle in sein Leben tritt.

Sicher ist jedoch, dass die Weltkunstausstellung der Stadt Kassel eine tolle und abwechslungsreiche Zeit geboten hat, in der viele Kunstinteressierte aus aller Welt aufeinander trafen und den Geist der dOCUMENTA belebten. Ein Ergebnis, auf das der Gründer der ersten Ausstellung Arnold Bode stolz gewesen wäre: Ein kulturelles Ereignis, das für 100 Tage die Welt bündelt, unter den für uns heute selbstverständlichen Prämissen der Toleranz, der Offenheit und des Respekts.

Christina Hooge

„Die Gedanken sind frei – wer kann sie erraten?“

Wer schon einmal in der Neuen Galerie vorbeigeschaut hat, dem ist sicherlich auch der große Raum mit den schwarzen Sofas und den verschiedenen Liedtexten an den Wänden aufgefallen.

Dieser Raum beinhaltet eine Klanginstallation von Susan Hiller und trägt den Titel eines bekannten deutschen Liedes, welches gegen politische Unterdrückung und für die Gedankenfreiheit steht: „Die Gedanken sind frei“.

Susan Hiller, die in den USA 1940 geboren wurde und 30 Jahre später ihre Karriere in der Kunst in London begann, nutzte 100 volkstümliche Lieder und möchte das „gesellschaftshistorische Bewusstsein“ bei den Besuchern ihrer Installation wecken. Hiller selbst sagt, dass „die Lieder evokativ für die oft unausgedrückten Ansichten und Erfahrungen vieler Menschen, vom Bauernkrieg bis zu den jüngsten Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen […]“ stehen.

Das Publikum kann sich die Lieder anhören und/ oder einfach nur im Raum stehen und die vielen Liedtexte an den Wänden bewundern und auf sich wirken lassen. Susan Hiller möchte vor allem die verschiedenen Reaktionen der Menschen beobachten, die ihre Installation hervorruft und „all die Positionen, die sie anbietet, erleben.“

Jede/r die/ der während der dOCUMENTA (13) in der Neuen Galerie ist, sollte die Arbeit dieser Künstlerin ansehen beziehungsweise anhören, denn die beeindruckende Sammlung der Lieder und die Atmosphäre im Raum lädt dazu ein, in sich zu gehen und sich Gedanken über die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft zu machen. Zudem ist jede/r BesucherIn Teil einer Relationskette, die dadurch entsteht, dass immer andere Lieder in beliebiger Reihenfolge gewählt werden können: „Jedes Lied, das jemand auswählt, um es selbst zu hören und andere es hören zu lassen, hat das Potenzial, unerwartete Echos wachzurufen.“

Als Quelle diente: Das Begleitbuch/ The Guidebook, S. 152

Text: Katharina Scholz
Fotos: Constanze Wölm

Es plätschert und raschelt – „Untitled (Wave)“ von Massimo Bartolini

Bartolini (* 1962) bringt mit seinem minimalistischen Werk Technik und Natur in Einklang. Es bleibt die Frage: Was bedeutet es?

Ein im Boden versenktes, rechteckiges Plastikbecken gefüllt mit trübem Wasser, ein elektrischer Motor, der das Wasser in Bewegung bringt und Gerste, die das Becken umhüllt. Es fällt auf: Der Italiener, der in Cecina geboren ist und noch heute dort lebt, verbindet in der Kasseler Karlsaue künstliche mit natürlichen Materialien. Der Besucher betrachtet eine Welle, die sich gleichmäßig bewegt und vom einen zum anderen Ende wandert, aber nie über den Beckenrand schwappt. Die Installation wirkt besonders beeindruckend, wenn der Wind den Wellengang unterstützt und die Gerste am Rand raschelt und sich hin und her bewegt.

© Livia Blum

Es ist entspannend, dem regelmäßigen Lauf des Wassers zuzusehen. Aber es stellt sich auch die Frage: Was ist der Sinn dieser außergewöhnlichen Arbeit? Liest man über die „Untitled (Wave)“ nach, so haben wir das Werk richtig beobachtet und die Deutung liegt sehr nah. Der Künstler möchte mit seiner Installation den „endlosen Kreislauf des Lebens“ (Begleitbuch, S. 240) darstellen. Deshalb läuft die Welle also niemals aus und schwappt auch nicht über den Beckenrand. Sie bewegt sich immer gleichmäßig, weil sie endlos ist. Massimo Bartolini gibt den Besuchern somit Denkanstöße, sich mit den philosophischen Themenfeldern der Ewigkeit und Dauerhaftigkeit auseinanderzusetzen.

(lb)

Performance und Kunstwerk von Issa Samb

Ein Kunstwerk wirkt wie ein Paradiesvogel im verwirrenden dOCUMENTA (13)-Dschungel: Bunt, außergewöhnlich und vielfältig – das Werk regt zum Denken an.

Es ertönt eine männliche Stimme in der Karlsaue. Sie wird lauter, dann leiser, die Sprache wird schneller, bis sie für einige Minuten komplett verstummt. Neugierde führt mich zu dem Werk mit der Ausstellungsnummer 157. Ich bahne mir einen Weg durch die Menschenmenge, die sich um eine kunterbunte Baum-Installation versammelt hat und fasziniert das Treiben beobachtet. Was passiert da? Wer spricht? Ich sehe einen dunkelhäutigen Mann, der einen farbenreichen Mantel trägt und wild agiert.

Allroundkünstler Issa Samb in Aktion
© Livia Blum

Ein Mann mit vielen Gesichtern

Wie ich bemerke, bin ich am 08.06.2012, in der Eröffnungswoche der dOCUMENTA (13),  mitten in eine spontane Performance des senegalischen Künstlers Issa Samb (* 1945) geplatzt. Der Maler, Bildhauer, Schauspieler, Philosoph, Performancekünstler, Schriftsteller und Kritiker zeigt während seiner Performance wechselnde Gefühlszustände. Mal lächelt er freundlich, verweilt ruhig vor seiner Installation, verschränkt die Hände hinter dem Rücken und spricht gediegen. Plötzlich verstummt seine Stimme. Er bewegt sich nicht, er schaut das Publikum nur auffordernd an. Stille. Im nächsten Moment gestikuliert er euphorisch, seine Stimme wird lärmend und herrischer – laut und geräuschvoll. Sein Gesicht verzieht sich angespannt.

Issa Samb vor seiner Installation „La balance déséquilibrée (Out of balance)“
© Livia Blum

Die Gedanken fahren Karussell

Schaut man in die Runde, so erkennt man in den fragenden Gesichtern vieler Zuschauer, dass sie seine Handlungen nicht einordnen können – so wie sich seine Installation jeder Einordnung zu entziehen scheint. Verwirrung. Aber dies scheint die Menschenmassen förmlich anzuziehen. Er zieht die Menschen in seinen Bann, auch wenn die meisten wohl nicht verstehen, was er sagt. Er spricht in französischer Sprache. Als ich ihn fotografiere, schaut er mich verwirrt an, was ich nicht verstehe.

Ein Gegner der Technologie? Kaum vorstellbar…

Erst, nachdem ich mich ausführlich über ihn informierte, wurde mir klar: Der extrovertierte Mann hat eine Abneigung gegen sämtliche Technologie. Der Gesamtkünstler, der Gedichte, Essays und Romane schreibt, hat sich mit dem Gebiet der Fotografie noch nie beschäftigt. Er verwendet auch keine modernen, technischen Geräte – außer einem Radio – weil diese seiner Meinung nach die zwischenmenschliche Beziehung zerstören würden. Außerdem möchte er nicht ständig auf der Suche nach Anerkennung oder der Anhäufung von Reichtümern sein. Um sich aber an sein Werk „La balance déséquilibrée (Out of balance)“, dt. „Die unausgeglichene Waage (Aus dem Gleichgewicht)“, annähern zu können, sollte man sich zunächst mit dem Menschen Issa Samb beschäftigen. Welche Weltauffassung hat er? Was hat ihn geprägt?

Samb, der Kritiker

Issa Samb studierte in den 60iger Jahren in Dakar, der Hauptstadt Senegals, Kunst und Philosophie. 1974 gründete er mit verschiedenen Künstlern das Laboratoire Agit-Art. Es handelte sich um eine Künstlergruppe, die sich mit zeitgenössischer afrikanischer Kunst beschäftigte. Sie stellte eine Gegenbewegung zu der Kulturpolitik des senegalischen Dichters und Präsidenten Léopold Sédar Senghor (1906-2001) dar, unter dem Kunst und Politik staatlich geleitet waren. Diese Schranken durchbrach die Künstlergruppe mit Installationen und Performances. Kunst sollte von nun an kreativ, sozial, ästhetisch und politisch sein. Sie riefen afrikanische Bürger zur aktiven Mitarbeit auf. Die meisten Mitglieder der Gruppe sind mittlerweile verstorben. Mit Issa Samb wird der Geist der Gruppe jedoch nach Kassel getragen. Wer zu ihm mehr erfahren möchte, dem ist „Das Begleitbuch“ sowie „Das Buch der Bücher“ sehr zu empfehlen.

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Menschlichkeit und Toleranz als höchste Tugenden

Alte Bücher, Kreuze, eine Feuerstelle, eine Skulptur, bunte Stoffe und Püppchen am Baum hängend – was bedeutet das? Samb, ein Vertreter des Humanismus, möchte mit seiner Installation für Toleranz appellieren. Er selbst bezeichnet die „kulturelle und religiöse Intoleranz“ als eine „Krankheit unserer Zeit“, die geheilt werden müsse. Dies versucht er u.a. durch das riesige, weiße Kreuz zu erreichen, das an einem Baum lehnt. Er teilt ihm die Aufgabe eines Vermittlers zu: Durch das eingewickelte Kreuz sollen wir Menschen unsere Menschlichkeit und Weisheit wieder finden. Auch sollen wir lernen, Menschen, die anders als wir selbst sind – sei es deren Religion oder Lebensauffassung – zu akzeptieren. Viele weitere Kreuze überbringen diese Botschaft. Schaffen wir es nicht, das Anderssein unserer Mitmenschen zu akzeptieren, so gäbe es Kriege.

An dieser Stelle wird Sambs Weltanschauung deutlich, der nach Disziplinen wie Gewaltfreiheit, Gewissensfreiheit und Toleranz lebt und dem Charaktereigenschaften wie Freundlichkeit, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft besonders wichtig sind. Es ist anzunehmen, dass Issa Samb mit der Feuerstelle, den alten Büchern und den Püppchen eine Verbindung zwischen der afrikanischen Tradition und den Menschen im 21. Jahrhundert schaffen möchte.

(lb)

„Bubumm bubumm” und „Tick tick tick”

Bei der diesjährigen dOCUMENTA (13) wurden nun schon häufiger die ungewöhnlichen Orte erwähnt, die auch als Ausstellungsorte genutzt werden. Zu ihnen gehört auch das Bekleidungsgeschäft C&A. Einige dOCUMENTIERENDE begaben sich auf den Weg und besuchten den ausgefallenen Ort.

Wenn wir auf das Geschäft zu laufen, werden wir gleich von dem typischen Plakatständer in dOCUMENTA-gelb begrüßt. Dann begeben wir uns in den Laden und finden am Informationsschild den nächsten kleinen Hinweis, wohin der Weg gehen soll. Wir erfahren, dass sich der Ort des Begehrens im dritten Stock bei der Kinderabteilung befindet und machen uns dann freudig erregt auf den Weg zur Rolltreppe. Wenn wir die Fahrt hinter uns haben, laufen wir auf ein weiteres Hinweisschild auf dem „dOCUMENTA“ prangt zu und richten uns, wie auf dem darauf abgebildeten Pfeil gezeigt, nach rechts. Danach folgen wir einfach dem normalen Weg geradeaus. Zuerst sehen wir überall nur rosafarbene Kinder-T-Shirts, aber schon bald bemerken wir, dass auf der rechten Seite ein Nebengang ist. Diesen gehen wir entlang und kommen bald in einen großen, hallenartigen Raum, der sehr karg wirkt. Gleichzeitig tönt von allen Seiten ein „Bubumm, bubumm“ und ein „tick tick tick“. Der Raum ist tatsächlich sehr leer, bis auf einen, durch einen weißen Vorhang abgetrennten Bereich, der jedoch auf einer Seite offen geblieben ist. Dort drin steht eine Bank und durch die offene Seite schauen wir auf eine große Box, aus der das „bubumm“ zu hören ist.
Wir begreifen so langsam, was diese Geräusche zu bedeuten haben. Wenn wir darauf achten, dann stimmt das laute „bubumm, bubumm“ nämlich mit dem eigenen Herzschlag überein. Das ebenfalls sehr laute Ticken, was aus einer anderen Ecke der Halle tönt, erinnert an eine Uhr.

Diese Klanginstallation ist das Produkt des Künstlers Cevdet Erek. Der 1974 in Istanbul geborene Künstler, der auch heute noch in seiner Geburtsstadt lebt, hatte bereits diverse Einzelausstellungen und nahm auch schon an einigen Gruppenausstellungen teil.
Cevdet Erek nennt seine Installation „Room of Rhythms“ und der Name macht dem Kunstwerk wirklich alle Ehre. Aber nicht nur die Klänge, sondern auch die Architektur gehören zu seinem Werk.

Das Schöne an einem Kaufhaus als Ausstellungsort ist, dass man auch ohne ein dOCUMENTA-Ticket Zugang zu der Installation hat. Jede(r) potentielle Käufer(in) kann also auch gleichzeitig, wenn er oder sie einen kleinen Abstecher macht, die Kunst begutachten. Zudem gibt es auch noch weitere Möglichkeiten zu dem Werk von Cevdet Erek zu gelangen, denn beispielsweise auch durch den Nebeneingang in der Straße Neue Fahrt gelangt man zu der einfach scheinenden, aber beeindruckenden Installation. Ganz einfach, indem man in den Fahrtstuhl steigt.

Wer Interesse an einer Performance des Künstlers hat, sollte am 22. Juli um 11.00 Uhr im Ständehaus oder am selben Tag um 15.00 Uhr bei C&A vorbeischauen.

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